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Geoffrey h. hartman: romantiker und nietzscheaner

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Hartman und Adorno



Wie Paul de Mans Dekonstruktion ist auch Geof-frey Hartmans criticism mit der ästhetischen Theorie Adornos verglichen worden. Hartman selbst meint, eine Verwandtschaft zwischen seiner eigenen Position und der der kritischen Theoretiker feststellen zu können, wenn er in Easy Pieces von der »Frankfurter Schule« sagt, »sie das dekonstruktive Denken gestärkt und manchmal für politische Alternativen gesorgt«. Noch konkreter äußert sich G. Douglas Atkins, wenn er in einem Anhang zu seinem Buch über Hartman Adornos Essayismus und die parataktische Anordnung der Ã"sthetischen Theorie mit Hartmans Vorliebe für Essay, Aphorismus und Parataxis vergleicht und nicht zu Unrecht behauptet, daß sich auch Adorno gegen eine starre Trennung von Literatur und Literaturtheorie aussprach. Er zitiert Gillian Rose, die in ihrem Buch über Adorno schreibt, dieser habe »die Grenze zwischen Literaturtheorie und literarischer Schöpfung in Frage gestellt, ohne sie jemals völlig zu tilgen«.

     
   Es ist sicherlich möglich und sinnvoll, Ã"hnlichkeiten zwischen der Dekonstruktion und Adornos Ã"sthetik aufzuzeigen, zumal sich auch Adorno gegen alle Lesarten wendet, welche die Zweideutigkeiten literarischer Texte einebnen, monosemie-ren. Bekanntlich wirft er Hegel dessen »intolerance of ambigui-ty« vor, die darauf hinausläuft, daß alles abgewertet wird, was sich der begrifflichen Aneignung durch den Geist entzieht. Es istdaher nicht erstaunlich, daß Hartman sich auf das beruft, was er auf recht pauschale Art als das »negative thinking« der »Frankfurter Schule« bezeichnet: »Obwohl sie älter ist als der Strukturalismus und die Dekonstruktion, lehnt auch die Frankfurter Schule totalisierende Erklärungen ab.«

   Allen diesen Analogien ist eines gemeinsam: Sie sind oberflächlich und abstrakt im dialektischen Sinne51, weil sie der Vielschichtigkeit der Kritischen Theorie und der Dekonstruktion nicht Rechnung tragen und sich auf das konzentrieren, was unmittelbar zu erkennen ist. Ebensogut könnte der Geologe Bergketten vergleichen, nur weil sie verschneit bzw. weiß sind ... Unberücksichtigt bleibt die Tatsache, daß in den verschiedenen Varianten der Dekonstruktion, also auch bei Hartman, das nietzscheani-sche Spiel mit den Zeichen vorherrscht, während in der Kritischen Theorie Adornos und Horkheimers das sprachkritische Moment in eine umfassende Kritik der modernen Sozialwissenschaften und in eine vielseitige Kritik der spätkapitalistischen Gesellschaft eingebettet ist. Wenn Adorno die sprachkritischen Aspekte der Gedichte Hölderlins oder Eichendorffs in den Vordergrund rückt, dann ist es ihm nicht nur um die sprachlichen Momente zu tun, sondern auch um die Seinsphilosophie als »Jargon der Eigentlichkeit« und um ihre Funktion im Nationalsozialismus; um Eichendorffs Konservatismus und um die kritischen Elemente dieses Konservatismus, die von zeitgenössischen konservativen Ideologien nicht vereinnahmt werden können. Seinen sprachkritischen und ästhetischen Ãoberlegungen liegen nicht nur ideologiekritische und soziologische Arbeiten, sondern auch empirische Studien über den »autoritären Charakter« zugrunde, der vom »Jargon der Eigentlichkeit« angesprochen wird.
      Nun könnte man einwenden, daß auch Hartman auf den gesellschaftlichen Kontext eingeht: »Aus dieser Sicht erscheint jedes
Kunstwerk als eine Kritik des Lebens, als eine Kritik der Vermittlungen: der Konventionen, Schematismen, der Institutionen sowie der Kunst selber und der Art, wie wir über sie denken und sprechen.« Das mag sein; aber um welche Konventionen, Schematismen und Institutionen geht es? Wie wird Kunst in der zeitgenössischen Gesellschaft verwaltet? Antworten auf diese Fragen bleibt Hartman - im Gegensatz zu Adorno - schuldig.
      Am Ende von Criticism in the Wilderness skizziert er in einigen Sätzen die Verwandtschaft von Stalinismus und Spätkapitalismus und fragt: »Vermag irgendeine Hermeneutik der Unbestimmtheit, irgendeine Ironie, so tief sie in die ästhetische Erfahrung auch hinabreichen mag, diesen beiden Gesellschaften zu widerstehen, solange man sie noch unterscheiden kann?« Dies ist eine Frage, die zweifellos auch die Kritische Theorie beschäftigte; sie wird aber im Rahmen eines criticism aufgeworfen, der nicht in der Lage ist, die Ideologien und Gesellschaftssysteme, auf die Hartman anspielt, auch nur annähernd zu beschreiben - geschweige denn zu kritisieren. Folglich ist er auch außerstande, die soziologischen Theorien kritisch zu verarbeiten, die es ihm gestatten würden, die Kunst als fait social zu verstehen. Um diesen Aspekt der Kunst geht es aber in der Ã"sthetischen Theorie, in der Autonomie und fait social dialektisch vermittelt werden: »Der Doppelcharakter der Kunst als autonom und als fait social teilt ohne Unterlaß der Zone ihrer Autonomie sich mit.« Für Adorno war Kritische Theorie trotz ihrer Ausrichtung auf die autonome Kunst primär eine kritische Theorie der Gesellschaft - und nicht criticism.
     

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