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Arbeitsblatt zum Problem der Determination
1. Moralisches Versagen Thiels
'Lene haßt den Tobias, sie würde ihm in ihrer rohen Art ohne Gewissensbisse ein Leben beständiger Leiden bereiten, ihn auf diese Weise vielleicht langsam hingemordet haben, aber sie ist keine bewußte, keine absichtliche Mörderin. Daß der Knabe eines so jähen Todes stirbt, ist ein Zufall, aber selbst als solcher doch zugleich ein Stück Notwendigkeit, eine natürliche Folge der straffälligen Gleichgiltigkeit Lenes um sein Leben und der moralischen Schwäche seines Vaters, die Lene in ihrer Gleichgiltigkeit bestärkt hat. Wäre Thiel ihr früher energisch entgegengetreten, so würde sie seinem Zuruf wahrscheinlich mehr Beachtung geschenkt haben. Auf diese Weise ist Thiel Mitschuldiger am Tod des ihm hinterlassenen Knaben, wie er Mitschuldiger war an den Mißhandlungen, die derselbe von seiner Stiefmutter erlitten.
Die moralische Impotenz Thiels, zu der der schließliche Paroxismus wiederum in natürlichem Zusammenhange steht, ist der Kernpunkt der Erzählung. Sie ist durchaus wahr geschildert - Fälle, wo sich in einem herkulischen Körper eine zaghafte, jeder energischen Einwirkung gegenüber fast widerstandsunfähige Seele befindet, gehören durchaus nicht zu den Seltenheiten."
Paroxismus: heftiger Anfall, höchste Steigerung einer Krankheit
Aus der Rezension von E. B. in der Zeitschrift 'Die Neue Zeit" von 1893. Zitiert nach Volker Neuhaus : G. Hauptmann, Bahnwärter Thiel. Stuttgart: Reclam 1974. Erläuterungen u. Dokumente:
2. Thiel ist für den Tod von Frau und Kind nicht verantwortlich
'Thiel trifft keine Schuld an dieser Tat, er ist vielmehr selbst das Opfer jener schicksalhaften Macht des Elementaren geworden, die den Willen lähmt und das Bewußtsein tötet und so aus dem Menschen selbst ein Stück Natur macht."
Werner Zimmermann: Deutsche Prosadichtungen unseres Jahrhunderts. Bd. 1. Düsseldorf 1966:
Aufgaben:
Zu Text 1:
Welche konkreten Vorwürfe werden gegen Thiel erhoben?
Welche Entlastungsgründe enthält die Novelle?
Zu Text 2:
Mit welchen Gründen lehnt Zimmermann eine Schuld Thiels ab?
Halten Sie es es für gerechtfertigt, Thiel als Opfer zu bezeichnen?
3. Verbrechen als Gericht und Rache, begründet im Widerspruch des Lebens
'Hauptmann |. . .] erzählt den unaufhaltsamen Weg eines auf Ordnung, Friedlichkeit und Güte angelegten Mannes zum Mord an seinem Weib und Kind; zum Verbrechen als Gericht und Rache. Er zeigt den Durchbruch der Verzweiflung und den Zusammenbruch eines in seiner innersten Existenz zerstörten Menschen. In dem Geschick des Bahnwärters enthüllt sich eine gnadenlose Wirklichkeit. Der Mensch kann ihr nicht entrinnen. Er ist in ihr und in sich selbst gefangen. Sie ist eine elementare Gewalt in dem, was ihn umgibt, und sie ist eine elementare, im Unbewußten wartende und drohende Gewalt in ihm selbst. Es ist gerade der in seiner Mentalität primitive, einfache Mensch, der ihr ausgeliefert ist. 'Es war, als hielte ihn eine eiserne Faust im Nacken gepackt, so fest, daß er sich nicht bewegen konnte, sosehr er auch unter Ächzen und Stöhnen sich frei zu machen suchte." Die Dimension des psychologischen Gestaltens wird hier tiefer gelegt, in Schichten des Unbewußten. Sie wird geweitet, wenn in der Dingwelt, in der der Bahnwärter beheimatet ist und sich sein monotoner Lebenskreis in täglicher Routine vollzieht, die Schicksalszeichen erscheinen. Wenn überhaupt angesichts dieser novellistischen Studie von einer Tendenz gesprochen werden kann, so nur in dem Sinne, daß Hauptmann zum Verstehen dieses Gesicks, zum Mitleiden mit dieser hilflosen und gequälten Kreatur Mensch leiten will, um die sich 'leicht gleich einem feinen Spinngewebe und doch fest wie ein Netz von Fiisen" ein auswegloses Geschick gelegt hat. Diese archaisch anmutende Rache- und Opfertragödie mitten im zeitgenössischen Alltag ist ein Zeugnis jenes von Hauptmann immer wieder umkreisten 'Urdramas", das mit der Existenz des Menschen, mit dem ewigen unauflöslichen Widerspruch in ihm und im Leben schlechthin gesetzt ist. Es findet in ihm seinen irrationalen, nicht mehr ableitbaren Grund."
Fritz Martini, Nachwort zur Textausgabe des Recam-Verlags. Stuttgart 1974: 43 f.
Aufgaben zu Text 3:
- Inwiefern ist Thiels Mord an Lene eine Tat der Rache? Was wird gerächt?
- In welchem Widerspruch lebte Thiel seit seiner Eheschließung mit Lene?
- Welchen tieferen Widerspruch sieht Martini als letzten Grund für das tragische Geschehen in der Novelle?
Hauptmann über seinen Begriff Urdrama
'Ursprung alles Dramatischen ist jedenfalls das gespaltene oder doppelte Ich. Die beiden ersten Akteure hießen homo und ratio, oder auch 'du" und 'ich". Das primitivste nach außen zur Erscheinung gebrachte Drama war das erste laute Selbstgespräch. Die erste Bühne war nirgend anders als im Kopfe des Menschen aufgeschlagen. Sie bleibt die kleinste und größte, die zu errichten ist. Sie bedeutet die Welt, sie umfaßt die Welt mehr als die weltbedeutenden Bretter."
Centenarausgabe Bd. VI;
Anmerkungen
1 M. G. Conrad: Von Emile Zola bis Gerhart Hauptmann. Erinnerungen zur Geschichte der Moderne. Leipzig 1902: 78. Zitiert nach Neuhaus, 1974: 30.
2 Die Neue Zeit, 11. Jahrgang, I. Bd. 1893.
3 Heerdegen, 1958 wird hier zitiert nach Schrimpf, 1976: 277, 274, 276.
4 Nachwort Martinis in der Reclam-Ausgabe der Novelle, RUB 6617.
Die Textausgabe von Reclam folgt der Centenarausgabe der Sämtlichen Werke, hrsg. von Hans-Egon Hass, Bd.
VI. Auf die Reclam-Ausgabe beziehen sich die Seitenangaben, die in den folgenden Ausführungen den Zitaten beigefügt werden. |