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Gedichte aus unserer zeit - interpretationen

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Rückkehr - Hilde Domin



Meine Füße wunderten sich daß neben ihnen Füße gingen die sich nicht wunderten.
      Ich, die ich barfuß geheund keine Spuren hinterlasse, immer sah ich den Leuten auf die Schuhe.
      Aber die Wege feierten


Wiedersehenmit meinen schüchternen Füßen.
      Am Haus meiner Kindheit blühte

   im Februarder Mandelbaum.
      Ich hatte geträumt, er werde blühen.
      Die Vermutung, daß der Zeitgebrauch in solch einem Gedicht um einen besonderen Zeitpunkt eine außergewöhnliche Rolle spielen muß, sieht sich erstaunlich klar bestätigt. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft tauchen in den Verbformen auf, aber höchst unterschiedlich differenziert. Das Präsens in den beiden ersten Zeilen der zweiten Strophe steht unter dem Schatten des Imperfekts in der ersten Strophe, dieses Imperfekt meint aber eine ganz andere Zeitstufe als das gleiche Tempus im Schlußvers der zweiten Strophe. »Meine Füße wunderten sich«, meine Füße, die überall so »unnütz / Fußstapfen auf den Boden zu zeichnen« versuchten, »meine Füße, die viel gegangen sind [...], [...] meine Kinderfüße«2, sie wunderten sich auf dem Heimweg, denn die Dichterin geht »wie unter Leuten / die ihre Gedanken verbergen«3. Den Blick am Boden, an Bescheidenheit gewöhnt, so kommt die Dichterin nach Haus, »immer sah ich den Leuten auf die Schuhe«. Dieses »sah« in der zweiten Strophe liegt viel weiter zurück als das zweimalige »wunderten« in der ersten. Aber das »feierten« der dritten Strophe liegt wieder näher am Präsens: »die Wege feierten / Wiedersehen / mit meinen schüchternen Füßen«, das war erst kürzlich, auf dem Rückweg, nachdem früher der halb bewundernde, halb neidische Blick auf den Schuhen der anderen geruht hatte. Wie aber nun das »blühte« der vierten Strophe? Das war noch früher, vor dem Verwundern, vor dem Wiedersehenfeiern, vor dem Blick auf fremde Schuhe, vor dem Weggehen überhaupt, damals, zu Hause, wo das Unmögliche selbstverständlich war: »blühte im Februar der Mandelbaum«. Wir müssen bei diesem Gedicht das Imperfekt in vier Stufen verschiedener zeitlicher Entfernung vom Hier einteilen und können nun einensprunghaften, fast mit Gewalt in die Vergangenheit zurückdrängenden Tempusgebrauch feststellen. Merkwürdigerweise ist bei solcher Differenziertheit des Imperfekts das Perfekt ausgelassen , während das Tempus vom Endpunkt des Plusquamperfekts in ein konjunktivisches Futur, in die umgekehrte Richtung umspringt. »Ich hatte geträumt«, das ist die letzte erreichbare Stufe der Vergangenheit, wo die Erinnerung an uralte Sehnsucht auftaucht. »Das Herz hat Eile, / es reist den Träumen nach«4, gleichzeitig aber »flieht das Herz / vor dem Gesicht seines Traums«4. In der Erinnerung hier und jetzt ist die Dialektik von Sehnsucht und Angst das letzte Greifbare. »Der Traum, der dir nachstellt«5, die »Träume aus Salz«6, der »Angsttraum«7, das ist die eine Seite, und »unsere Kissen sind naß / von den Tränen / verstörter Träume«8, aber der Traum, hinter dem man herreist«4, der Traum, der Mandelbaum werde blühen, das ist die andere, wichtigere. Die fünfte Strophe verschweigt eine Zeile, die nun jeder im Präsens ergänzen mag. Nun handelt es sich nicht mehr um Träume, nun ist der konkrete Augenblick der Rückkehr gekommen. Der Mandelbaum blüht natürlich nicht im Februar. Es war alles ganz anders, »eine Rose ist eine Rose. / Aber ein Heim / ist kein Heim«9. Das mit Sehnsucht und Angst erwartete Zuhause gibt es nicht, »wir sind schon andere«10. Die Begegnung der Sehnsucht mit der Wirklichkeit führte mitten im Wunder der wirklichen Rückkehr zu einem enttäuschten Erwachen. Zwischen dem indikativischen Plusquamperfekt und dem konjunktivischen Futur liegt das leere Präsens, »barfuß«, »keine Spuren« hinterlassend: »der Traum ist tot, / zerbrechlich und zerbrochen«11. Und doch blieb eine Spur. Der Augenblick verschmolz Gefühl und Gedanken, Vergangenheit und Zukunft zum wahrhaftigen, sich jetzt erfüllenden Wunder des Wortkunstwerks: »Rückkehr«.

     

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