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Geoffrey h. hartman: romantiker und nietzscheaner

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Dekonstruktion als negativity, delay und indeterminacy



Das bisher Gesagte zeigt bereits, daß Hartman die Dekonstruktion nicht so sehr als Suche nach textimmanenten Widersprüchen und Aporien auffaßt, sondern danach strebt, ihre nietzscheanischen Komponenten - Essay, Fragment und rhetorisches Spiel - zu entfalten. In Georg Lukäcs' Werk fasziniert ihn nicht die systematische Ã"sthetik der marxistischen Periode, sondern die Essaysammlung Die Seele und die Formen , deren Texte Hartman als »intellektuelle Gedichte« liest. In diesem Zusammenhang könnte man zwei einander ergänzende Komponenten der Dekonstruktion unterscheiden: eine poststrukturalistische, die auf den kohärenzsprengenden Widerspruch ausgerichtet ist, und eine romantisch-nietzscheanische, die den Essayismus, die Offenheit des Textes und das Spiel mit der Sprache privilegiert.
      Im Gegensatz zu Paul de Man und J. Hillis Miller, die dazu neigen, den formalen Widerspruch in den Mittelpunkt ihrer Analysen zu rücken, zeigt sich Hartman, der Romantiker und Nietz-scheaner, weniger vom Sinnzerfall als von der Offenheit der Texte fasziniert. Man könnte sagen, daß seine Variante der Dekonstruktion eher Derridas spielerischer Schreibweise als de Mans systematischer »Destrukturierung« verwandt ist, weil Hartman eher der diffe'rance oder dissimination als der destruktiven Aporie folgt. Sein Verfahren ist weniger rigide als das de Mans, aber auch weniger radikal als das Derridas, und G. Douglas Atkins hat wahrscheinlich recht, wenn er sagt, »Hartman empfinde sowohl Bewunderung als auch Irritation der eher begrifflichen Form der

Dekonstruktion Derridas und der rhetorischen Form de Mans gegenüber .«
Es erscheint durchaus sinnvoll, nicht nur seine Ã"sthetik, sondern auch seinen sprachlichen Duktus mit dem der nachstruktura-listischen und nietzscheanischen Schriften des späten Barthes zu vergleichen. Wie Barthes sucht er die »Lust am Text« im endlosen Zusammenspiel vieldeutiger Signifikanten. Wie der französische Essayist polemisiert er gegen die begriffliche Vereinnahmung, die clöture conceptuelle des literarischen oder philosophischen Textes und gegen alle Versuche, ihn auf eine »Struktur von Signifikaten« 33, wie Barthes in S/Z sagt, zu reduzieren.
      Hartmans Variante der Dekonstruktion ist mithin als pragmatische und essayistische Variante aufzufassen, die auch mit Millers etwas rigider Anwendung des Iterabilität-Gedankem kontrastiert. Sie gründet auf drei Schlüsselbegriffen, die im folgenden ausführlicher kommentiert werden: Negativität , Verzögerung und Unbestimmtheit .
      G. Douglas Atkins faßt den Kerngedanken von Hartmans Ansatz zusammen, wenn er auf den Begriff der Negativität eingeht: »Die Dekonstruktion stellt diese >Arbeit des Negativem anschaulich dar und rettet den Text, indem sie stets von neuem demonstriert, daß >die Sache im Gedanken nicht aufgeht. Die Bedeutung kann das Medium nicht ersetzen^«

   Diese These ist nicht eben neu: Sie stammt von den New Critics, die immer wieder - und ganz zu Recht - betonten, daß das sprachliche Medium eines literarischen Textes nicht auf seine Bedeutungen reduziert werden kann. So bemerkt beispielsweise Brooks, daß »das Gedicht das einzige Medium ist, welches das besondere >Was< mitteilt, das mitgeteilt wird«.

     
   Im Gegensatz zu den New Critics zweifelt Hartman an der Möglichkeit einer »objektiven« oder intersubjektiv nachvollziehbaren Textbeschreibung. Seine Kommentare zu Wordsworths Ge-dicht A Slumber did my Spirit Seal illustrieren seine romantische Ãoberzeugung, daß der Diskurs des Kritikers von dem des kommentierten und kritisierten Textes nicht zu trennen ist. Beide Diskurse verschmelzen zu einer neuen Einheit, zu einem neuen literarisch-philosophisch-kritischen Werk. In The Fate ofReading bezweifelt Hartman, daß es jemals gelingen wird »zu unterscheiden , worin des Lesers und worin des Autors Beitrag zur >Produktion< des komplexen Sinnverstehens besteht, das ein literarisches Werk umgibt«.3* Ein Aspekt der Negativität ist also die Unmöglichkeit, Sinnzusammenhänge des Textes von denen des Lesers sauber zu trennen und Textstrukturen klar zu definieren, transparent zu machen. Hartmans Kommentare zu Words-worths Gedicht lassen erkennen, wie sehr in seinen Augen Texthorizont und Leserhorizont miteinander verschmelzen.
      Ein weiterer Aspekt der Negativität ist die Ambiguität oder Ambivalenz des Textes, die dessen Reduktion auf begriffliche Strukturen - etwa Ideologien - unmöglich macht: »Was auch immer konstruiert wird«, bemerkt Hartman in Saving the Text, »gründet auf miteinander konkurrierenden Prinzipien: auf dem äquivoken und äqui-voken Charakter der Wörter.« An dieser Stelle kristallisiert sich eine Verwandtschaft zwischen Hartman und den anderen Dekonstruktivisten heraus: Wie sie richtet er sein Denken auf Nietzsches Ambivalenz-Begriff aus, der alle Versuche fragwürdig erscheinen läßt, den Text, dem stets zwei oder mehrere Stimmen innewohnen, auf eine Bedeutung festzulegen.
      Aus der Erkenntnis der Ambivalenz geht gleichsam von selbst Hartmans Forderung hervor, der Leser möge den Text nicht voreilig monosemieren , sondern mit »Zweifel und Verzögerung« lesen. Nur so, sagt Hartman, werde eine offene Hermeneutik gewährleistet, die in der Lage sei, die Ambivalenzen und Polysemien der Texte hervortreten zu lassen. In seinem Vorwort zu einem Gespräch mit Hartman betont Imre

Salusinszky die begriffliche Verwandtschaft von Derridas diffe"-rance und Hartmans delay : »Die Verzögerung hat keine Bestimmung zur Folge; der Bedeutungsprozeß wird ebensowenig stillgelegt wie die Ãoberraschungen der Kritik.« Anders gesagt, die Diskussion über einen Text ist un-abschließbar, weil die »eigentliche« Bedeutung als Sinnpräsenz nie in Erscheinung tritt. Es kommt also gar nicht darauf an, die Negativität des Textes einzuschränken, sondern ihr Sinnpotential stets von neuem zu befragen.
      In Criticism in the Wilderness beschreibt Hartman die Verzögerung als »eine Anstrengung, die nicht darauf abzielt, die Negativität oder Unbestimmtheit zu überwinden, sondern so lange wie nötig in ihrer Sphäre zu verharren«. Die sich aufdrängende Frage »Wie lange?« beantwortet Hartman nur teilweise, denn ihm kommt es nicht so sehr auf die exakte Beschreibung und Deutung der Textstrukturen an, sondern auf den Interpretationsprozeß: »the commentary process«.* Er wird dem Dekonstruktivisten zum Selbstzweck, und Hartman unterscheidet seinen humanistic criticism von den wissenschaftlichen Bemühungen des Strukturalismus, der Semiotik und der Phänomenologie, die Beziehungen zwischen Strukturen oder Bewußtseinsstrukturen anvisieren und dabei die Offenheit des Textes und die Unabschließbarkeit des Kommentars vernachlässigen. Er möchte seinen criticism nicht in diesen Wissenschaften aufgehen lassen und sagt wörtlich: »We take back from science what is ours.« Hier macht sich wieder die alte Kluft zwischen Wissenschaft und criticism bemerkbar, die schon die New Critics von den Wissenschaftlern trennte.
      Im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Textanalysen der Strukturalisten, Semiotiker, Phänomenologen oder Soziologen, die darauf abzielen, den Text auf verschiedenen Ebenen verständlich zu machen und zu erklären, faßt Hartman sein eigenes Verfahren als eine negative Hermeneutik auf, die die von den Rationalisten postulierte Transparenz des Gegenstandes als

Illusion entlarvt und die Lektüre erschwert: »Die Kritik als eine Art von Hermeneutik ist beunruhigend; wie die Logik, aber ohne deren Streben nach völliger Widerspruchsfreiheit, deckt sie Widersprüche und Zweideutigkeiten auf und macht dadurch die Fiktion interpretierbar, indem sie sie weniger lesbar macht.« Die philologische Tradition selbst wird hier gegen den Strich gelesen und neu interpretiert. Während traditionelle Philologen und moderne Liteiatmwissenschaftler sich bemühen, theoretische Modelle zu entwickeln, die die Texte zugänglicher machen und die Lektüre erleichtern , nimmt ein Dekonstruktivist wie Hartman sich vor, die Euphorie der Transparenz zu stören und den Leser mit den Zweideutigkeiten und Unwägbarkeiten, mit der opaken Gestalt des Textes zu konfrontieren.
      Ein solches Vorgehen wäre legitim, wenn Hartmann zeigen könnte, daß sich Semiotiker, Phänomenologen und Soziologen leichtfertig über bestimmte Textelemente hinwegsetzen und dort sinnvolle Totalitäten zu erkennen meinen, wo in Wirklichkeit Vieldeutigkeit und Widerspruch herrschen. Hartman sucht jedoch nicht den Dialog mit Wissenschaftlern und geht auch nicht auf konkrete literatursoziologische, semiotische oder textlinguistische Untersuchungen ein; er begnügt sich damit, eine unüberbrückbare Kluft zwischen seinem humanistic criticism und den wissenschaftlichen Verfahren zu postulieren.
      Auch sein dritter Begriff, die Unbestimmtheit oder indetermina-cy, ist eher ein abstraktes Postulat als ein anhand von konkreten Analysen und in theoretischen Diskussionen überprüfter Terminus. Hartman erklärt nicht, wie sich »seine« Unbestimmtheit von der Roman Ingardens oder Wolfgang Isers unterscheidet und weshalb die Beschreibungen und Definitionen dieser Autoren unzureichend sind. In welcher Hinsicht geht indeterminacy über die Unbestimmtheit im Sinne von Ingarden oder Iser hinaus?
Nur G. Douglas Atkins bemüht sich , Hartmans Ansatz gegen Isers Wirkungsästhetik und den amerikanischen readei-response criticism abzugrenzen: »Eher als den Leser, den Leseprozeß oder die Rezeption, so wie sie von den Rezeptionstheoretikern definiert werden, betont und schätzt Hartman die Verpflichtung .« Douglas Atkins versucht, diese etwas schillernde moralische Vokabel mit Hilfe von Ausdrücken wie »reader's engagement«, »personal involvement«, »accounta-bility« und sogar »stress of vocation« zu konkretisieren. Es fällt einem schwer, in allen diesen moralisierenden Bezeichnungen theoretisch brauchbare Begriffe zu erkennen. Doch was sagt Hartman selbst zur Unbestimmtheit?
In einem Kommentar zu Yeats' Leda and the Swan leitet er die Unbestimmtheit aus der Unmöglichkeit ab, sich Ledas Gesicht vorzustellen: »Ist es fröhlich, wahnsinnig oder verunstaltet: >sieht< es im gewöhnlichen Sinne des Wortes?« Einige Zeilen weiter fügt er erläuternd hinzu: »Die letzte Unbestimmtheit konzentriert sich also auf dieses Gesicht, das wir uns nicht vorstellen können.« Ist dies aber nicht die - freilich weniger dramatische -Unbestimmtheit Ingardens, der darauf hinweist, daß der Leser nicht entscheiden kann, welche Farbe die Augen von Konsul Buddenbrook haben? Kommt es nicht immer wieder vor, daß das Gesicht eines Protagonisten nicht beschrieben wird und folglich »unvorstellbar« ist? Wie sieht Robbe-Grillets Voyeur aus?
Unvorstellbar ist jedenfalls, daß sich andere Literaturwissenschaftler mit dieser Art von Unbestimmbarkeit noch nicht befaßt hätten. Hartmans allgemeine Aussagen zur indeterminacy lassen vermuten, daß hier jenseits der wissenschaftlichen Diskurse eine Zauberformel entwickelt wird, die auf recht unbestimmte Art Altbekanntes rekapituliert: »Unbestimmtheit als spekulatives Instrument sollte die literarische Lektüre beeinflussen, und zwar eher durch eine Ã"nderung des Leserbewußtseins als durch das Vorschreiben einer Methode. Eine methodologische Bestimmung der Unbestimmtheit liefe darauf hinaus, daß die Daseinsberechtigung dieses Begriffs in Vergessenheit geriete.«

   Es ist sicherlich richtig, daß Leser mit »Zweifel und Verzögerung« lesen und Unbestimmtheitsstellen nicht beliebig ausfüllenoder gar tilgen sollten. Bedarfes aber einer revolutionären, dekonstruktivistischen Theorie, um an dieses - von Ingarden recht präzise formuliertes - Desiderat der Wirkungsästhetik zu erinnern? Hartman hat jedenfalls nicht erklärt, wodurch sich seine indeterminacy von der wesentlich genauer definierten Unbestimmtheit Ingardens oder Isers unterscheidet.
     

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Dekonstruktion  als  negativity,  delay  indeterminacy    


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