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Gerhart hauptmann: bahnwärter thiel

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Erzählerische Mittel



Von seinen frühen bis zu seinen späten Bühnenwerken bereitet der Dramatiker Hauptmann den Tod der Hauptpersonen von langer Hand und auf vielfache Weise vor. Diese kunstvolle Technik der Vordeutung hat der Autor auch im Bereich der Epik verwendet, sie ist bereits im 'Bahnwärter Thiel" ausgebildet, wie die folgenden Beispiele belegen werden.

      Im objektiv berichtenden ersten Absatz der Erzählung wird gesagt, daß Thiel ein gesunder Mann war, den nur zwei Dienstunfälle in zehn Jahren ans Bett fesselten. Untergründig aber kündigt sich bereits die Krankheit an, allerdings in einer Weise, die dem Leser eine genauere Information zunächst vorenthält. Thiel erscheint als ein Gefährdeter: wiederholt schon hat ihm seine berufliche Beschäftigung mit der Eisenbahn Unglück gebracht, für den aufmerksamen Leser ein Grund zur Besorgnis für den weiteren Lebenslauf des Bahnwärters.
      Träume haben in Hauptmanns Dramen, so in 'Hanneles Himmelfahrt" oder 'Elga", eine wichtige vordeutende Funktion. Genauso ist es hier mit Thiels Traum von seiner toten Frau, die am Bahnwärterhäuschen vorüberhastet und 'in Tücher gewickelt, etwas Schlaffes, Blutiges, Bleiches" mit sich trägt. Als Thiel nach dem Zugunglück sein schwer verletztes Kind erblickt, wiederholen sich die Adjektive fast wörtlich:
'Er schrickt zurück - er steht. Aus dem Tanze der Glühwürmchen tritt es hervor, blaß, schlaff, blutrünstig. Eine Stirn, braun und blau geschlagen, blaue Lippen, über die schwarzes Blut tröpfelt."
Die braune Farbe erinnert an eine Stunde des Glücks, die der Vater mit Tobias auf einer Waldwanderung verbrachte. Der Junge trug damals ein braunes Plüschmützchen und fand in einem Birkenwäldchen Blumen:
'Stücke blauen Himmels schienen auf den Boden des Haines herabgesunken, so wunderbar dicht standen kleine blaue Blüten darauf."
Der Zeichencharakter des Farbklanges Braun und Blau schlägt dann in der Verbindung mit dem 'schwarzen Blut" des Kindes vom Glück zum Verderben um und verfestigt sich in dieser neuen Bedeutung: mit den Worten 'ich will sie wieder braun und blau schlagen" schwört Thiel Lene den Tod; Lene verfärbt sich, als der tote Tobias gebracht wird: 'ihr Gesicht war bläulichweiß, braune Kreise lagen um ihre Augen" . Angesichts des Wahnsinnigen, der 'das braune Pudelmützchen" liebkost und in die Charite mitnimmt, ist die Farbe schließlich ein doppeldeutiges Zeichen für Beglückung und Zerstörung zugleich.

     
Lenes bläulichweißes und braunes Gesicht bereitet den Leser, der Thiels Verwünschungen nicht vergessen hat, auf das schreckliche Ende vor. Der Bahnwärter, im Gesicht bereits von der geistigen Zerrüttung gezeichnet, bewirkt durch sein Aussehen Erschrecken und Grauen bei seiner Gattin. Sein Zusammenbruch ist ein retardierendes Moment vor der Katastrophe. Diese kündigt sich in der gespenstischen Atmosphäre des Kiefernforstes an, den die Heimkehrenden durchschreiten: das Mondlicht nimmt eine immer blassere Färbung an, je höher der Erdtrabant zu rücken scheint; ein 'matter Lichtdunst" malt die 'Gesichter der Dahinschreitenden leichen-haft" an . Auf dem Hintergrund der Blässe des verunglückten Tobias erhält das vergleichende Adjektiv eine unübersehbare Zielgerichtctheit. Von der ermordeten Frau wird mit einem Satz berichtet: 'Lene lag in ihrem Blut, das Gesicht unkenntlich, mit zerschlagener Hirnschale" . Nicht nur das Gesicht, das in den Vordeutungen mehrfach eine Rolle spielte, ist hier beachtenswert, sondern vor allem das Verbluten. Man erinnert sich, daß die tote Minna in Thiels Traum etwas Blutiges mit sich trug. Selbst bei seinen dienstlichen Verrichtungen kam der Bahnwärter von diesem Traumbild nicht los:
'Zwei rote, runde Lichter durchdrangen wie die Glotzaugen eines riesigen Ungetüms die Dunkelheit. Ein blutiger Schein ging vor ihm her, der die Regentropfen in Blutstropfen verwandelte. Es war, als fiele ein Blutregen vom Himmel.
      Thiel fühlte ein Grauen und, je näher der Zug kam, eine um so größere Angst; Traum und Wirklichkeit verschmolzen ihm in eins."
Hier wird Blut zur Metapher, in der Verbindung mit dem Traum verstärkt sich seine vordeutende Wirkung, die zuerst auf den Unfall mit Tobias hinweist: über die Lippen des Verunglückten tröpfelt 'schwarzes Blut" . In der Erinnerung an dieses Blut des Jungen schwört Thiel seiner Frau den Tod: mit dem Küchenbeil will er sie erschlagen, was er schließlich wirklich tut .
      Die Darstellung des Traumes und der gespenstischen Atmosphäre, die Verwendung von Farben und die Verwandlung von Blut zur Metapher für Tod und Vernichtung bilden ein dichtes Gefüge von Beziehungen und Vordeutungen auf das schreckliche Ende der Erzählung. Der Leser wird nicht unvorbereitet mit der Katastrophe konfrontiert, sondern er wird Schritt für Schritt behutsam geführt; allerdings muß er die Zeichen am Wege beachten und als Warnsignale erkennen. Am Schluß soll ihm dann die Einlieferung des vorher rechtschaffenen Bahnwärters in die Irrenanstalt nach der Ermordung von Frau und Kind als etwas Unausweichliches erscheinen.
      Sollen die Schüler mit diesen Zusammenhängen vertraut werden, so müssen sie erkennen, daß
- Thiels Traum wichtige Warnsignale enthält, die den Leser auf die folgenden Ereignisse vorbereiten
- Farben als zeichenhafte Bedeutungsträger für die Struktur der Erzählung dienen
- Blut zu seiner konkreten eine metaphorische Bedeutung erhält
- eine gespenstische nächtliche Atmosphäre die Mordtaten ankündigt
- der Autor mit der sorgfältigen Vorbereitung des Verbrechens seine Unvermeidbarkeit belegen will.
      Nach Fritz Martini stellt Hauptmann nicht allein das empirisch Wirkliche, sondern auch das Symbolische dar, beides verbunden zu einer'Einheit von Realismus und Symbolik" . Exemplarisch zeigt Martini diese Einheit an der Stelle auf, wo der an der Schranke lehnende Thiel Sonnenuntergang und Vorbeifahrt eines Zuges miterlebt. Seine Deutung, von der bereits die Rede war, kann für die Einführung in die symbolische Erzählweise Hauptmanns genutzt werden, allerdings in einer der 10. Jahrgangsstufe entsprechenden Weise. Mit Hilfe der konkreten Arbeit an der Textstelle sollte es möglich sein, mit der Lerngruppe die folgenden Ziele zu verwirklichen:
- Erkennen der wichtigen Funktion, welche die Vergleiche für die Aussage haben
- Erkennen der engen Verknüpfung der Bereiche Natur und Technik in der Darstellung von Kiefernwald und Bahnstrecke
- Erkennen derjenigen Eigenschaften des Zuges, die ansonsten in der bewegten Natur und sogar beim Menschen beobachtet werden
- Erkennen des Gegensatzes zwischen der Naturschönheit des Sonnenuntergangs und der zerstörerischen Gewalt des Zuges
- Erkennen der Passivität Thiels in dieser Szene
- Erkennen der Determinanten, die Thiels Passivität bewirken
- Auffinden der Parallelen zwischen
Glut und Verwesungslicht des Sonnenuntergangs einerseits und Thiels sexueller Triebfixierung auf Lene sowie dem Verbrechen Thiels andererseits, dem 'rasenden Tosen und Toben" des Zuges und nachfolgendem Schweigen einerseits und Thiels mordendem Wahnsinn mit dem nachfolgenden Verlöschen seiner Persönlichkeit in der geschlossenen Anstalt andererseits.
     

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