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Gedichte aus unserer zeit - interpretationen

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Vorstadt - Marie Luise Kaschnitz



Nur noch zwei Bäume

Sind übrig vom
Hain der Egeria

Nur noch zwei Lämmer
Von der großen Herde

Ein schwarzes
Ein weißes

Niemand
Sieht mehr am Abend

Die Zinnen der Mauer
Rötlich.


      Vielstöckige Häuser
Kommen gelaufen

Stadther
Weiße mit blitzenden

Fenstern
Verschütten

Knaben auf
Knatternden

Zweirädern
Zahllose

Knaben
Ziehen ihre

Kreise aufrecht streng
Zügeln die schwarzen

Zypressen die
Mückenteiche

Hohlwege voll von
Blühendem Ginster.
      In einer früheren Fassung trägt das Gedicht den Titel »Campagna«. Diese Version unterscheidet sich außer der ausgetauschten Ãœberschrift stark formal und geringfügig inhaltlich.
      Es lassen sich in der »Akzente-Fassung« sechs Strophen erkennen, deren Zeilung weniger Willkür aufweist als die der Ãœberarbeitung. Durch die Einteilung in Strophen entstehen Enjambements, die im »monolithen Block« der Zweitniederschrift nicht mehr erkennbar sind. Textlich sind zwei Abweichungen zu konstatieren. Hieß es in der Erstfassung

Niemand
Sieht mehr am Abend
Die Zinnen der rötlichen

Mauerlautet die revidierte Version: Niemand
Sieht mehr am Abend Die Zinnen der Mauer Rötlich.
      Die Schlußzeilen Ziehen ihre Kreise.
      Aufrecht streng Zügeln die schwarzen Zypressen Die Hohlwege voll Von blühendem Geißblatt.wurden von Marie Luise Kaschnitz neu komponiert: Die Landschaft wird um »Mückenteiche« erweitert, ein Austausch des gelbblühenden Geißblattes zugunsten des ebenfalls gelbe Blüten tragenden Ginsters wird vorgenommen. Auf Interpunktion wird in der zweiten Version fast völlig verzichtet.
      Für die Behandlung wurde die zweite, 1957 veröffentlichte Version gewählt, die aufgrund ihrer formalen Abgeschlossenheit den Eindruck einer endgültigen Fassung vermittelt.
      Der prosaisch anmutende Charakter dieser Zeilen erklärt sich, wenn man das Gedicht mit einem Prosatext der Autorin vergleicht, »Römische Betrachtungen II«3, in dem sich Personal und Szenerie exakt wiederfinden: die Grotte der Egeria, die zwei übriggebliebenen Bäume ihres Haines, die moderne Wohnlandschaft und der seine Kreise ziehende, mopedfahrende Jüngling.
      »Die Stadt wächst beständig, schiebt sich hinaus in die Campagna, nicht mit kleinen vorsichtigen Landhäusern, sondern mit halben Wolkenkratzern von kastenförmiger, vielfenstriger Konstruktion. Vom Hügel von St. Urbano kann man die weiße Phalanx heranrücken sehen, die römische Mauer, das mittelalterliche Tor mit den Schwalbenschwanzzinnen sind längst überwachsen und versteckt. Wir gelangten nach St. Urbano von dem hübschen, mit,Meander und reichen Fensterumrahmungen verzierten Grabbau der Anna Regula, nach mancherlei Irrwegen durch den triopischen Gau. Auf holprigem Feldweg hatte dort ein schöner halbwüchsiger Junge auf seinem Motorrad das Grabmal unablässig umkreist, ein Motorrad, funkelnd und blitzend, war auch in der Kirche von St. Urbano eingestellt, und die Radioübertragung eines Fußballspiels erfüllte, von der Vorhalle her, den hohen tonnengewölbten Raum. [...]

Zur Grotte der Egeria ging es den Hügel hinunter, am Artischockenfeldchen vorüber, die geisterhaften Neubauten verschwanden, über der Senke standen die veilchenblauen Albanerberge, Bögen der Wasserleitung und Pinienkronen von sphärischer Gestalt. Plötzlich war es auch still, so als seien wir unversehens hinabgetaucht in ein vergangenes Jahrhundert, wo man noch ruhig dasitzen mochte, auf einem Gebälkstück, tagelang, das Skizzenbuch auf den Knieen und den Bleistift in der Hand. Wir suchten den Hain der Egeria, die heiligen Bäume, deren Atem gewiß orakelfördernd war wie die Dämpfe aus den Erdspalten, den Weissagebegehrenden einhüllend in eine Stimmung der Un-vernunft, in der Undeutliches deutlich, Zweideutiges als heilsame Wahrheit erscheint. Aber der Hain war verschwunden, zwei Ulmen vielleicht waren der letzte Rest des Wäldchens, in dem die Besucher des vergangenen Jahrhunderts einander erzählten von der Nymphe Egeria, die dem König Numa Pompilius die Gesetze enthüllte. Die Grotte hat überdauert, moosgrün, von langen Luftwurzeln des Efeus überhangen, vom feuchten Geruch der Blattpflanzen erfüllt. An der Hinterwand des Nymphäums liegt bequem und kopflos ein junger marmorner Flußgott, und um ihn rieselt das Wasser, warm und lieblich und völlig unbeteiligt an jedem menschlichen Geschehen [.. .]« Marie Luise Kaschnitz »verdichtet« diese Prosabeschreibung eines Spaziergangs zum ehemaligen Hain der Egeria vor der Porta Capena zu den Versen des Gedichts »Vorstadt«.
      Die enge Beziehung der Autorin zu Rom dokumentiert sich darin, daß sie Veränderungen im Stadt- und Weichbild wahrnimmt, die sie nicht aus eigener Anschauung, sondern nur mit dem Wissen um die Geschichte und die frühere Gestalt der Stadt und ihrer Umgebung zu bemerken in der Lage ist. 1925 bot sich dem Betrachter und Spaziergänger noch ein malerischer Anblick: »Besonders lohnend ist die Wanderung oder Fahrt auf der »Königin der Straßen«, der alten Via Appia. [...] Geht man sie ein Stück hinauf, so sieht man an der südlichen Talwand ein Nymphäum, das erst die Humanisten irrtümlicherweise die Quelle der Egeria getauft haben, selbst beim heißen Mittag ein lauschiges, kühles Plätzchen zwischen moos- und efeubewachsenen, feuchtglänzenden Felswänden und Gewölben, wo unter der liegenden verwitterten Gestalt der Quellnymphe aus drei Röhren klares, frisches Wasser in ein bemoostes Marmorbecken sprudelt. Hoch über der Grotte, mitten in der blumenbestickten Grassteppe, breitet eine Gruppe prächtiger, dunkler Steineichen ihre knorrigen Äste aus, der sogenannte Hain der Egeria, der ursprünglich bis zur Quelle reichte, weit und breit die einzige Bauminsel. [.. .]« Dieser ehemals der Quell- und Schutzgöttin geweihte Hain, in dem Egeria dem König von Rom, Numa Pompilius, immer wieder Ratschläge zum Wohle der Stadt erteilte, wird zum Ausgangspunkt der lyrischen Reflexionen. Dem »archaischen Bild« stellt die Autorin den »heutigen Anblick« entgegen. Obwohl emotionslos vorgetragen, beginnt fast klagend die Bestandsaufnahme, sich über das zweimalige »Nur noch« steigernd bis zum Schluß: »Niemand / Sieht mehr am Abend / Die Zinnen der Mauer / Rötlich« — eine Notation, die daran erinnert, daß das beliebte Maler- und Postkartenmotiv der Campagna mit der von den letzten Sonnenstrahlen beschienenen ewigen Stadt endgültig passe ist.

     
Kontrastierend zum Einleitungsteil das Mittelstück, das sich fast wie ein »Vorläufer« zu Günter Kunerts »Unterwegs nach Utopia II« liest, wo es heißt: »Auf der Flucht / vor dem Beton / geht es zu / wie im Märchen: Wo du / auch hinkommst / er erwartet dich / grau und gründlich. Auch die Kaschnitz evoziert ein Märchen, das vom süßen Brei, der, weil ihm keiner Einhalt gebieten kann, sich am Ende über die ganze Stadt ergießt. Wie bei Kunert aus dem Wettlauf zwischen Hase und Igel einer zwischen Natur und Beton geworden ist, so wird hier der süße Brei des Märchens zum grauen des Betons, der Mensch und Maschinen verschüttet und unter sich begräbt. »Märchenhaft« auch die Vorstellung der »laufenden Häuser«, wobei das »vielstöckig« das Ãœbergewicht des »Fortschritts« gegenüber dem dezimierten Naturzustand veranschaulicht. Das Bedrohliche dieser »Invasion aus Backsteinen, Zement und Beton« — in der Prosafassung kenntlich gemacht durch den aggressiven Begriff der »Phalanx« — deutet sich im grellen blendenden Bild der »blitzenden Fenster« an. Im Schlußstück vermittelt die Dichterin den Eindruck einer Idylle, jetzt malt Marie Luise Kaschnitz mit schönen Worten ein fast harmonisch und idyllisch anmutendes Bild. Der »antiquiert« formulierte Satz »Zahllose / Knaben / Ziehen ihre / Kreise« für die den Grabbau der Anna Regula mit lauten Mopeds umfahrenden Halbwüchsigen beschwört allein im »Wortschatz« Harmonie und Erhabenheit dieser ehemals heilen und »heiligen Landschaft«. Genial gelingt es der Kaschnitz, den Menschen als Opfer und Täter des »Fortschritts« darzustellen: Ließ die erste Fassung durch die Interpunktion nur die Interpretation zu, daß die schwarzen Zypressen die Hohlwege »zügeln«, wird in der Endversion auch die Leseart möglich, daß die »zahllosen Knaben« nicht nur ihre Maschinen, sondern auch die Zypressen »zügeln«. Den Schlußpunkt unter dieses Bild setzt das Gelb des blühenden Ginsters, dessen leuchtende Farbe verhindert, daß der Text in bloßer »Schwarzmalerei« endet. Obwohl in diesem Gedicht nirgendwo »kulturpessimistisches Wehklagen« anklingt, ist es doch eine, wenn auch emotionslose Anklage gegen den Raubbau an der Natur. Der austauschbare zweite Gedichttitel »Vorstadt« weist daraufhin, daß dieses Problem kein romspezifisches, sondern das vieler Städte ist. Rom scheint der Autorin lediglich ein Beispiel mit Mustercharakter zu sein, da auf seinem »klassischen Boden« nicht nur Natur vernichtet wird, sondern daß Natur und Landschaft hier mehr bedeuten als Bäume und Sträucher nämlich Stätten von Kult und Kultur. Am Ende erscheinen die beiden nebeneinanderstehenden Bäume das entrückte und zu Holz »versteinerte« Paar Egeria und Pompilius zu sein als letzte Zeugen einer alten Kultur-Landschaft und als stumme Mahner gegen blindwütig zerstörenden »Fortschritt«.

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Vorstadt  -  Marie  Luise  Kaschnitz    





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