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Unter der Wurzel der Distel - Peter Huchel



Unter der Wurzel der Distel

Wohnt nun die Sprache,
Nicht abgewandt,

Im steinigen Grund.
      Ein Riegel fürs Feuer

War sie immer.
      Leg deine Hand


Auf diesen Felsen.
      Es zittert das starre

Geäst der Metalle.

   Ausgeräumt ist aber
Der Sommer,

Verstrichen die Frist.
      Es stellen

Die Schatten im Unterholz

   Ihr Fangnetz auf.
      »Auch dieser Text will für sich stehen und sich nach Möglichkeit behaupten gegen seine Interpreten«1. Das hat der Dichter zwar nicht im Blick aufsein hier vorliegendes Werk gesagt, aber dieses Wort zeigt die Abwehr des Autors gegen vorschnelles Suchen nach einem versteckten Hintersinn. Warum auch einen Sinn verstecken, wenn man ihn offen zeigen kann? Warum Interpreten herausfordern, dunkle Bilder durch andere, vielleicht noch dunklere, ganz gewiß schlechtere zu erläutern, »vorliegende Metaphern gegen neue auszutauschen«2? Nein, entweder steckt der Sinn, nach dem jeder Leser fragt, vor dessen Augen und Ohren Sprache kommt, entweder wohnt dieser Sinn in den Metaphern selbst, oder es handelt sich um ein höchst überflüssiges Versteckspiel. Ãœber den Augenschein der Oberfläche dessen, was man so Welt und Natur, Wirklichkeit und Leben zu nennen pflegt, wird man sich unter verständigen Menschen halbwegs zu einigen wissen. Aber erst unter dieser ohnehin schon stacheligen und bunten Oberfläche des Alltags, »im steinigen Grund« der Wahrheit, jener absoluten Wahrheit, die alle Wirklichkeit über sich trägt und erträgt, erst hier wohnt die Sprache, gerade hier, wo die Verständigung aufhört. Solche Gedanken sind Ausdruck der »paradoxen Spannungen, aus denen Huchels Lyrik lebt«3, hier sprachliche Formung eines sprachlich nicht mehr mitteilbaren Sachverhalts, wahrhaftiges Offenbaren der verborgenen Wahrheit. Damit ist der Begriff der Sprache wieder ganz auf den Bereich reduziert, der den Zugang, das Eingreifen, das Weitergeben der Wahrheit umfaßt, damit ist der Begriff Sprache ganz von jenem Wortgeplänkel abgerückt, das unser Sprachgebrauch meint, wenndas Mitteilen von unverbindlichen Gedanken Sprache genannt wird. »Wer die Sprache unter der Wurzel der Distel finden will, muß â€” so lehren die späteren Gedichte — die Distel ausreißen. Wer im Namen der Wahrheit antritt, muß bereit sein, mit den Worten zu kämpfen«4. Huchel hat sich auf diesen Kampf mit den Worten um die Wahrheit eingelassen. Da ist es nicht mit Oberflächenbeschreibung und Gefühl für Zusammenhänge getan. Sprache suchen und finden hieß schon immer, sich in Distanz zu sich selbst zu begeben —, »ein Riegel fürs Feuer / War sie immer«. Aber es gab vielleicht einmal eine Zeit, wo es genügte, die Dinge beim Namen zu nennen, wenn man die Wahrheit sagen wollte. Was einmal war, kann hier nicht lange bedacht werden. Die »Trauer über das Vergängliche« schwingt noch mit, aber jetzt, nach dem »Sommer«, geht es darum, den herbstlichen »Fangnetzen« von zugleich verbrauchten und neuigkeitsgierigen Reklamewörtern, den Schlagzeilen einer zugleich eindringlichen und oberflächlichen Information, allen sprachlichen »Schatten im Unterholz« aus dem Wege zu gehen, ganz allein das Unkraut zu jäten und die Wahrheit freizulegen. Hier, in übertragenem und in wörtlichem Sinn genau in der Mitte des Gedankenkreises von Peter Huchels Gedicht, hier wird »vom äußersten Rand der Erfahrung« her die Metapher zum konkreten Imperativ. Faß die Wirklichkeit an, und die ideologische Starre wird lebendiges Zittern spüren lassen!
Des Dichters Aufruf zur Suche nach der Wahrheit bleibt auch für ihn selbst gültig. »Was Peter Huchel von anderen gefordert, hat er selbst verwirklicht. Dergleichen kann nicht oft gerühmt werden«6:

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Unter  der  Wurzel  der  Distel  -  Peter  Huchel    





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