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Verlorenes Ich - Gottfried Benn



Verlorenes Ich, zersprengt von Stratosphären, Opfer des Ion: - Gamma-Strahlen-Lamm -, Teilchen und Feld: - Unendlichkeitschimären auf deinem grauen Stein von Notre-Dame.
      5 Die Tage gehn dir ohne Nacht und Morgen, die Jahre halten ohne Schnee und Frucht bedrohend das Unendliche verborgen -, die Welt als Flucht.

      Wo endest du, wo lagerst du, wo breiten 10 sich deine Sphären an -, Verlust, Gewinn -: Ein Spiel von Bestien: Ewigkeiten, an ihren Gittern fliehst du hin.
      Der Bestienblick: die Sterne als Kaidaunen, Der Dschungeltod als Seins- und Schöpfungsgrund, 15 Mensch, Völkerschlachten, Katalaunen hinab den Bestienschlund.
      Die Welt zerdacht. Und Raum und Zeiten Und was die Menschheit wob und wog, Funktion nur von Unendlichkeiten, 20 die Mythe log.
      Woher, wohin -, nicht Nacht, nicht Morgen, kein Evoe, kein Requiem, du möchtest dir ein Stichwort borgen -, allein bei wem?
25 Ach, als sich alle einer Mitte neigtenund auch die Denker nur den Gott gedacht,sie sich den Hirten und dem Lamm verzweigten,wenn aus dem Kelch das Blut sie rein gemacht,und alle rannen aus der eine Wunde, 30 brachen das Brot, das jeglicher genoß -, oh ferne zwingende erfüllte Stunde, die einst auch das verlorene Ich umschloß.

     
In seinem Vortrag »Probleme der Lyrik« vertritt Gottfried Benn den Standpunkt, daß ein Lyriker nicht mehr als sechs bis acht vollendete Gedichte zu schaffen vermag. »Die anderen mögen interessant sein unter dem Gesichtspunkt des Biographischen und Entwicklungsmäßigen des Autors, aber in sich ruhend, aus sich leuchtend, voH langer Faszination sind nur wenige [...].«
Wenn dieser Standpunkt Gültigkeit haben soll, muß er zunächst auf den Lyriker selbst anwendbar sein, der ihn vertritt. Dabei ist im Blick auf Benns Gesamtwerk zweifelhaft, ob das Gedicht »Verlorenes Ich« zu den sechs bis acht »vollendeten« Gedichten seines Schaffens zu rechnen sein dürfte. Auf jeden Fall aber zählt es zu den bemerkenswertesten Beispielen moderner deutscher Lyrik. Das Gedicht ist von starker unmittelbarer Wirkung. Es trifft die Bewußtseinslage einer Vielzahl - man darf wohl sagen: der Mehrzahl - der Menschen unserer Gegenwart an ihren neuralgischen Punkten. Das ist gewiß kein Wertkriterium für ein lyrisches Gedicht schlechthin. Aber es ist eine kennzeichnende Eigentümlichkeit dieses modernen Gedichts. Soll die Interpretation einer modernen Dichtung zur Erschließung des ihr eigentümlichen unverwechselbaren Wesens führen - und nur das kann ihre Aufgabe sein! - so muß man grundsätzlich bereit sein, ihre dem Überkommenen gegenüber erheblich veränderte Eigenart als gegeben und als für die Beurteilung maßgeblich anzuerkennen2.
      So kann die grundlegende Forderung an ein modernes Gedicht nicht sein, daß es die thematischen, formalen und ästhetischen Prinzipien erfülle, die uns durch die große Lyrik vergangener Epochen vertraut sind, sondern einzig die, daß es einem echten Daseins- und Lebensgefühl des modernen Menschen spontan und unmittelbar Sprache verleiht, und zwar in einer Gestalt, die dem Gegenstand angemessen ist, d. h. ihrerseits nichts anderes ist als geformter Ausdruck des Lebensgefühls. Ob und aufweiche Weise das Gedicht »Verlorenes Ich« diese Forderung erfüllt, wird die Interpretation unter anderem zu erweisen haben. Gottfried Benn selbst behauptet: »[...] hinter einem modernen Gedicht stehen die Probleme der Zeit, der Kunst, der inneren Grundlagen unserer Existenz weit gedrängter und radikaler als hinter einem Roman oder gar einem Bühnenwerk. Ein Gedicht ist immer die Frage nach dem Ich, und alle Sphinxe und Bilder von Sais mischen sich in die Antwort ein.« Die unmittelbaren Reaktionen auf das Betroffensein des einzelnen durch dieses Gedicht mögen sehr verschieden sein. Sie dürften mit mancherlei Abstufungen sich bewegen zwischen resignierender Zustimmung, daß es wohl leider tatsächlich so sei, und grundsätzlicher Ablehnung aus der Überzeugung heraus, daß das Ich auch heute noch nicht »verloren« und »was die Menschheit wob und wog« nicht »Funktion nur von Unendlichkeiten« sei. Handelt es sich dabei eindeutig um subjektive Urteile, so geht es der Interpretation um objektive Einsichten. Sie wird aber guttun, das Gefühl des persönlichen Betroffenseins durch die unmittelbare Wirkung des Gedichts zu nutzen als Wegweisung zu einem möglichen Zugang zum dem Gedicht Eigentümlichen und damit im weiteren zur Erschließung seines Wesens. Von der starken unmittelbaren Wirkung ausgehend, stellt sich dann an den Anfang der Interpretation die Frage: Was ist hier zu solch erregender Wirkung gebracht und auf welche besondere Weise? Das heißt also, daß zunächst die Frage nach dem

Gestaltungsgegenstand des Gedichts zu stellen ist. Ihre Beantwortung ist nur möglich durch intensive Beobachtungen am Gedicht selbst. Sie führen notwendig zur Erschließung aller dem Gedicht eigentümlichen Elemente des Gehaltlich-Thematischen wie auch der sprachkünstlerischen Gestaltung im einzelnen und in ihrem Zusammenspiel als Wesensteile der Ganzheit des Gedichts. Gegenstand des Gedichts ist das Ich in der Welt. Offenbar ist das Ich jetzt verloren, während es einst umschlossen war. Seine Verlorenheit ist bedingt durch den jetzigen Zustand der Welt. Einst war sie dem Ich Stätte und Geborgenheit, des Umschlossenseins, jetzt ist die Welt als Ganzes der Raum angstgetriebener Flucht. Die Struktur des Gedichts stimmt mit der thematischen Gliederung genau überein: Dem » Verlorenes Ich« des ersten Verses entspricht das »die einst auch das verlorene Ich umschloß« des letzten Verses. Die ersten sechs Strophen vergegenwärtigen das Verlorensein des Ich und den Weltzustand der Gegenwart in ihrem Aufeinander-bezogensein. Die beiden letzten Strophen rufen die Vorstellung der Weltganzheit und Ich-Geborgenheit der Vergangenheit wehmütig in Erinnerung. Die sechs Gegenwartsstrophen sind ihrerseits gegliedert in zwei dreistrophige Gruppen, deren jeweils letzte Strophe das Ausgesagte aufgipfeln lassen in der bei aller Verlorenheit dringlichsten Frage: Wo? bzw. woher, wohin? Gedanklich und strukturelle Achse des Gedichts aber ist jener lapidare Satz aus drei Worten, der die Ursache für das Verlorensein des Ich in der Gegenwart ausspricht: »Die Welt zerdacht.« Dieser Satz steht genau in der Mitte des ganzen Gedichts.
Der genauen Übereinstimmung von gegenständlich-thematischer Gliederung einerseits und struktureller Gesamtgestalt andererseits entspricht auch das rhythmische Gefüge des ganzen Gedichts. Die ersten sechs Strophen haben durchweg hastenden, jagenden Rhythmus. Ausrufformen sind hart und ohne Überleitungen zueinander gestellt. Zur Ausformung ganzer Sätze bleibt keine Zeit . Die Wirkung des harten, hastenden und immer wieder von Intervallen in der Versmitte gebrochenen Rhythmus verbindet sich mit der des Aussagesinnes: »Die Welt als Flucht.« Von völlig anderer Art dagegen ist der Rhythmus der beiden letzten Strophen, die das Bild einstiger Ich-Umschlossenheit beschwören. Auf das einleitende »Ach, als sich alle [...]« folgen lang ausschwingende Sätze. Der Rhythmus der Verse ist getragen und weich. Er verstärkt den Eindruck des trauererfüllten Wissens um ein unwiederbringlich Verlorenes, von dem die Schlußstrophen sprechen. Was sich im Blick auf das Gedicht als Ganzes hat erschließen lassen, findet vielfache Bestätigung durch die Beobachtung im einzelnen: »Verlorenes Ich« soll offensichtlich nicht heißen, daß das Ich abhanden gekommen, nicht mehr da ist. Verloren heißt hier: vom Ganzen abgerissen, ziellos umherirrend, angstvoll und verzweifelt suchend. In diesem Sinne ist es gebräuchlich etwa in der Redensart: »In der völlig fremden Umgebung kam ich mir ganz verloren vor.« Trotz seiner Verlorenheit ist das Ich anwesend. Es wird im Gedicht selbstmehrfach angesprochen als Gegenüber, als Du . Das Ich spricht sich dabei selbst als Du an. Das Gedicht ist in diesen Teilen Selbstgespräch. Auch das ist Kennzeichen der Verlorenheit: Ein echtes, wirklich antwortendes Du gibt es für das »verlorene Ich« nicht mehr. Es ist in absoluter Isoliertheit auf sich selbst verwiesen. Eine echte, tragende und haltende Beziehung ist nicht mehr vorhanden. Diese Tatsache ist gegenwärtig im ganzen Gedicht. Sie kommt unmittelbar zum Ausdruck in den Versen 23 und 24: »Du möchtest dir ein Stichwort borgen - allein bei wem?«
Im gegenwärtigen Zustand der Welt herrschen unheimliche Mächte, denen das Ich sich hilflos preisgegeben weiß. Sie sind im Gedicht allgemein bezeichnet als »das Unendliche« , »Unendlichkeiten« , desgleichen auch in der eigenartigen Verbindung »Unendlichkeitschimären« in Vers 3. Die erste Strophe versucht einige solcher »Unendlichkeiten« zu nennen: »Stratosphären«, »Ion«, »Gamma-Strahlen«, »Teilchen und Feld«. Nähere Auseinandersetzung mit den hier aufgerufenen technisch-wissenschaftlichen Bezeichnungen bzw. Begriffen läßt den Sinn des Wortes »Unendlichkeiten« erkennbar werden. Stratosphären sind Räume, mit denen die moderne Technik selbstverständlich rechnet, aber ihre Dimensionen liegen weit außerhalb aller menschlichen Vorstellungsmöglichkeiten. Sie sind daher für das Ich von »unendlicher« Größe. Seit das Ich um diese »unendlichen« Räume weiß, ist es »zersprengt«, das heißt: aus der umschließenden Einheit einer Welt vertrauten Daseins und vertrauter Maße herausgerissen.
Der »unendlichen« Größe der Stratosphären genau entgegengesetzt ist die ebenfalls unvorstellbare - »unendliche« - Wirklichkeit des Ion, des kleinsten Teilchens der Materie. Seit es darum weiß, welche ungeheuren Kräfte grausiger Vernichtung in diesen unendlich kleinen Materieteilchen ausgelöst werden können, begreift sich das Ich als ihr »Opfer«. Ähnliches gilt von den Gamma-Strahlen, den von radioaktiven Elementen ausgehenden »Todesstrahlen«, wie sie die laienhafte Sprache richtig bezeichnet. Das erste und das letzte Wort des zweiten Verses schließen sich zusammen. Das Ich ist »Opfer-Lamm« dieser winzigsten »Unendlichkeiten«. Es ist selbst »Teilchen und Feld« zugleich. »Teilchen« heißen jene »unendlich« kleinen Materieeinheiten mit elektromagnetischer Ladung, die sich nach den magnetischen »Feldern«, in deren Kraftbereich sie geraten, gruppieren und ordnen müssen. Jedes »Teilchen« aber kann durch seine eigene Ladung auch zugleich die Funktion eines »Feldes« haben und dadurch seinerseits andere Teilchen zu bestimmter Gruppierung und Zusammenballung zwingen. Begreift sich das Ich als »Teilchen und Feld«, so ist ihm damit bewußt, daß es sich nicht mehr nach eigenen Willensentscheidungen frei bewegen kann, sondern nur noch Funktionen ausübt, die von unvorstellbaren Kräften ausgelöst und gelenkt werden. Die Bedeutung des Wortes »Funktion« wird hier schon erkennbar, nachdem einsichtig geworden ist, was mit »Unendlichkeiten« bezeichnet sein soll. Auf die wissenschaftlich-technischen Begriffe der ersten Verse, die ja ob ihrer

»unendlichen« Maße keine eigentlichen Bildvorstellungen bewirken können, folgt ein Bild, das sich zunächst nicht recht in diese Umgebung zu fügen scheint: »Unendlichkeitschimären auf deinem grauen Stein von Notre Dame.« Bild und Sinnzusammenhang aber erschließen sich von der spezifischen Bedeutung der »Unendlichkeiten« in Benns Gedicht her: Die mittelalterlichen Steinmetzen versuchten, in den Fabelwesen, die sie an den gotischen Kathedralen anbrachten, das grausig-dämonisch Unheimliche und Bedrohende der Welt, wie sie es in ihrer Zeit kannten oder verspürten, phantasievoll zu verkörpern4. Die Chimären sind »auf deinem grauen Stein« angebracht, an den Türmen und Mauern außerhalb des geweihten Kirchenraumes, zu dem ihnen der Zutritt verwehrt ist. Dort, im »Außerhalb« ist ihr Herrschaftsbereich, eben dort, wo das Ich jetzt ziel- und ruhelos umherirrt. »Auf deinem Stein« kann nur heißen, daß der Kirchenbau als von Menschenhand Geschaffenes zum Vertrauten, Beheimatenden gehört im Gegensatz zu den Gegenständen modernen wissenschaftlich-technischen Denkens, das zwar auch von Menschen vollbracht wird, aber Bedrohendes, unfaßbar Schreckliches verwirklicht hat. Die beiden letzten Strophen machen diesen Sinn deutlich: »Dein grauer Stein von Notre-Dame« stammt noch aus der Zeit, als »auch die Denker nur den Gott gedacht«. Seit die Menschen »die Welt zerdacht« haben, sind nun die »Unendlichkeiten« das Grauenhafte, Entsetzliche, Dämonische, das das Ich bedrohend umlauert. Sie sind ebenso unvorstellbar und unfaßbar und im Letzten unabbildbar, wie das Grauen, das die Menschen einst in den Phantasiegebilden der Chimären zu verkörpern suchten.
      Dem sich verloren wissenden Ich ist die Zeit als geordnetes, organisches Maß im Daseinsverlauf verstört. Die Tage sind nicht mehr sinnerfüllter und vertrauter Wechsel von Tätigkeit und Ruhe. Nacht und Morgen sind ohne Bedeutung. Die Jahre sind nicht mehr durch den natürlichen Rhythmus der Aufeinanderfolge der Jahreszeiten und der ihnen zugeordneten vertrauten Lebenserscheinungen der Natur bestimmt, sondern nur noch vorüberfliegende Zeiteinheiten. Jeden Augenblick kann das bedrohend lauernde »Unendliche« vernichtend hervorbrechen. Die Welt, einst Heimat und Erfüllungsbereich menschlichen Daseins mit ihren festen Gegebenheiten von Zeit und Raum, ist jetzt der Schauplatz ruheloser Flucht. Gottfried Benn liefert selbst einen Kommentar zu den beiden ersten Strophen des Gedichts in dem Gespräch »Drei alte Männer«5: »Innerhalb eines Zeitalters, das seine Perspektiven so ins Imaginäre verlängert, rückwärts in Lichtjahre, die nie einer sah, vorwärts in Zahlen und Ideen, zu denen keine Anschauungje noch vordringen kann, gibt es einen Maßstab für Sinn und Wahnsinn überhaupt nicht mehr.« Die dritte Strophe schließt unmittelbar an und erweitert das Bewußtsein des Ver-lusts der zeitlichen Lebensordnung zugleich auf das Räumliche. Dreimal klingt die Frage auf: Wo? Jede Flucht hat ein Ende. Wenn aber die Welt selbst Flucht ist, gibt es in ihr keinen Platz mehr, an dem das Fliehen enden, das Ich einen Ruhepunkt finden könnte. Es gibt dann auch keinen Ort, wo sich die Ich-Sphären »anbreiten«, Kontakt und Aufnahme finden könnten. Das sprachlichklangliche wie auch das sinnhaltige Wiederantönen von »Stratosphären« im Gleichlaut und Kontrast zu »Sphären« unterbaut und verstärkt die Wirkung dieser drei


Fragen ohne Antwort. Jeglicher Einfluß auf das Verhältnis von Verlust und Gewinn im Dasein ist dem Ich entzogen. Das Spiel wird von »Bestien« gespielt. »Bestien«, ein anderes Wort für »Unendlichkeiten«, ähnlich wie »Unendlichkeitschimären«. »Ewigkeiten« darf nicht als andere Bezeichnung von »Unendlichkeiten« aufgefaßt werden. Sie sind wohl zu verstehen als die tatsächlichen Ruhebereiche des gehetzten Ich. Aber sie sind durch Gitter, durch unüberwindbare Hindernisse versperrt. An ihnen flieht das Ich entlang, der Zugang zu ihnen ist verschlossen. Die vierte Strophe ist als ganzes ohne weiteres verständlich. Doch enthält sie einige sprachliche Schwierigkeiten, wenn nicht Schwächen. »Der Bestienblick«: Die mit der Vorstellung »Bestien« belebten »Unendlichkeiten« sind so gewaltig, daß für die Sterne, für den Menschen bisher mit der Assoziation des Fernsten, der Weite des Weltalls verbunden, nur die »Kaidaunen«, also die Eingeweide bilden. Vor diesem Blick, im Bewußtsein seiner Drohung, erscheint der »Dschungeltod« im unübersehbar orientierungslosen Auf-der-Flucht-Sein des Ich als »Seins- und Schöpfungsgrund«. Die biologisch orientierte Weltanschauung Gottfried Benns, die den Menschen jeglichen personalen Eigenwertes entkleidet, bricht hier brutal und ungehemmt durch. Die Belebung der zunächst technisch-wissenschaftlich begriffenen »Unendlichkeiten« als »Bestien« faßt konsequent in Bennscher Manier Weltall, Einzelexistenz und Menschlichkeitsgeschichte biologistisch in erschreckender Raffung. Die Sterne werden zu Eingeweiden, die Geschichte in ihren großen weltgestaltenden Ereignissen der Vergangenheit zum Sturz in den Bestienschlund der jetzt weit- und daseinsbeherrschenden »Unendlichkeiten«. Dabei ist der Untergang des Menschen im Unentwirrbaren biologistisch zum »Seins- und Schöpfungsgrund« erhoben. - »Katalaunen« kann man nur als eine recht unglückliche Neubildung bezeichnen; im übrigen wiederholt sie nur, was bereits mit »Völkerschlachten« ausgesagt ist. Der gegenwartsbezogene Sinn der vierten Strophe wird trotzdem klar. Ereignisse der Geschichte, wie die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern, von denen wir uns einbildeten, daß sie das Abendland vor der asiatischen Überflutung retteten, sind vor den »Unendlichkeiten« der Gegenwart bedeutungslos. Mensch, Geschichte, Räume und Zeiten, Helden und Taten sind nichtig und sinnlos im unvermeidlichen Sturz in den »Bestienschlund«.
      Die fünfte Strophe bezeichnet zunächst die Ursache für den gegenwärtigen Weltzustand und für die in ihm begründete Verlorenheit des Ich, um dann die Konsequenz des »Die Welt zerdacht« in formelhaft nüchtern wirkender Zusammenziehung nocheinmal aufzuzeigen. »Zerdacht« - die Vorsilbe »zer« hat immer den Sinn von zerstörendem Auseinanderreißen von etwas Gefügtem, Ganzem. Denken als den Menschen auszeichnende Fähigkeit ist zum »Zerdenken« und damit zu zerstörerischer Wirkung gelangt, seit der dem Menschen eigene Erkenntnisdrang beim Denken der Ganzheit nicht stehengeblieben, sondern in die Bereiche des nicht mehr sinnhaft Wahrnehmbaren vorgedrungen ist. Solches Denken war auch dem Menschen der Vergangenheit eigen, aber damals richtete es sich auf Gott , in räumlichem Sinn auf »die Mitte« . Jetzt aber ist es nach außen, über die gegebenen Grenzen hinaus, gerichtet, es ist zum Auseinander-Denken, zum »Zer-denken« geworden. Im Überschreiten der Grenzen der Wahrnehmbarkeit hat der Mensch das Wissen erworben um die »Unendlichkeiten« der Realität. Dem Menschen aber ist als Herrschaftsbereich das »Endliche« zugeordnet: Das »Unendliche« konnte er zwar entbinden, aber kann es nicht lenkend beherrschen. Nun sind die »Unendlichkeiten« da. Und angstgeschüttelt flieht der Mensch vor den unbe-herrschbaren Mächten, die er durch sein »Zerdenken« der Welteinheit ihrer Fesseln entledigt hat. Alle Sicherheiten, alles einst selbstverständlich Gegebene hat in der »zerdachten Welt« seine einstige Kraft verloren: Raum- und Zeitmaße und -begriffe, Zeiten und Zeitalter, Menschheitsgeschichte und damit alles, »was die Menschheit wob und wog«. Es ist »Funktion« unfaßbarer, unsichtbarer und doch gewußter und in ihren grausigen Wirkungen verspürter Mächte. Zwar weiß der Fachwissenschaftler diese Funktionen in mathematisch-physikalische, chemische oder biologische Formeln zu fassen. Ihre grauenhaften, vernichtenden Wirkungen aber sind dem einzelmenschlichen Willensbereich entzogen. Die letzte Konsequenz alles dessen ist dann, daß »die Mythe log« . Was von der Frühzeit der Völker an Vorstellungen über die Weltschöpfung, einzelne Götter und Heroen geglaubt oder doch wenigstens als Überliefertes hochgehalten worden ist, ist entwertet in einer »zerdachten Welt«, in der alles Geschehen nur noch Funktion der vorher gekennzeichneten »Unendlichkeiten« ist. Die sechste Strophe vergegenwärtigt noch einmal die Situation des Ich im gegenwärtigen Weltzustand. Nicht nur das Fehlen jeglichen Ziels - »wohin« -, sondern auch jeder Verwurzelung im Vergangenen - »woher« -, wird erschreckend bewußt. Die absolute Ich-Vereinsamung begreift sich in dem unteilnehmenden, empfindungslosen Schweigen der Umwelt. Weder Begrüßung für den Kommenden noch Trauer um den Scheidenden ertönt. Ringsum ist nur das drohende Lauern der Unendlichkeiten. Und doch möchte das dermaßen sich verloren wissende Ich seinem Dasein einen Sinn geben. Es verlangt nach dem »Stichwort«, das ihm gilt, damit es den Augenblick seines Auftritts erfahre. Es möchte sich ein Stichwort wenigstens »borgen«, damit es seine Rolle im Dasein spielen und ihm dadurch einen Sinn geben kann. »Allein bei wem?« In der »zerdachten Welt« ist ja niemand da, von dem du ein Stichwort auch nur borgen könntest. Ringsum ist nur das drohende Schweigen der »Unendlichkeiten«.
      Aber da wird die Erinnerung wach: »Ach - einst!« - Einstmals, ehe die Denker die Welt »zerdacht« hatten, da war sie doch eine Ganzheit, in deren harmonischer Ordnung jedes Einzelwesen seinen ihm gemäßen Platz, seine Verwurzelung, sein Stichwort und seine ihm zugewiesene Rolle hatte. Damals war die Blickrichtung nicht nach außen, über das »Endliche« der Schöpfung und ihre gefügten Ordnungen hinaus, wo die Chimären des Unendlichen hausen. Alle, auch die Denker, dachten nur Gott als Mitte des Seienden, ihr Denken war nicht auflösend, sondern bindend und verbindend. Damals »verzweigten« sie sich »den Hirten und dem Lamm«, dessen Blut sie alle reinigte. Sie waren eingefügt in die große Gemeinschaft der Kommunion. Der einzelne war Glied des Ganzen. Und für jeden einzelnen war das Blut des Lammes vergossen worden. Das reine Gegenbild zum gegenwärtigen Weltzustand der ersten sechs Verse formt sich aus: Hirten und Lamm als Bild des

Behütet- und Bewahrtseins. Das reinigende Blut des göttlichen Opferlammes - welch ein Gegensatz zum sinnlosen Opfer des Ich als »Gamma-Strahlen,-Lamm«. Damals »eine Mitte«, »alle«, »eine Wunde«, dazu das Bild des Brotes, das die Hirten brachen und das »jeglicher genoß«. Damals war die »Stunde« erfüllt. Das für sich immer, auch damals, »verlorene Ich« war umschlossen und wußte sich geborgen. Während jetzt Zeit- und Raumeinheiten zersprengt, aller haltenden Kraft entkleidet sind, war jene Zeitenstunde »zwingend« und »erfüllt«. Für das Damals steht das Bild des von Hirten behüteten Lammes. Und als Sinn: Christus selbst, Gott, Lamm und Hirte in einer Person und durch die Teilhabe an seinem Blut und Leib im gemeinsamen Essen und Trinken das Umschlossen- und Eingefügtsein eines jeglichen. Das einzelne Ich nicht, wie jetzt, verloren, sondern »umschlossen« in der Ganzheit Welt und ihrer Ordnung von Gott und in Gott. Nicht »Unendlichkeitschimären«, sondern »Hirten und Lamm«, nicht »Tage ohne Nacht und Morgen« und »Jahre ohne Schnee und Frucht«, sondern »eine zwingende erfüllte Stunde«, die alles, auch das »verlorene Ich« umschloß.
      Aber zwischen dem Jetzt, in dem alles nur noch »Funktion« von unvorstellbaren »Unendlichkeiten« ist und dem »Einst« der »erfüllten Stunde« steht das »Ach« und dazu das »oh ferne Stunde, die einst«. Offensichtlich gibt es für den Dichter zwischen dem erlebten »Jetzt« und dem erinnerten »einst« keine verbindende Brücke. Das ganze Gedicht ist nur nüchterne Feststellung des Sachverhaltes jetzt und des Wissens um das »Einst«. Das »Ach« des 25. Verses macht deutlich, daß das schöne Bild einstiger Gottes-Welt und Menschenordnung nicht mehr ist als der Ausdruck traurigen Wissens um unwiederbringlich Verlorenes. Wenn irgendwo, so tritt in diesem Gedicht Gottfried Benns seine hohe sprachkünstlerische Meisterschaft und zugleich seine Problematik deutlichst in Erscheinung. Das Gedicht vergegenwärtigt ein ganz und gar aktuelles Daseinsproblem unserer Tage. Es betrifft das menschliche Ich der Gegenwart und seine verzweifelte Situation schlechthin. Die zunächst ungewöhnlich scheinenden Mittel der Gestaltung erweisen sich bei näherer Beobachtung als dem Gestaltungsgegenstand durchaus angemessen. Wissenschaftlich-technische Fachausdrücke wie »Stratosphären«, »Ion«, »Gamma-Strahlen«, »Teilchen und Feld« und »Funktion« sind heute nicht mehr auf die Fachsprache begrenzt, sie sind charakteristisch für die Gebrauchssprache. Daß sie zu selbstverständlichen Elementen der Gebrauchssprache geworden sind, kennzeichnet das tatsächliche Verändertsein der Welt, das tatsächliche Wirksamsein jener Mächte, die Benn als »Unendlichkeiten« bezeichnet und damit die Situation des menschlichen Ich in der Gegenwart. Ist Lyrik immer »die Frage nach dem Ich«, so sind damit solche wissenschaftlich-technischen Begriffsbezeichnungen heute auch legale Ausdruckselemente der Lyrik. Daß es Benn gelingt, sie so zu fügen und zu verwenden, daß sie die überlieferte Form des lyrischen Gedichts nicht sprengen, sondern ihre Erfassungskapazität derart erweitern, daß das Lebensgefühl und die Daseinssituation des modernen Menschen in ihr Raum und Ausdruck finden, kennzeichnet den Meister lyrischer Wirklichkeitsgestaltung der Gegenwart. Bis in die Struktur der einzelnen Verse ist das Gedicht vom Bildlichen wie vom Klanglichen rhythmisch und gedanklich durchkomponiert. Assonanzen innerhalbder Verse sind ebenso zur Wirkung gebracht wie sinnbetonende Lautfolgen . Zahlreiche Bindungen geben der Gedichtgestalt den Charakter des in sich ruhenden, geschlossenen Sprachgebildes. Zahlreiche andere Beispiele wurden im Verlauf der Interpretation schon genannt. Neben den Begriffen moderner wissenschaftlich-technischer Weltveränderung aber stehen die Namen und Bilder, die das Bewußtsein europäischer Kultur- und Geistestradition vergegenwärtigen: »Notre Dame«, »Mythe«, »Evoe und Requiem«. Sie bringen durch ihr Aufgerufensein den grausigen Weltzustand nach dem »Zerdenken« gerade durch den Kontrast zu stärkerer und unmittelbarer Wirkung.
      Daß sich in der dritten und vierten Strophe Bilder durchsetzen, die das Nichts, dem das »verlorene Ich« sich ausgeliefert weiß, in biologischen Vorstellungsbereichen vergegenwärtigen, kennzeichnet die Welt- und Menschensicht des Dichters. Über sie zu sprechen und zu ihr, so wie sie im Gedicht erscheint und Mensch und Welt erscheinen läßt, Stellung zu nehmen, gehört zur unerläßlichen Aufgabe der Interpretation, nachdem sie das »Was« und das »Wie« des Gedichts beobachtend erschlossen hat. Das Gedicht ist echter und spontaner Ausdruck des Daseinsbewußtseins und des Lebensgefühls des modernen Menschen in sprachkünstlerisch vollendeter Gestaltung. Es ist zugleich umfassendes Zeugnis über den Lyriker Gottfried Benn. Die um Objektivität der Einsichten bemühte Interpretation dieses Gedichts kann und sollte im gegebenen Fall die Grundlage bilden für eine Gesamtcharakteristik seiner Persönlichkeit, seines Werkes und seiner Welt- und Menschensicht. Seine Herkunft und Verwurzelung im lyrischen Expressionismus, seine Eigenart der lyrischen Gestaltung und sein seit dem Anfang der zwanziger Jahre im letzten Grunde kaum verändertes Weltbild lassen sich von diesem Gedicht aus ohne besondere Schwierigkeiten aufweisen. Doch ist dazu im Rahmen dieser Einzelinterpretation nicht der Raum. Auf jeden Fall erweist sich Gottfried Benn mit diesem Gedicht als ein unvergleichlich scharfer und genauer Beobachter der gegenwärtigen Daseinssituation des Menschen. Er hat die Kraft, das Erkannte in hoher sprachkünstlerischer Meisterschaft im Gedicht Gestalt werden zu lassen. Konsequenz seines kompromißlos biologischen und nihilistischen Standpunktes ist es, daß für ihn »die Welt zerdacht« und das Ich »verloren« ist und daß ihm die Umschlossenheit des Ich in der christlichen Heilsbotschaft nicht mehr sein kann als traurig-wehmütige Erinnerung, die für ihn im Heute keine Kraft mehr hat. Diese Feststellung aber zwingt zu der anderen, daß dies nicht die einzige Einstellung zum gegenwärtigen Zustand der Welt und zur Daseinssituation des Ich sein kann. Ihr gegenüber steht die andere, die ihre lyrische Gestaltung gefunden hat in Werner Bergengruens Gedicht »Ruhm des Menschen und seiner Zukunft«7. .Auch in diesem Gedicht ist die Rede von Atomen, Stratosphären, Protonen und Elektronen, also von dem, was Benn als die »Unendlichkeiten« bezeichnet:

»Zertrümmerer der Atome, Überspringerdes Raumes, zertrümmere, überspringe auchdas letzte Graun in dir...« heißt es in Bergengruens Gedicht. »Nichts ist verloren« - so ist dort die Überzeugung. Und:
»So schleudere die angeerbte Furcht hinweg,
Verwinde den Schauer vor dem Schrecknis,den die Unermeßlichkeit dir kalt entgegenhaucht.« Hier wird die andere Überzeugung Wort. Und ihre letzte Erkenntnis ist nicht »Die Welt als Flucht«, sondern das vertrauensvolle »Ja« des Menschen zur Erschließung der gewaltigen Kräfte der Welt als Vollzug des göttlichen Auftrages an das menschliche Geschlecht:
»Denn das Unendliche mindert sich nicht,wenn das Endliche wächst.
      Und das Geheimnis verbleibt.« Bezeichnet Benns Gedicht »Verlorenes Ich« die eine Position der modernen Dichtung, so das Bergengruens die andere. Interpretieren heißt zuletzt: Stellung beziehen. Die Entscheidung hat der einzelne zu fallen im Bewußtsein der Verantwortung vor der Mitmenschheit, vor dem eigenen Gewissen, vor Gott!

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Verlorenes  Ich  -  Gottfried  Benn    





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