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Geoffrey h. hartman: romantiker und nietzscheaner

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Von Nietzsche zu Derrida



Jeder Versuch, Hartman als einen Erneuerer der Romantik oder als Neuromantiker zu definieren, wäre eine unzulässige Vereinfachung; denn seine Aufarbeitung romantischer Themen und Theoreme ist auf allen Ebenen durch den Einfluß Friedrich Nietzsches vermittelt, den Hartman zu Recht als Antipoden Hegels und als zentralen Bezugspunkt der Dekonstruktion betrachtet. Nietzsches Neubestimmung der Rhetorik als figurativer Sprache und »Tropologie« verdankt der Literaturkritiker von Yale die Möglichkeit, die institutionalisierte Kluft zwischen literarischem undkritisch-theoretischem Diskurs zu überbrücken. Indem er sich Nietzsches sprachkritische und rhetorische Betrachtungsweise zu eigen macht, kann er den neuen Literaturkritiker als einen Autor sui generis auffassen und die traditionelle Vorstellung vom criticism als einer sekundären oder abgeleiteten Gattung verabschieden.
      Wie die anderen Vertreter der Dekonstruktion fühlt sich Hartman von Hegels Schatten verfolgt und ortet die Problematik der Dekonstruktion im Spannungsfeld zwischen Hegel und Nietzsche, d. h. in dem hier eingangs skizzierten junghegelianischen Kontext. Seine Bemerkungen zur Philosophie Derridas, von der er sagt, daß sie sich sowohl an der Vergangenheit als auch an der Zukunft orientiert, sind zugleich als Aussagen über seine eigene »junghegelianische« Position zu lesen. Hartman meint, zwei Hauptrichtungen in Derridas Denken zu erkennen: »Die eine ist die Vergangenheit, die mit Hegel beginnt, der noch immer unter uns weilt; die andere ist die Zukunft, die mit Nietzsche beginnt, der wieder unter uns weilt, seit er vom neuen französischen Denken entdeckt wurde.«
Das »neue französische Denken«, zu dem natürlich auch Autoren wie Foucault und Baudrillard gehören, wird auf etwas naive Art mit der Dekonstruktion und vor allem mit Derridas Glas identifiziert, mit einem Text, dessen Autor sich vornimmt, die logozentristischen Gegensätze zwischen Literatur und Theorie oder Literatur und Philosophie in einer großangelegten Collage zu überwinden. In Saving the Text setzt sich Hartman ausführlich mit Glas auseinander, und es lohnt sich, auf seine Kommentare näher einzugehen, zumal der Autor in einem Gespräch mit Imre Salusinszky erklärt: »Wahrscheinlich habe ich erst nach der Publikation von Glas angefangen, mich mit Derrida intensiv zu befassen.«

   Schon im ersten Kapitel erschien Glas als eine »junghegelianische« und avantgardistische Kritik oder Polemik, in der die wichtigsten Themen Feuerbachs, Stirners, B. Bauers und F. Th. Vischers zusammen mit Marxens Umdeutung bzw. Sprengung des Hegeischen Systems und Nietzsches »Umwertung« aufeinander bezogen werden. Derridas Parallellektüre der idealistischen Texte Hegels und der materialistisch-anarchistischen Texte Genets ist als Konfrontation zwischen Hegels Idealismus und einem avantgardistischen Materialismus , zwischen Systemdenken und Anarchismus , zwischen Metaphysik und Religionskritik zu lesen. Hartmans Kommentare sind in diesem philosophisch-historischen Kontext beheimatet und orientieren sich an Nietzsches Synthese der verschiedenen junghegelianischen Themen.
      Zu diesen Themen gehören das Dionysische und der Traum, dessen Assoziationsmechanismen streckenweise Derridas Textcollage beherrschen. Hartman spricht im Zusammenhang mit der Anordnung von Glas von »Nietzsches Pendelschwingung zwischen Dionysos und Apollo«. Er weist mit Recht darauf hin, daß Derrida in einem spielerischen Experiment die sprachlichen Konventionen der Philosophie, der Wissenschaft und des Traums miteinander kombiniert und - wie Freud und Lacan - »Meta-phorik mit wissenschaftlicher Modellkonstruktion« verknüpft. Das Schreiben wird zu einer »phantastischen Maschine«25, die Hartman in seinem eigenen Kontext rekonstruieren und im litera-ty criticism einsetzen möchte.
      Sein eigener Kommentar zu Glas ist ein rhetorisches Spiel mit Bedeutungen, Assoziationen, Konnotationen und puns, das sich über alle Gattungsgrenzen hinwegsetzt und jenseits von etablierter Literatur und Literaturtheorie neue Modelle anvisiert. »Nach Hartman«, bemerkt Christopher Norris, »besteht der einzige Ausweg, der sich dem Literaturkritiker anbietet, darin, daß er seinen Minderwertigkeitskomplex abwirft und sich begeistert -mit nietzscheanischer Ãoberheblichkeit - in den Tanz der Bedeutungen stürzt.«

  
Hartman, der in Criticism in the Wilderness Derridas Glas als ein »work of philosophic art« beschreibt, entwickelt einen spielerischen Essayismus, der sich an Nietzsches antisystematischer und fragmentarischer Schreibweise orientiert. In Beyond Forma-lism stellt er seinen eigenen Stil als eine »spielerische Poetik« dar, die von der rhetorischen Figur und von literarischen Techniken beherrscht wird.
      Es geht also darum, die Literaturkritik als fröhliche Wissenschaft im Sinne von Nietzsche weiterzudenken und zugleich an die von Hartman in Saving the Text erwähnte romantische Heiterkeit anzuknüpfen. Auch in dieser Hinsicht erscheint Glas als ein Modell künftiger Textgestaltung: »Hegel und Genet werden der gründlichsten Analyse unterworfen, doch die Wirkung bleibt musikalisch. Eine dekonstruierende Maschine, die singt: Glas.«

   Derridas umfangreiches Textexperiment, von dessen »nonseri-uousness« Hartman spricht, ist allerdings wesentlich mehr als ein eitles Spiel mit Zeichen: »Ein Spiel, das so lange dauert, muß mehr sein als ein Spiel. Selbst wenn Glas ein >sich selbst verzehrendes Artefakt< wäre, wären wir geneigt, seinen stilistischen Sinn für die Eitelkeit aller Dinge zu bewundern.« Anders gesagt: Das Spiel mit alten und neuen Formen zielt nicht einfach ins Leere, sondern spornt uns an, aus der Leere eine Lehre zu ziehen und jenseits der Metaphysik oder der »wahren Präsenz« neue Formen zu entwickeln ...
      Dieses Pastiche dekonstruktivistischer Argumentation ist nicht nur als Parodie gedacht, sondern soll zugleich eine gewisse Skepsis allen Varianten der Dekonstruktion gegenüber zum Ausdruck bringen. Es wird sich möglicherweise herausstellen, daß auch der Ernst der Dekonstruktivisten nur Spiel ist, wenn klar wird, daß sie die Beziehungen zwischen Kunst, Wissenschaft und zeitgenössischer Gesellschaft bestenfalls spielerisch streifen, ohne in der Lage zu sein, die aus diesen Beziehungen erwachsenden Probleme theoretisch darzustellen. Denn eine theoretische Darstellung dieser
Probleme ist nicht als Textcollage denkbar, sondern nur als kritische Sozialwissenschaft, die der von den verschiedenen Systemtheorien ganz zu Recht thematisierten Komplexität der Zusammenhänge gerecht wird. Unter diesem Aspekt soll im vierten Abschnitt die von Hartman selbst erwähnte Verwandtschaft zwischen Dekonstruktion und Kritischer Theorie betrachtet werden.
     

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