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Gedichte aus unserer zeit - interpretationen

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Was es ist - Erich Fried



Es ist Unsinn sagt die Vernunft Es ist was es ist sagt die Liebe

Es ist Unglück sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerzsagt die Angst

Es ist aussichtslossagt die Einsicht

   Es ist was es istsagt die Liebe
Es ist lächerlichsagt der Stolz

Es ist leichtsinnig

   sagt die Vorsicht
Es ist unmöglichsagt die Erfahrung

Es ist was es istsagt die Liebe

   Dieses inzwischen auch durch Postkarten und Plakate weit verbreitete Liebesgedicht ist erstveröffentlicht in dem Band »Es ist was es ist — Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte«, ist dann auch aufgenommen in die Sammlung von 1987 »Gedichte von Zorn und von der Liebe«, das ist der zweite Abschnitt der »Vorübungen für Wunder« — und von einem solchen, dem größten, das einem Menschen geschehen kann, spricht dieses Gedicht. Es versucht zu definieren, was nicht zu definieren, nur als Wunder anzunehmen, zu glauben und zu leisten ist. Daß das moderne Liebesgedicht neben dem politisch eingreifenden lyrischen Kurzgedicht eine Domäne Erich Frieds gewesen ist, hatte bereits der Band »Liebesgedichte« von 1979 bewiesen; und in dem seiner Frau Catherine gewidmeten Liebesgedicht »Eine Kleinigkeit« verbindet er den Typus des »definitorischen« Liebesgedichts mit dem situativen, lebensgeschichtlichen, die ersten Verse korrespondieren mit unserem Gedicht: »Ich weiß nicht was Liebe ist / aber vielleicht / ist es etwas wie das [...]«; eine Art Antwort oder einen Kommentar stellt das lange Gedicht »Fragen und Antworten« dar.
      So rasch sich für den Leser das Verständnis des Gedichts aufzutun scheint, auch der Volksmund kennt ähnliche Aussagen, die Literatur ist voll davon von Walther von der Vogelweide bis zu Enzensbergers berühmtem Liebesgedicht »Called it love«, so darf die Vielschichtigkeit der Aussage, die Gedankentiefe ebensowenig übersehen werden wie die Dichte der Zeilenkomposition ; so vielfältig und gewichtig die rationalen oder praktischen »Einwände« gegen dieses Wunder sind, die Liebe behält im wörtlichen wie übertragenen Sinne »das letzte Wort«: »Liebe«. Indem das Gedicht aber auch von der Veränderungsangst spricht, von der gewaltigen Herausforderung, welche die Liebe an den Menschen stellt, von Trennungsschmerz und Ablösungsängsten, wird es glaubhaft, annehmbar. Der Charakter des Geheimnisvollen kommt bereits in der neunmaligen Wiederaufnahme des Pronomens »Es« zum Ausdruck, nicht »sie«, die Liebe, bestimmt sich, sondern das Lieben und Geliebtwerden: »es ist was es ist«, die tautologische Wendung, auch als Sprachwitz zu lesen, enthüllt zugleich den Sinn — dieses Wunder ist auch sprachlich nicht mehr hintergehbar, du mußt daran glauben.
      Lyrik wäre nicht Lyrik und Literatur nicht Literatur, spräche sich nicht mit und in dem einen Text die Beziehung zu andern mit aus, das fortwährende Gespräch der Texte untereinander; so ist hier das Zwiegespräch mit der von Fried so hochgeschätzten und großen Liebespoetin Ingeborg Bachmann, exakt ihr berühmtes Gedicht »Erklär mir, Liebe«, herauszuhören, insbesondere der Vers »Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann« — I. Bachmanns Gedicht schwingt aus in die Klage, Fried setzt dagegen die Vernunft des Unvernünftigen.

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Was  es  -  Erich  Fried    


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