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Gedichte aus unserer zeit - interpretationen

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Kombination XI - Helmut Heissenbüttel




Die Nacht ist ein Muster aus Bogenlampen und Autorücklichtern.
      Auf der reglosen Fläche der Alster stehen die weißen Fahnender Nacht.
      Unter den Bäumen gehen die Schatten.
      Ich bin's.


Dunkelkammergespräche.

      Dunkelkammergedächtnis.
      Schattengitter über dem schmelzenden Eis.
      Auf Spiegelstelzen stehen die Lichter am Ufer.
      Die unbelichteten Stellen verblühn.

  

All diese Sätze.
      Das Inventar der Gelegenheiten.

      Vergiß nicht.
      Gerede von Schallplatten.
      Das Gedächtnis von Tonfilmstreifen, die abgespielt sind.

  
Und die Fragen sind die Sätze, die ich nicht aussprechen kann.
      Und die Gedanken sind die Vögel, die wegfliegen und nichtwiederkommen.
      »Das Gedicht Helmut Heissenbüttels beweist, daß die Lyrik heute in der Lage ist, selbst Abstraktionen zu interpretieren und — sachlich-einfach: doch dabei, wie raffiniert! — Theoreme dialektisch zu behandeln, ohne an bildhafter Plastizität zu verlieren und ohne in den Stil des Traktats zu verfallen.« So sieht Walter Jens in seinem Werk »Deutsche Literatur der Gegenwart« das Ergebnis der Bemühungen Heissenbüttels, »in einer Welt einzudringen und Fuß zu fassen, die sich noch der Sprache zu entziehen scheint«.
      Der mit »Kombination XI« überschriebene Text bestätigt die Jenssche Charakterisierung am eindrucksvollsten: Heissenbüttel formuliert zwar keinen Traktat, aber er ist hier dem »Tractatus logico-philosophicus« von Ludwig Wittgenstein verpflichtet. Diese Abhandlung, die zu den bedeutendsten philosophischen Schriften unseres Jahrhunderts zählt, ist zum erstenmal 1921 in »Ostwalds Annalen der Naturphilosophie« erschienen. Sie spricht in klar geordneten Sätzen:

»1. Die Welt ist alles, was der Fall ist.
      1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
      1.11 Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, daß es alle Tatsachen sind.
      1.12 Denn, die Gesamtheit der Tatsachen bestimmt, was der Fall ist und auch, was alles nicht der Fall ist.
      1.13 Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt.
      1.2 Die Welt zerfällt in Tatsachen.
      1.21 Eines kann der Fall sein oder nicht der Fall sein und alles übrige gleichbleiben. 2. Was der Fall ist, ist die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
      2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. [Sachen,
Dingen.] 2.011 Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes seinzu können.«
Soweit Wittgensteins Text, der den philosophischen Traktat in seiner reinsten Form zeigt. Dagegen beginnt Heissenbüttel sein Gedicht mit dem Satz:
»Die Nacht ist ein Muster aus Bogenlampen und Autorücklichtern.«
Das hektische Geschehen der Großstadtnacht [grelle Leuchtreklamen, jagende Autos] ist in einen kühlen Satz gebannt. Eine Struktur, ein geordnetes Muster ist gezeichnet. Man könnte mit Wittgensteins Traktat belegen:
»2.0271 Der Gegenstand ist das Feste, Bestehende; die Konfiguration ist das Wechselnde, Unbeständige. 2.0272 Die Konfiguration der Gegenstände bildet den Sachverhalt.
      2.03 Im Sachverhalt hängen die Gegenstände ineinander, wie die Glieder einer Kette.
      2.031 Im Sachverhalt verhalten sich die Gegenstände in bestimmter Art und Weise zueinander.
      2.032 Die Art und Weise, wie die Gegenstände im Sachverhalt zusammenhängen, ist die Struktur des Sachverhaltes.
      2.033 Die Form ist die Möglichkeit der Struktur.«
Das »Muster aus Bogenlampen und Autorücklichtern«, das für Heissenbüttel die Struktur der Großstadtnacht zeichnet, ist daher mehr als eine spontane Impression, mehr als bloße graphische Ansicht. Das gilt auch für die statische Komposition der Gegenstände, die sich in der nächtlichen Flußlandschaft stellt:
»Auf der reglosen Räche der Alster stehen die weißen Fahnen der Nacht.«
Ruhe herrscht in Bild und Abbild. Eine sanfte Bewegung löst nun wieder die Starrheit. Gewisse Konturen bewegen sich:

»Unter den Bäumen gehen die Schatten.«


Zum »Festen, Bestehenden« tritt das »Wechselnde, Unbeständige«. Mit der knappen Kennzeichnung »Ich bin's« ist das »lyrische Ich« dann selbst Sprache geworden. Es ist in den Text gebannt. Der Dichter beobachtet sich selbst. Er steht nicht mehr außerhalb des Sachverhaltes.
      In der zweiten Strophe erscheint das bisherige Muster der Nacht photographisch fixiert. Der Film wird »entwickelt«:
»Dunkelkammergespräche. Dunkelkammergedächtnis.«
In der Dunkelkammer setzt das optische Gedächtnis ein. Im Fixierbad wird das Sichtbar-Werdende zum Sichtbaren. Faszinierende Bilder entstehen und erstarren auf dem Film der Sprache:
»Schattengitter über dem schmelzenden Eis. Auf Spiegelstelzen stehen die Lichter am Ufer.«
Das photographische Negativ, das Gedächtnis, registriert nur das, »was der Fall ist«:
»Die unbelichteten Stellen verblühn.«
In der dritten Strophe schließlich reflektiert Heissenbüttel in einer Art von »Denklyrik« über die beiden ersten Strophen. Sätze über Sätze werden formuliert. Das ist die Methode des Philosophen:
»All diese Sätze.
      Das Inventar der Gelegenheiten.«
Das erinnert wieder an Wittgenstein: Der Satz ist zunächst ein Bild der Wirklichkeit. Jeder einfache Sachverhalt spiegelt sich in dem ihm zugeordneten Elementarsatz. »Die Angabe aller wahren Elementarsätze beschreibt die Welt vollständig«, hat der Verfasser des »Tractatus logico-philosophicus« notiert. Dasein und Sosein werden dann zum »Inventar der Gelegenheiten«.
      Das »Gerede von Schallplatten« wird von Heissenbüttel als akustisches Gedächtnis zitiert, das zum optischen [»Dunkelkammergedächtnis«] hinzutritt. An die Stelle der photographischen Momentaufnahme kann dann der Tonfilm treten:
»Das Gedächtnis von Tonfilmstreifen, die abgespielt sind.«
Von Bildern und Negativbildern wurde in den Strophen eins und zwei gesprochen.
      »4.01 Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit.
      Der Satz ist ein Modell der Wirklichkeit, so wie wir sie uns denken.«
Deshalb besteht die vierte Strophe der »Kombination XI« aus Sätzen über Sätze. Die Frage nach der Vollständigkeit der sprachlichen Fixierung wird schließlich aufgeworfen. Am 15. 11. 1914 notierte Wittgenstein in sein Tagebuch: »Jener Schatten, welchen das Bild gleichsam auf die Welt wirft: Wie soll ich ihn exakt fassen? Hier ist ein tiefes Geheimnis. Es ist das Geheimnis der Negation: Es verhält sich nicht so, und doch können wir sagen, wie es sich nicht verhält. Der Satz ist ebennur die Beschreibung eines Sachverhalts. [Aber das ist alles noch an der Oberfläche.]« In der letzten Strophe erscheint deshalb die Negation in den Sätzen über Sätze. Die Grenzen des Sagbaren sind erreicht. Gedanken aus der dritten Strophe werden additiv [»und«] wie auch negativ [»nicht«] ergänzt:
»Und die Fragen sind die Sätze, die ich nicht aussprechen kann.«
Nicht aussprechen können, heißt aber, nicht zur Sprache bringen können, nicht festhalten können. Der Bann der Sprache muß hier versagen. Die Gedanken entfliehen. »Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen«, drückte es Wittgenstein aus. Der Poet Heissenbüttel formuliert:
»Und die Gedanken sind die Vögel, die wegfliegen und nicht wiederkommen.«

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