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Gedichte aus unserer zeit - interpretationen

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Leicht - Christoph Meckel



Leicht sind Gespräche über den neuen Minister,die Partei, das Programm, die zweifelhaften Geschäfteweniger leicht vom Traum zu sprechen und von den Sachen der Liebe, unmißverständlich vom Glückund der Nacht in den Bergen. Lange schon ist mir das Selbstverständliche nicht mehr beantwortet worden und ich bin glaubwürdig nur für mich selbst, ohne Diskutanten.

      Die längst zum Klischee gewordene Wendung, »gottverlassen« zu sein, die einstmals einen tragischen und beängstigenden Zustand formelhaft umschrieb, heute nachzuempfinden, ist vermutlich nur möglich, falls sich ein ähnlich umfassender Verlust zum Vergleich heranziehen läßt. Mir scheint der einzig vergleichbare Mangel der an Sprache zu sein. Nur »Sprachverlassenheit« dürfte eine gleich verzweiflungsträchtige Analogie zur »Gottverlassenheit« darstellen. Die grassierende und manipulativ entstandene Unfähigkeit, von dem, was einen tief innerlich bewegt, reden zu können, und statt dessen die eigene Person im pseudo-wissenschaftlichen Vokabular bedingt gültiger Theorien abhandeln zu müssen, hat zu einer beredten Stummheit geführt. Leid und Schmerz lassen sich in solchem »Wortschatz« nicht fassen, nicht ausdrücken — wobei der adäquate Ausdruck besagter Befindlichkeit der Beginn der Heilung wäre.
      Meckels Gedicht macht diese Kluft klar und stolpert und fällt selber in sie hinein. Indiz: Daß es schwer wäre, vom Traum zu sprechen, der, wie auch die selten verdinglichten Sachen der Liebe, selber nicht aufscheint und kenntlich wird. Das Selbstverständliche ist nicht mehr beantwortbar, aber was dieses denn eigentlich sei, bleibt hinter dem papiernen Substantiv selber verborgen; das Gedicht enthält sich jeder auch nur andeutenden Evokation und thematisiert damit konsequent die »Sprachverlassenheit«, so daß diese bis in die Reflektion ihrer selbst vorherrscht. Die Betroffenheit beim Lesen des Gedichts ergibt sich für mich sowohl aus dem behandelten Problem wie aus der bestürzenden Nüchternheit, mit der es behandelt und gewissermaßen selbstbefriedigend abgehakt wird.
     

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