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Gedichte aus unserer zeit - interpretationen

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Signale - Christine Busta



Damals, um zwei Uhr nachts im Bahnhof von Nürnberg:
Niemand stieg aus oder zu, man hat nur die Post verladen, Botschaft von Schläfern für Schläfer.
Zwischen Gleisen und Weicheneine verirrte Grilleschrie und schrillte und schrie.
      Wodurch mir Christine Busta schon früh auffiel, ist ihre Unbeirrbarkeit gewesen. Gewiß, damit kann man es sich leicht machen, einfach nicht nach rechts und links sehen, nichts von dem, was sich verändert, zur Kenntnis nehmen, allen Fragen und Irritationen ausweichen. Doch was wäre das für ein Lyriker, der sich so ängstlich oder so ungerührt verhielte! Christine Busta hat die Entwicklungen, Moden, Trends sehr wohl verfolgt, aber ihr Talent nicht hierhin und dorthin gehetzt, sondern — angesichts der Veränderungen — an sich selbst weitergearbeitet. Jetzt gelingen der sechzigjährigen Wienerin Gebilde von großer Schlichtheit und Ausgewogenheit. Dabei sind sie alles andere als wohltemperiert. Eines der Gedichte, das »Signale« heißt, kann als Beispiel dienen. Die Busta begnügt sich hier mit ganzen acht Versen, die in drei Strophen gegliedert sind. Kein Reim, kein Metrum, allenfalls ein Anklang von Daktylen — dennoch der Eindruck von etwas Festgefügtem, das durch Satzbau und Semantik strukturiert ist.

      »Damals, um zwei Uhr nachts / im Bahnhof von Nürnberg:« Der Auftakt des Gedichts scheint zunächst nichts weiter als eine Orts- und Zeitangabe, aber mit dem Stabreim »nachts« und »Nürnberg« schlagen die beiden Verse einen Ton an, der merkwürdig beklommen macht. Obwohl nächtliches Reisen für viele zur Selbstverständlichkeit geworden ist, kann uns bei einem Blick durchs Zugfenster in eine halbdunkle leere Bahnhofshalle nach Mitternacht plötzlich unsere Vereinzelung zu Bewußtsein kommen, bis zur Bangigkeit. Wie verloren jene wenigen, die dem Schlaf nicht nachgeben; wie riesig ihnen gegenüber die Zahl derer, die sich zwischen ihren Bettpfosten ausgestreckt haben, wie betäubt daliegen! »Niemand stieg aus oder zu, / man hat nur die Post verladen [...]«
Während wir die nächtlichen Bilder von Öde, Vereinzelung, Ungeschütztheit noch auf uns wirken lassen, Menschenleere in ihrer Tristheit bis in die Eingeweide empfinden, nimmt das Gedicht eine Wendung, indem es uns eine neue, eine »poetische« Einsicht eröffnet. Das ab- und zugeladene Postgut »entpuppt« sich als »Botschaft von Schläfern für Schläfer«. Jetzt, spüren wir, ist nicht länger mehr von zufällig Wachenden und zufällig Schlafenden die Rede; Wachen und Schlafen erscheinen als diametrale, äußerste Zustände des Bewußtseins. Menschen könnensich auch tagsüber wie Schläfer verhalten, so dahindämmem, während umgekehrt andere, immer hellwach, selbst nachts kaum Schlaf finden. »Eine verirrte Grille / schrie, schrillte und schrie.« So wird ein einzelnes Insekt zum Inbild. Der Schmerz der Schlaflosigkeit und der Schmerz über das, was schlaflos macht, geht in seinem feinen hartnäckigen Schreien ineinander über.
      Doch da das Gedicht »Signale« heißt, sollten wir auch an das Wachen aus Wachsamkeit denken. Grillengesang ist nicht wohltuend, eher schrill, alarmierend. Vielleicht ein Warnsignal? »Einer muß wachen«, heißt es bei Kafka, »einer muß da sein«. Es ist der, der uns warnen kann, wenn wir schlafen. Und sollten wir wach sein wie er, mitten in der Nacht, so wird uns der Ton seiner Stimme bedeuten, daß wir nicht allein sind.

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