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Natur-Gedicht - Jürgen Becker



In der Nähe des Hauses, der Kahlschlag, Kieshügel, Krater erinnern mich daran — nichts Neues; kaputte Natur, 5 aber ich vergesse das gern, solange ein Strauch steht.
      Bereits die Sperrung der beiden Nomen Natur und Gedicht statt der geläufigen Schreibweise Naturgedicht zeigt an, daß es sich nicht um ein/das traditionelle Naturgedicht handelt, sondern um eine Standortbestimmung, um Reflexionen über Natur als eines Phänomens gesellschaftlicher Praxis des Menschen und seiner Geschichte.
      Natur und Gedicht sind nicht mehr identisch oder fraglos aufeinander bezogen, sondern sie stehen sich abständig gegenüber. Diesen prekären, ambivalenten Schwebezustand der sog. Normalität, unsere tagtägliche Alltagserfahrung beschreibt das moderne Zeilengedicht in prägnanter, lakonischer Kürze, die Nähe zum Epigramm ist unverkennbar. Die Beziehung zwischen Innenwelt, lyrischem Subjekt , das sich immerhin noch in das Gedicht einbringt, und Außenwelt, Restnaturerfahrung, ist selbst Gegenstand des Textes, der bei aller Kürze und elliptischer Syntax dennoch einen exakt definierbaren gesellschaftlichen und ökologischen Zustand, wie er sich seit Jahrzehnten abzeichnet und verschärft, benennt: Auf der einen Seite »kaputte Natur«, die umgangssprachliche Formulierung ist der Banalität und Alltäglichkeit der Erfahrung angepaßt, auf der anderen Seite die Nischenerfahrung »heiler« Natur, der Glaube an das Ãœber- und Weiterleben von Natur. Das Gedicht, und darin liegt seine Glaubwürdigkeit, spricht auch vom Verdrängungsprozeß, den wir bewußt und mit Erleichterung vollziehen, es spricht damit auch davon, wovon es schweigt: von der psychischen Belastung, uns der andauernden und zunehmenden Naturzerstörung, dem Verschwinden von Leben aus unserer Umwelt und vom Planeten, immer und vollsinnig, in der Alltagspraxis und im Denken und Vor-Denken stellen zu müssen — unser immer kleiner werdendes Prinzip Hoffnung. So ernüchternd die Botschaft, der Befund zumindest der ersten Hälfte des Gedichts auch erscheinen mag, so wirkungsvoll sind die ästhetischen Mittel verstärkend eingesetzt: Zeilenkomposition, Parallelismus, Alliterationen , elliptische Satzform, rhythmische Gliederung, auffällig die Stauung in

V.

3, bedeutsam und den Gesamtsinn enthaltend, die Opposition der beiden Verben »erinnern« — »vergessen«. Die nachhaltige Wirkung solcher kurzen Gedichte mag auch damit zusammenhängen, daß hier eine unaufdringliche, sich selbst gegenüber tolerante und nie selbstgerecht-pharisäerhafte Position des Natur betrachtenden lyrischen Subjekts zum Ausdruck kommt —, das unterscheidet ein solches Gedicht von gewiß auch notwendiger Öko-Lyrik.

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Natur-Gedicht  -  Jürgen  Becker    

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