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Gerhart hauptmann: bahnwärter thiel

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Der Täter und seine Motive



Zu Anfang der Erzählung wird Thiel dem Leser als ein rechtschaffener Mann in geordneten Verhältnissen vorgestellt. Mit dem Tod seiner ersten Frau im Kindbett übernimmt er die Verantwortung für den kleinen Tobias. Daß er sich des Kindes wegen nach Ablauf des Trauerjahres zu einer zweiten Ehe entschließt, erscheint selbst dem zunächst bedenklich gestimmten Pastor als wohlbegründet. Krimogene Züge sind nirgends zu entdecken. Es ist die Persönlichkeit Lenes, der zweiten Ehefrau, und ihre Wirkung, die in dem scheinbar geschlossenen Charakter Thiels Brüche entstehen läßt. Mit ihrer Härte, ihrer 'brutalen Leidenschaftlichkeit", ihrer Zank- und Herrschsucht unterwirft sie sich den Ehemann. Je mehr dieser 'durch die Macht roher Triebe" von Lene abhängig wird, desto größer werden seine Gewissensbisse. Als Gegenbild erscheint ihm die tote Gattin, denn mit ihr verband ihn eine 'mehr vergeistigte Liebe" . Im Totenkult für die Verstorbene sucht er eine Kompensation für die Erniedrigung durch die zweite Ehe. Der Riß, der sich auftut, wird durch berufliche Anforderungen vertieft. Als Bahnwärter seit zehn Jahren auf einsamem Posten 'im märkischen Kiefernforst", fehlen ihm alle Möglichkeiten, durch mitmenschliche Teilnahme oder soziales Engagement über die innere Krise hinwegzukommen. Statt dessen muß er den Großteil der


Dienstzeit in einem entlegenen Wärterhäuschen absitzen, wo ihn die Erinnerungen an die tote Minna so sehr in ihren Bann schlagen, daß ihm Gesangbuch und Bibel, Ekstase und Visionen in eine Kapelle versetzen.
      Mit der Geburt des zweiten Kindes verschlimmert sich die bisher nur untergründig schwelende Ehekrise. Thiels Liebe zu Tobias ruft Lenes Haß auf den Stiefsohn hervor. Ihre Mißhandlungen des Kindes können dem Vater auf die Dauer nicht verborgen bleiben. Außerdem droht der Einbruch der bedrückenden Familienrealität in Thiels kultischen Bereich, als Lene beginnt, einen Acker in der Nähe des Wärterhäuschens zu bearbeiten. In aller Deutlichkeit erkennt Thiel seine 'Unterlassungssünden" , die Leiden des älteren Sohnes erwecken in ihm zwar Mitleid, Reue und Scham, aber keine Entschlossenheit, Abhilfe zu schaffen. Im Traum erscheint ihm Minna, nicht tröstend, sondern abgewandt, sich von ihm lossagend. Selbst die Aufregungen dieses Traumes bewirken keine Distanzierung von Lene, denn ihre erotische Ausstrahlung erregt in Thiel stets von neuem eine Leidenschaft, die ihn überwältigt .
      Wegen Lenes Vernachlässigung der Aufsichtspflicht gegenüber Tobias, dessen Gefährdung in unmittelbarer Nähe der Bahnstrecke sie nicht erkennt, geschieht das Zugunglück, das den Tod des Jungen herbeiführt. Da Tobias das einzige lebende Wesen ist, dem Thiel sich tief innerlich verbunden fühlt, da der Junge zudem das Vermächtnis der toten Gattin darstellte, die eine immer stärkere Macht über sein Denken und Fühlen gewinnt, muß dieses Unglück den Bahnwärter in allen Fasern erschüttern. Der bisher latente Antagonismus zur übermächtigen Frau wird plötzlich manifest und erreicht schreckliche Dimensionen: Thiel faßt den Entschluß, Lene zu töten; er ahnt, daß er wahnsinnig wird, will dagegen ankämpfen, vermag es jedoch nicht und kann gerade noch innehalten, als er sich dabei ertappt, wie seine Hände Lenes Kind erwürgen wollen. Er bricht zusammen, muß nach Hause getragen werden, wirkt aber mit seinen geballten Fäusten selbst im Zustand der Bewußtlosigkeit auffällig aggressiv. In der Nacht tötet er Frau und Kind und wird am nächsten Tag 'nach der Irrenabteilung der Charite überführt" .
      Die Geisteskrankheit, die sich in der wahnhaften Fixierung auf die tote Gattin anbahnt, unterscheidet Thiel von jedem Täter, der mit kühler Ãoberlegung und berechnendem Kalkül zu Werke geht. Trotzdem wird er von Motiven geleitet, die auch bei geistig nicht gestörten Menschen eine Rolle spielen müßten. Mißhandlung eines Kindes und zu seinem Tode führende, grob fahrlässige Verletzung der Aufsichtspflicht würden wohl auch eine andere Ehe zerrütten. Im Falle Thiels kommt erschwerend hinzu, daß der Vater im mißhandelten Sohn eine Wiederholung seiner eigenen Unterdrückung vor Augen sieht. Die sexuelle Triebbindung an die ihn beherrschende Frau macht ihn eine Zeitlang handlungsunfähig, bis das Zugunglück ein maßloses Racheverlangen in ihm auslöst.
      Hauptmanns literarische Darstellung eines Mörders wird von einer neueren psychologischen Analyse weitgehend bestätigt. Paul Ghysbrecht führt in seinem Buch 'Psychologische Dynamik des Mordes" aus, daß dem Mord 'sexuelle, soziale und existentielle Frustrationen" zugrundelägen sowie die 'Unfähigkeit des Menschen zu schöpferischen und sinngebenden sozialen Beziehungen". Erniedrigt werde die Frustrationsschwelle durch bestimmte Lebenskrisen, auch durch Krankheit, geistige oder soziale Minderwertigkeit. Im sogenannten Leidenschaftsdelikt bestehe die Bindung zwischen Täter und Opfer nicht in Liebe und Zuneigung, sondern Begierde und sexueller Habgier. Zu den Motiven für solche Delikte zählt Ghysbrecht u. a. Gefühle der Benachteiligung durch den Partner sowie verletztes Ehrgefühl.
      'Die Unfähigkeit zur Koexistenz, die als die wesentliche Ursache von Mordhand-lungen anzusehen ist, liegt fast immer in der Charakterstruktur oder in einem Krankheitsprozeß des Täters begründet. Der Kranke sucht seinen Konflikt mit der Umwelt, den er anders nicht lösen kann, durch die Tötung des anderen zu beenden."
Als Zusammenfassung dieses Teils seien elf Lernziele aufgeführt, die dem Unterricht zur Orientierung dienen.

      Die Schüler sollen erkennen,
- daß Thiels Charakter bis zur zweiten Eheschließung keine krimogenen Züge aufweist
- daß Thiel 'durch die Macht roher Triebe" von Lene abhängig wird
- daß die bedrückenden Probleme der zweiten Ehe Thiels Totenkult mit Minna bewirken und fördern
- daß die berufliche Isolation Thiels einer Lösung der Eheprobleme im Wege steht
- daß Lenes Haß auf Tobias nach der Geburt ihres Kindes die Spannungen in der Ehe verschärft
- daß Thiels sexuelle Triebgebundenheit sein Einschreiten gegen Lenes Mißhandlungen des älteren Sohnes verhindert
- daß Lenes Verletzung der Aufsichtspflicht das Zugunglück verursacht, das Tobias das Leben kostet
- daß Zugunglück und Tobias' Tod in Thiel Wahnsinn und Mordabsichten gegen Lene auslösen
- daß Thiels Morde die Untaten eines Wahnsinnigen sind
- daß seine Motive aus einer Ehe ohne Koexistenz und Gleichberechtigung der Gatten resultieren
- daß Hauptmanns literarische Darstellung eines Mörders mit Ergebnissen der Psychologie weitgehend übereinstimmt.
     

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