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Bahnwärter Thiel
Nach unsteten Lehr- und Wanderjahren, die ihn von Breslau nach Jena, von Hamburg nach Rom, von Dresden nach Berlin führten, heiratete der dreiundzwanzigjährige Gerhart Hauptmann 1885 Marie Thienemann und ließ sich mit seiner Frau in Erkner nieder, einem entlegenen Ort mitten im märkischen Waldgebiet an der Eisenbahnstrecke Berlin - Frankfurt/Oder — Breslau. Er hatte die Bildhauerei aufgegeben und sich der Literatur zugewandt. Bei seinen häufigen Besuchen in Berlin fand er Zugang zu einem Kreis junger Literaten, die sich unter dem Namen „Durch!" zusammengeschlossen hatten. 1887 schrieb Hauptmann in Erkner nach einem Unglücksfall, der sich dort ereignet hatte, die Novelle „Fasching" und kurz danach „Bahnwärter Thiel". 1888 nahm er das Manuskript der „novellistischen Studie" mit nach Zürich. Er besuchte dort seinen Bruder Carl, der sich in regem Gedankenaustausch mit einem Freundeskreis von Wissenschaftlern und Schriftstellern intensiv mit aktuellen Problemen der Medizin und Philosophie auseinandersetzte. Gerhart Hauptmann studierte Krankengeschichten von Patienten der Kantonalirrenanstalt in Burghölzli, hörte Vorlesungen des Psychiaters Auguste Forel, traf mit Frank Wedekind und Karl Henkeil zusammen und legte am Zürichberg einen Kranz am Grabe Georg Büchners nieder, mit dessen Werk er sich in Erkner eifrig beschäftigt hatte.
Von Zürich aus sandte Hauptmann das Manuskript des „Bahnwärter Thiel" an die in München erscheinende Zeitschrift „Die Gesellschaft. Realistische Wochenschrift für Litteratur, Kunst und öffentliches Leben". Ihr Herausgeber Michael Georg Conrad brachte Hauptmanns Novelle 1888 heraus; in einem Erinnerungsbuch berichtete er 1902 von begeisterten Zuschriften der Leser: „Man habe seit Zola keine bessere Novelle in Deutschland gelesen". Die erste Buchausgabe, erschienen 1892 bei S. Fischer in Berlin, wurde von der Literaturkritik beachtet, denn Hauptmann war inzwischen durch seine Dramen „Vor Sonnenaufgang", „Das Friedensfest", „Einsame Menschen", „Kollege Crampton" ein bekannter Bühnenautor geworden.
In der Zeitschrift für den Verein „Freie Bühne" betont Felix Hollaender in seiner Rezension Hauptmanns Abweichen von der Novellentradition des Cervantes und Paul Heyse: „Nicht Ereignisse wollte er darstellen, sondern Charaktere entwickeln." „Bahnwärter Thiel" enthalte eine „Charakterstudie großen Stils". Als Eigenart der Novelle bezeichnet Hollaender die „Kontrastierung grober Sinnlichkeit und übergeistigter, fast religiöser Liebe, die in mystische Stimmungen überschlägt"; das „sexuelle Problem" wird diesem Zusammenhang zugeordnet . „Die Neue Zeit. Revue des geistigen und öffentlichen Lebens" veröffentlicht 1893 eine mit E. B. gezeichnete Besprechung aus sozialistischer Sicht. Hervorgehoben wird zunächst die Alltäglichkeit der Handlung. Als „Kernpunkt der Erzählung" erscheint die „moralische Impotenz Thiels", die für die Mißhandlung des kleinen Tobias und für die seinen Tod verschuldende Gleichgültigkeit Lenes verantwortlich gemacht wird. E. B. sieht im „Bahnwärter Thiel" eine „Schilderung seelischer Erkrankung" und bedauert, daß ein Autor, den er „auf der Seite der Kämpfer für eine neue Gesellschaft" begrüßt, „das Gesunde, das unsere Zeit bietet, zu vergessen scheint". Nach Auffassung des Rezensenten muß der Dichter „mehr als ein bloßer Kliniker" sein : diese Forderung sollte Hauptmann Zeit seines Lebens immer wieder hören.
Zum ersten Male werden in diesen beiden Rezensionen Probleme angesprochen, die Jahrzehnte später die Literaturwissenschaft ausführlicher und gründlicher behandelt.
In ihrer literatursoziologischen Untersuchung erkennt Irene Heerdegen die Berechtigung der Kritik an, die aus der Sicht der deutschen Arbeiterbewegung in der Rezension der „Neuen Zeit" geübt wurde, sie möchte aber darüber hinaus zu einem differenzierteren Urteil gelangen. Als „Vorstoß in den Lebensbezirk der unteren Volksschichten" und im Hinblick auf die Entwicklung des „kritischen Realismus in Deutschland" hält sie die Novelle für „vordienstvoll". In der einfühlsamen Darstellung des Bahnwärters findet sie Hauptmanns Anteilnahme am Geschick der ganzen Schicht, der Thiel angehört. Der Autor
„gibt dem verzweifelten Kampf dieses Mannes um ein menschenwürdiges Dasein überzeugend Ausdruck und rechtfertigt damit den Anspruch seiner Schicht auf Lebensbedingungen, die wahre Befriedigung gewähren und eine Entwicklung seelischer und geistiger Kräfte ermöglichen."
Für Thiels Scheitern macht Irene Heerdegen vor allem die völlige Isolation verantwortlich, in der er auf seinem Posten leben muß. Die Beziehungen des Bahnwärters zur Natur müßten soziale Beziehungen zur Umwelt ersetzen. So kommt die Autorin zu dem Schluß, daß in der Novelle nicht die soziale, sondern die psychologische Problemstellung dominiere. Sie betont jedoch, daß die psychologische nie von der sozialen Problematik getrennt werde: „haben doch die seelischen Nöte des Helden deutlich verfolgbare soziale Ursachen".
Fritz Martini bietet in seinem Buch „Das Wagnis der Sprache" eine profunde Würdigung der Erzählung Hauptmanns, indem er, von der detailierten Interpretation einer zentralen Textstelle ausgehend, ein Gesamtbild des „Bahnwärter Thiel" auf dem Hintergrund der für Hauptmann grundlegenden Vorstellung vom Urdama entwirft. Die ausgewählte Stelle ist im dritten Teil der Novelle zu finden: Nachdem der Bahnwärter die Barriere geschlossen hat, lehnt er sich an die Sperrstange, um den vorbeifahrenden Zug zur Stunde des Sonnenuntergangs abzuwarten; kurz danach kommt ihm zu Bewußtsein, daß er zwei Jahre lang nichts gegen die Leiden seines Ältesten unternommen hat, der damit der Härte seiner Stiefmutter schutzlos preisgegeben war. Martini beschäftigt vor allem das Ineinander von Natur und Technik. Ihre empirische Wirklichkeit werde ins Visionäre überhöht und entschränkt, beide würden „zur Erscheinung eines Übermenschlich-Elementaren, zum Symbol einer umfassenden, geradezu mythischen Vitalität". Die moderne Technik, „Symbol und Wirklichkeit einer Gewalt, die neben die mythische Gewalt der Natur tritt", erscheine nicht als eine vom Menschen geschaffene und gelenkte, sondern als eine ihn überwältigende Macht. „Er wird nicht tätig ihr Herr, sondern er erliegt ihr wie einem Schicksal." Übermacht und Schicksal sei auch die Natur in ihrer Doppelheit von Vitalem und Spirituellem,
„aber sie wird im Sonnenuntergang aus der Seele des Schauenden als etwas in seinem F.rglühen Göttliches erfahren, das mit gläubiger Innerlichkeit als Schönheit umfaßt wird".
Die gleichen dynamischen Urkräfte verklärten sich in dem Bild der Landschaft durch die Heilung ins Schöne und erschienen in der Technik als das Dämonische. Diese gegensätzlichen Erscheinungsweisen derselben Kraft nennt Martini die „Antinomie des Heiligen und Zerstörerischen". Thiels Geschichte wird zur „Tragödie des leidenden, überwältigten Menschen" .
Die literaturhistorische Bedeutung der Novelle bestimmt Martini, indem er im Vergleich mit der Erzählkunst des 19. Jahrhunderts sowohl Gemeinsamkeiten wie Unterschiede herausarbeitet. Besonders bündig stellt Martini diese Bedeutung in seinem Nachwort zur Textausgabe des Reclamverla-ges heraus. „Bahnwärter Thiel" bezeichne „eine Schwellensituation in der neueren Geschichte des deutschen Erzählens":
- Die Erzählung deute in ihrer novellistischen Struktur auf die Novellentradition des 19. Jahrhunderts zurück und greife deren symbolisches Sprechen auf.
- Sie übersteige das realistische Erzählen durch eine neuartige Verschmelzung der „dinglich-sinnlichen Außenwelt und psychischen Innenwelt".
- Mit der Darstellung des Milieus kleiner Leute, der Triebgebundenheit und Krankengeschichte eines dem Wahnsinn anheimfallenden Menschen nehme sie Forderungen des Naturalismus auf.
- Mit dem Untertitel „Studie" betone sie parallel zum zeitgenössischen Pleinairis mus der impressionistischen Malerei die Beobachtung unmittelbar am Objekt und die Absage an schematische Formkonventionen. - Schließlich nehme sie mit dem Thema des ungesicherten Menschen, in dessen scheinbar festgefügte Alltäglichkeit das Chaotische einbreche, Züge des expressionistischen Erzählens voraus.
In eine andere Richtung als bei Martini weist die Symbolinterpretation bei Benno von Wiese. Er sieht die Entwicklung der Novelle seit der Romantik im Zeichen einer Entfaltung von „echter Symbolkraft", die das Zufällige einer Begebenheit ins Gleichnishafte erhebe. Demgemäß gilt das Hauptaugenmerk des Interpreten, der die Wandlungen der deutschen Novelle von Goethe bis Kafka verfolgt, bei Hauptmann dem zentralen Dingsymbol der Bahnstrecke; sie werde zu einem gleichnishaften Ort, wo das Unsichtbare in das Sichtbare einbreche und sich eine reale und geordnete Welt ins Geisterhafte und Chaotische auflöse.
„Gerade die Entmächtigung der bis ins Detail beschriebenen alltäglich-durchschnittlichen Wirklichkeit durch überwirkliche, unbewußte Mächte des Traumes, der Vision, der Seele, der Natur, mit einem Wort: des Irrationalen ist das Thema dieser Novelle."
Die literaturwissenschaftlichen Ergebnisse von Fritz Martini und Benno von Wiese für den Schulgebrauch verfügbar zu machen, ist ein Anliegen Werner Zimmermanns. Er legt Wert auf die Feststellung, daß die Novelle mehr biete als die Geschichte eines Psychopathen:
„Es ist ein Mythos von der furchtbaren Gewalt des Unbewußten und Elementaren, das seine Übermacht auch oder gerade in der technisierten Welt des modernen Menschen erweist."
In seinen „Aufgaben zur Erschließung" spielen Offenbarwerden und Durchbruch dieser elementaren Kräfte eine wichtige Rolle. Zugleich erhalten die Veränderungen in Thiels Bewußtsein besondere Bedeutung. Für den Aufbau der Novelle wird das krasse Spannungsgefälle zwischen dem ersten und letzten Absatz der Erzählung herausgestellt, in einer Strukturskizze das äußere und innere Geschehen in zwei Kurven visualisiert. Der Verbindung mit dem dramatischen Werk des Autors dienen Vergleiche mit „Fuhrmann Henschel" unter den Gesichtspunkten der Geschlechterbeziehung und des Menschenbildes; zur literaturgeschichtlichen Einordnung wird der Vergleich mit Georg Büchners „Lenz" unter dem Aspekt des ausbrechenden Wahnsinns angeregt .
Für die 10. Jahrgangsstufe der Hauptschule entwirft Reiner Foppe eine Unterrichtskonzeption für den „Bahnwärter Thiel", ihr Rahmenthema heißt: „Soziale und existenzielle Grenzsituationen des Menschen aufgrund seiner Fremdbestimmtheit in einer zunehmend technisierten Umwelt -dargestellt an ausgewählten Beispielen der Literatur ". Poppe konzediert, daß man Hauptmanns Novelle nicht zu den Texten der „Arbeitswelt" zählen könne, die in seiner Reihe dominieren; er fordert, den „Bahnwärter Thiel" als „frühes Beispiel der Auseinandersetzung mit einer durch den technischen Zugriff sich verwandelnden Welt zu begreifen". Thiel sei ein Vorläufer der vom technischen Fortschritt vereinnahmten Menschen, die in der Literatur der Arbeitswelt dargestellt würden .
Unabhängig von der bereits dargelegten literaturhistorischen Bedeutung der Novelle muß die didaktische Analyse von der Frage ausgehen, welche Gesichtspunkte eine Empfehlung für den heutigen Deutschunterricht gestatten.
„Bahnwärter Thiel" besitzt Eigenschaften, die den Zugang des Lesers erleichtern: eine geringe Seiten- und Personenzahl, eine alltägliche und zugleich sensationelle Handlung; die Sprache wirkt farbig, anschaulich, vieldeutig; ohne Rückblenden oder Einschübe wird geradlinig erzählt; der Aufbau ist durch eine dramatische Steigerung zum Schluß hin gekennzeichnet. Für den Arbeitsunterricht lohnt sich die Beschäftigung mit der Hintergründigkeit in der Sprache und in der Motivierung des Doppelmordes an Ehefrau und Kind sowie die Auseinandersetzung mit dem Problemgehalt, der Frage nach der Determination menschlichen Handelns durch Milieu, Trieb und Krankheit. Allerdings darf die leichte Zugänglichkeit des Textes nicht darüber hinwegtäuschen, daß eine Lerngruppe, die mit Gewinn die Novelle lesen soll, bestimmte Voraussetzungen erfüllen muß. Es sollten bereits Erfahrungen mit Kurzepik vorhanden sein: sprachliche Verdichtung und Problemgehalt erzählender Literatur muß die Klasse bereits an anderen Beispielen, einer Kurzgeschichte oder Novelle, kennengelernt haben. Sie sollte sprachliche Mittel, wie Bild, Vergleich, Symbol, unterscheiden können. Für die intensivere Analyse von Ausschnitten aus der Novelle ist die Einführung in die Texterschließung eine wichtige Voraussetzung. Die Schüler müssen bereit sein, sich mit psychologischen Vorgängen in literarischer Darstellung zu befassen; sie dürfen sich nicht mit der äußeren Handlung und ihren krassen Details begnügen, sondern müssen diese zum Anlaß nehmen, nach den dahinterliegenden tieferen Gründen und Zusammenhängen zu suchen. Schließlich bedarf es einer Aufgeschlossenheit für ethische Wertung, um die in der Novelle aufgeworfenen Fragen über Erziehung, Zusammenleben der Geschlechter und Verantwortlichkeit des Menschen für sein Handeln zu diskutieren. Alle diese Gründe erfordern einen Leser an der Schwelle zum Erwachsenenalter, nicht unter 16 Jahren. Die folgenden Darlegungen gelten einer Behandlung der Novelle in der 10. Jahrgangsstufe des Gymnasiums.
Da die meisten Lerngruppen vor Abschluß der pubertären Entwicklung von einer mehrwöchigen Beschäftigung mit demselben literarischen Werk überfordert werden, soll hier eine didaktische Konzeption ermittelt werden, die auf eine literaturhistorische Totalanalyse verzichtet. Zur Aktivierung der Klassen gilt es, eine Thematik zu finden, die bei Sechzehnjährigen allgemeines Interesse beanspruchen kann und die Schüler zur selbsttätigen Bewältigung von Teilaufgaben befähigt. Ein solches Thema ist für „Bahnwärter Thiel" die Genese eines Verbrechens unter den folgenden Aspekten:
1) Wie wird der Täter dargestellt? Welches sind seine Motive?
2) Welche erzählerischen und stilistischen Mittel werden eingesetzt?
3) Stellt der Autor die Untat als unvermeidbar dar? Welche Probleme wirft seine Darstellung beim heutigen Leser auf?
Hinter dieser Thematik, gesehen im Zusammenhang einer Kommunikation zwischen Autor und Leser, mögen epochengeschichtliche und gattungsästhetische Probleme zurücktreten.
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