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Geoffrey h. hartman: romantiker und nietzscheaner

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Geoffrey H. Hartman: Romantiker und Nietzscheaner



Wie die anderen theoretischen Ansätze der amerikanischen Dekonstruktion ist Geoffrey H. Hartmans Literaturkritik im anglo-amerikanischen New Criticism verwurzelt. In Übereinstimmung mit einigen New Critics wie Ransom, Brooks oder Wimsatt schließt Hartman eine Annäherung des literaturwissenschaftlichen Diskurses an die Sozial- oder Naturwissenschaften kategorisch aus. In Criticism in the Wilderness spricht er sich gegen jede Art von Vereinnahmung durch diese Wissenschaften aus, die seiner Ansicht nach »das Modell eines Mechanismus« hervorgebracht haben, »das durch seinen anonymen, kompulsiven und unpersönlichen Charakter fasziniert«. In diesem Punkt trifft er sich mit den New Critics, die immer wieder den nichtwissenschaftlichen Charakter ihrer Kommentare hervorhoben und so die Kritik der Verwissenschaftlichung durch die Dekonstruktion antizipierten. G. Douglas Atkins spricht in diesem Zusammenhang von einer »Symbiose zwischen der Dekonstruktion und dem New Criticism«.
      Aber im Unterschied zu den New Critics, die bestrebt waren, die Totalität des Textes von einer klassizistischen Warte aus zu erfassen, knüpft Hartman an die englische und deutsche Romantik an, indem er das Fragment, den Essay und den Aphorismus privilegiert. Gegen die klassizistischen Neigungen der New Critics, Matthew Arnolds und Northrop Fryes verteidigt er eine kreative Literaturkritik, einen creative criticism, dessen Grenzen zur Dichtung fließend sind: »Alle diese Entwicklungsstränge laufen in einer neuen Auffassung der Beziehung zwischen Dichtung und Kritik zusammen, die den >objektiven< Stil herausfordert, der von Arnold bis Frye herrschte.«
Diese Auffassung der Literaturkritik ist romantischer Provenienz und wurde seinerzeit mit großem Raffinement von den Brüdern Schlegel entwickelt . Hartman beruft sich immer wieder auf die deutsche Romantik und vor allem auf Friedrich Schlegel, von dem er sagt, er habe einen synthesizing criticism ins Auge gefaßt, »der Kunst und Philosophie vereinigen würde«.
      Bei Hartman wird dieser criticism, der zwischen Literaturwissenschaft, Literaturkritik und Literatur anzusiedeln ist, zu einer Erweiterung oder Verdoppelung des fiktionalen Schreibens, und der Leser verwandelt sich - wie in den Kommentaren der Romantiker - in einen erweiterten Autor im Sinne von Friedrich Schlegel. Hartman selbst spricht im Zusammenhang mit seinen dekonstruktivistischen Arbeiten von einer Symbiose zwischen Literatur und kritischem Kommentar: »In Criticism in the Wilderness und Saving the Text versuche ich, die Symbiose oder Verflochtenheit von Literatur und Literaturkommentar zu definieren.« In dieser Hinsicht stimmt seine Auffassung des criticism weitgehend mit der von J. Hillis Miller überein; denn Miller bemerkt zur Wechselwirkung von Literatur und Kritik: »Diese gemeinsame sprachliche Problematik ist gemeint oder sollte gemeint sein und nicht irgendein vages Recht, sich >poetisch< oder >kreativ< zu betätigen, wenn wir sagen, daß Literaturkritik eine Form von Literatur ist.« Miller erklärt, daß der literary criticism nicht den Anspruch erheben kann, die Bedeutung des literarischen Textes wissenschaftlich, begrifflich genau oder wörtlich wiedergeben zu können.
      Auch Hartman ist der Meinung, daß es keine wissenschaftliche Metasprache gibt, die sich qualitativ von der literarischen Schreibweise unterscheidet. Literatur und Literaturkritik haben ein gemeinsames »linguistic predicament«, das nicht ausgeklammert, überwunden oder schlicht negiert werden kann. Daher erscheint der criticism als Literatur über Literatur. Hartman möchte diekritische Literatur jedoch nicht als »Sekundärliteratur« verstanden wissen, sondern als eine Gattung sui generis, die auch auf institutioneller Ebene nicht gegen die fiktionale Schreibweise abgegrenzt werden sollte, denn ihm erscheint der criticism als eine Form des creative writing. Zugleich stellt er sich den critic als Schriftsteller zweiten Grades vor, dessen Wort einem Echo gleich dem literarischen Wort antwortet.
     

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