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Geoffrey h. hartman: romantiker und nietzscheaner

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Hartmans Romantik



In der Auseinandersetzung zwischen Klassik und Romantik, die er als Periodenbezeichnungen mit Skepsis betrachtet, ergreift Hartman eindeutig Partei für das Bewußtsein der Romantik. Schon in seinem Buch Beyond Formalism , das noch nicht dem »Paradigma« der Dekonstruktion angehört, verteidigt er die Romantik gegen Malraux' Behauptung, das klassische Element in der modernen Kunst beinhalte eine »luzide Abscheu vor der Verführung«. »Heute ist klar«, antwortet Hartman, »daß die romantische Kunst an dieser Luzidität teilhatte. In ihren gründlichsten Untersuchungen läßt die Romantik die Tiefe der Verzauberungen erkennen, in denen wir leben.«
Hartmans Vorstellung von einer Symbiose zwischen Literatur und Literaturkritik durchzieht wie ein roter Faden seine Kommentare zu den Gedichten William Wordsworths, die er erweitern und vervielfachen möchte - so wie das Echo die menschliche Stimme vervielfacht. Dabei verwandelt sich der Leser-Kritiker in einen Autor und stellt sich den Autor als Leser vor. »Wordsworths Gedicht«, sagt Hartman, »suggeriert, daß wir den Dichter als Leser rezipieren müssen.« Diese neuromantische Textauffassung bringt einen Rollentausch mit sich: Der Dichter wird zum Leser und dieser zu einem erweiterten Autor.
      Zum »symbiotischen« Verhältnis von Wordsworth und Hartman bemerkt G. Douglas Atkins, daß der amerikanische Kritiker sich nicht mit einer ausführlichen Analyse der Dichtung dieses Autors begnügt, sondern sie zugleich weiterentwickelt: »whose work he not only elaborates but also extends.« Er hätte hinzufügen können, daß diese Literaturauffassung auf die deutschen Romantiker, vor allem auf Friedrich Schlegel zurückgeht, auf den sich Hartman in Criticism in the Wilderness beruft.
      Sein Kommentar zu Wordsworths Z,«cy-Gedicht A Slumber did my Spirit Seal verdeutlicht, was »kreative Literaturkritik« oder »Kritik als Literatur« in diesem Kontext bedeutet. Zugleich wird klar, daß sich Hartman unter Dekonstruktion etwas anderes vorstellt als Paul de Man und J. Hillis Miller, die ebenfalls dieses Lucy-Gedicht interpretieren , das hier der Einfachheit halber noch einmal vollständig wiedergegeben wird:
A slumber did my spirit seal;

I had no human fears:
She seemed a thing that could not feel

The touch of earthly years.
      No motion has she now, no force; She neither hears nor sees; Roiled round in earth's diurnal course, With rocks, and stones, and trees.
      In seinem Kommentar, der von Sigmund Freuds Traumdeutung ausgeht, kommt es Hartman vor allem auf bestimmte phonetische und semantische Assoziationen oder Anagramme an , die das romantische Gedicht durchziehen. Es gilt zu zeigen, daß Wordsworth sich bestimmter Euphemismen bedient, um Wörter wie die oder grave zu evo-zieren. Wesentlich ist dabei Freuds Gedanke, daß Traumelemente, Wortverbindungen und Namen Anlaß zu ambivalenten Assoziationen geben könnten, die Größe und Trivialität, Heiliges und Profanes miteinander verknüpfen. Hartman erinnert in diesem Zusam-menhang an den von Freud zitierten satirischen Vers Herders, der Goethes Namen zum Gegenstand hat: »Der du von Göttern abstammst, von Gothen oder vom Kote.« Hartman erklärt: »Kurzum, Freud war sich der profanierenden Wirkung von Träumen bewußt; aber nicht nur von Träumen, sondern von Sprache allgemein, die es in ihrem Glockenspiel der Bedeutungen zuläßt, daß alles Heilige lächerlich gemacht und verdreht wird.«

   Um welche Assoziationen und Anagramme geht es in Wordsworths Gedicht? Es geht um bestimmte puns, die vor allem Sterbens- und Todesmotive evozieren: »So kann beispielsweise >di-urnal< in >die< und >urn< aufgeteilt werden, und >course< erinnert an die ältere Aussprache von >corpseRolled round in earth's diurnal coursefearsyears< und >hears< reimt, jedoch von der letzten Silbe des Gedichts ausgeschlossen wird: >treestearsTears< muß jedoch dem geschriebenen Wort weichen: dem dumpfen und definitiven Klang, dem Anagramm >treesdisseminates< rather than establishes truth.« Sowohl Hartman als auch Barthes kommt es primär darauf an, die Offenheit und das Sinnpotential des Textes assoziativ auszuschöpfen und die These zu widerlegen, ein Gedicht oder eine Erzählung könne als semantisch-syntaktische Struktur begriff -lieh definiert und auf das reduziert werden, was Barthes mit Abscheu als das »dernier Signifie« bezeichnet.
      Abermals stellt sich hier die Frage , ob die Offenheit oder Schreibbarkeit des Textes nicht mit dem essayistisch-fragmentarischen Kommentar Hartmans zusammenhängt, der die syntaktischen und semantischen Strukturen völlig außer acht läßt und auf das für J. Hillis Miller und Paul de Man zentrale Wort thing überhaupt nicht eingeht. Die von den Dekonstruktivisten perhorreszierte systematische Analyse würde u. U. zeigen, welche syntaktisch-semantische Funktion das Wort thing im Text erfüllt und welche Bedeutung den auch von Hartman thematisierten Negationen zukommt. In einem essayistischen Kommentar ist es freilich nicht möglich, solche Zusammenhänge zu durchleuchten.
      Ein solcher Kommentar ist nicht nur poststrukturalistisch , sondern auch romantisch. Denn Hartman ist es nicht um eine wissenschaftlich fundierte oder systematische Untersuchung, sondern um eine kreative Erweiterung, eine »Vervielfachung« von Wordsworths Gedicht zu tun. Zu dieser Art von Kritik bemerkt der junge Walter Benjamin in seiner Dissertation Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik : »Kritik ist also, ganz im Gegensatz zur heutigen Auffassung ihres Wesens, in ihrer zentralen Absicht nicht Beurteilung, sondern einerseits Vollendung, Ergänzung, Systematisierung des Werkes, andererseits seine Auflösung im Absoluten.« Obwohl bei Hartman von einer »Systematisierung« oder »Auflösung im Absoluten« nicht die Rede sein kann, zielt sein Kommentar auf Vollendung und Ergänzung ab. Er soll Literatur über Literatur sein.
      In mancher Hinsicht ist Hartmans Literaturkritik eine bewußte Rückkehr zu den Kontroversen zwischen Hegel und den Romantikern. Hartman zögert nicht, für die Romantiker, mit deren Litera-tur- und Geschichtsbegriff er sich immer wieder befaßt hat19, Partei zu ergreifen, weil er ihre Skepsis dem Rationalismus und dem Hegeischen System gegenüber teilt. Diese Skepsis wird in einer modernen oder postmodernen Gesellschaft aktualisiert, die dazu neigt, die klassizistische Vorstellung von einem harmonischen und abgerundeten Kunstwerk durch eine Ã"sthetik der Hete-rogenität und der Polyphonie zu ersetzen.
      Sein parti pris für die Romantik bezieht auch die Sprache ein, deren dunkle Seiten er für das Ãoberleben der Einbildungskraft als unentbehrlich betrachtet: »Der Einbildungskraft ihre dunkle Nahrung vorenthalten bedeutet ihren Tod herbeiwünschen«20, schreibt er in The Unremarkable Wordsworth. Frappierend ist die Geistesverwandtschaft mit Friedrich Schlegels Abhandlung Ãober die Unverständlichkeit. Es ist zweifellos ein Verdienst der Dekon-struktivisten, auf die opaken Aspekte der Sprache hingewiesen zu haben, über die sich Aufklärer und Rationalisten irrational hinwegsetzen. Leider neigt die gesamte Dekonstruktion dazu, die Sprachproblematik auf diese Aspekte zu reduzieren und die irrationalen Elemente der Romantik in einem neuen Kontext zu verstärken.
     

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