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Sage vom Ganzen - Ernst Meister



SAGE VOM GANZENden Satz, den Bruch,das geteilte Geschrei, denträgen Ton, der Tage
Licht. s
Mühsamim gestimmten Raumdie Zeit in den Körpern,leidiges Geheimnis, langsam.
      Tod immer.

  
Sage: DIES ist kein anderes.
      Sage: So fiel, in gemeiner Verwirrung,

   der Fall. Sage auch immer:
Die Erfindung war groß.
      Du darfst nur nicht Liebe verraten.
      Der Rhythmus der ersten beiden Strophen ist, obwohl in der Mitte von Strophe 1 von »geteiltem Geschrei« die Rede ist, schleppend; »mühsam«, könnte man mit dem Anfangswort von Strophe 2 sagen. Die beiden ersten Zeilen der dritten Strophe, die — allerdings in Klammern gesetzt und sehr zurückgenommen — von Hoffnung sprechen und davon, daß eine geschichtliche Wirkung absehbar sein könnte, bringen durch die Apokope und die steigende Betonung eine kleine erste Belebung des Rhythmus. Spannung und Ausklang findet das Lesen in Strophe 5, dem warnenden Schlußsatz, so daß man einmal Eingang und Ausgang zusammenlesen darf: »Sage vom Ganzen / den Satz /[...]/ Du darfst nur nicht / Liebe verraten.« Die vierte Strophe ist rhythmisch am deutlichsten abgesetzt. Nach der in Strophe 3 angedeuteten Hoffnung oder sinnlichen Neugier auf geschichtlich sichtbar werdende Wirkung entzieht sich Strophe 4, sozusagen mit Macht, dem Sprechduktus von Strophe 1 und 2, der in seiner Art als »mühsam« und »langsam« charakterisiert werden kann. Die parataktisch angeordneten Imperative von Strophe 4 erscheinen demgegenüber fast hektisch. Gegenwart und Zukunft werden in unmittelbare Nähe zueinander versetzt. Das Sagen sei das unmittelbar bevorstehende Tun, obwohl doch gerade die beiden letzten Befehle auffordern, Vergangenes zu beglaubigen.

     
So >beschreibt< dieses Gedicht eine einfache >FigurErfüllung< muß für Meisters Gedichte ein paradoxer Begriff bleiben: einerseits ist es das als Gedicht Gesagte selbst, andererseits impliziert dieser Begriff die notwendige hermeneutische Haltung der Erwartung.)
Was wird denn zu sagen gefordert? »DIES ist kein anderes.« »DIES« steht hier in Majuskeln völlig absolut. Jedes »DIES«, so kann und soll gesagt werden, sei nur es selbst und »kein anderes«. Der Befehl, die Identität des einzelnen festzustellen, impliziert einen Interpretationsakt, nämlich die Deutung >A = AErfindungGanzenWelt< schlechthin zu sprechen und so in die Poesie hinein erkenntnistheoretische, ontologische und — oft verdeckt — geschichtliche Perspektiven zu integrieren.

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Sage  vom  Ganzen  -  Ernst  Meister    



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