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Gedichte aus unserer zeit - interpretationen

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Kleines Ruhmesblatt für Alexander Graf von Faber Castell - Reiner Kunze




Als wir zu beginn der sechziger jähre nach Greiz in Thüringen gezogen waren, sagte eines morgens die briefträgerin: »Was die leute so reden, herr Kunze.« Sie wollte sich nicht nur der post entledigen, und ich ermutigte sie. »Sie hätten eine so tüchtige frau«, sagte sie. »Stimmt«, sagte ich.

      »Jeden morgen halb sieben geht Ihre frau auf arbeit, und Sie bleiben zuhaus.« »Stimmt auch«, sagte ich. »Sie müßten doch von etwas leben!« Auch das stimmte.
      Mit anderen worten: Mein ansehen bei den nachbarinnen war denkbar gering. Was die briefträgerin nicht wußte, und was heute noch gilt: Meine Unabhängigkeit als Schriftsteller verdanke ich der kameradschaft meiner frau.
      Das gedieht ist ergebnis eines prozesses, der allen marktgegebenheiten hohnspricht. Erst wenn das gedieht die absieht geäußert hat, geschrieben zu werden, kann der autor beabsichtigen, es zu schreiben.
      Eines tages nahm mich A. zu höhergelegenen schlagen seines waldes mit und wies mich auf die kompensationstriebe vieler flehten hin. Dabei fiel das wort »angstnadeln«. Später einmal — jähre waren vergangen — berichtete er, daß er im wald von heftigem stechen in der herzgegend heimgesucht worden war und sich nur noch mit mühe hat in die obhut eines arztes begeben können. Wiederum später stellte er in einem gespräch augenzwinkernd die these auf, seine seele habe ihren sitz in der nähe des herzens. Als ich am abend nach diesem gespräch nachhausfuhr, spielte das unbewußte dem bewußtsein eine Verknüpfung zu, in der etwas von der inneren beziehung A.s zum wald aufschien: Seine seele treibt angstnadeln ... Ãœber der au, mit der A.s besitzungen an die Donau angrenzen, nistet der graureiher. Vor wenigen jahren noch zählte die kolonie fünfundfünfzig horste, im letzten waren es dreizehn. Die menschen dringen mit autos in die au ein, vernichten in bestimmten bereichen die Pflanzenwelt und hinterlassen ihren zum teil nicht verrottenden müll. Scharen von anglern reduzieren den fischbestand und stören vom frühen morgen an die reiher beim fischen. Die folge: Die vögel fliegen über land, holen die fisch-teiche der bauern aus und werden geschossen. Seit einem halben Jahrzehnt zieht A. von instanz zu instanz und streitet vor den schranken des gesetzes für sein recht,schranken vor die au zu legen. Hat sich auf dem fluß eine geschlossene eisdecke gebildet, fährt A. jeden morgen in die Stadt, kauft fischabfälle und legt sie für die nicht nach Süden gezogenen reiher und eisvögel aus.
      Ich weiß nicht mehr, wo und unter welchen umständen mir das bild in den sinn kam: An den wald steckt er sich / reiher Silber...
      Schließlich, bei einer morgenerkundung in der au — über den tümpeln lag nebel, und es hatte den anschein, als seien sie noch, aber schon nicht mehr von dieser weit —, stellte sich das bild ein: echos gewesener landschaft... Gibt es etwas, das sich weniger festhalten läßt als ein echo? Und was wäre unwiederbringlicher als ein echo, dessen Ursache selbst schon vergangen ist? Dieses bild ließ sich nicht »wegstecken«, die gedanken kehrten immer wieder zu ihm zurück.
      Ist der bildeinfall — die absichtserklärung des gedichts, geschrieben zu werden — nachhaltig genug gegeben, beginnt die arbeit. Ihr beginn kann vertagt werden, aber auch in dieser entscheidung ist der autor nicht völlig frei. Der bildeinfall hat seine Ursache in ihm — etwas in ihm verlangt danach, daß er sich dem einfall stellt. Die arbeit an einem gedieht kann tage dauern , wochen und — mit langen Unterbrechungen — auch jähre. Seine seele treibt angstnadeln ... Nicht nur einmal habe ich A., nachdem er mich auf einen mehr oder weniger nadellosen wipfel aufmerksam gemacht hatte, wie aus kindesseele seufzen hören. Mit jedem bäum, der abstirbt, scheint auch in ihm etwas zugrundezugehen, und das elektrokardiogramm, das nach jenem stechenden schmerz in der herzgegend geschrieben worden ist, dürfte diesen eindruck stützen. — Mit jedem bäum ... Welcher anfang wäre für ein gedieht, das von A. spricht, zwingender? Mit jedem bäum, der abstirbt... Absterben: Die tanne zeigt andere Symptome als die flehte oder der nußbaum. Allen gemein ist, daß die dichte ihrer nadeln und blätter rapide abnimmt. Sie dünnen aus ... Ausdünnen ... Mit jedem bäum, dessen wipfel / ausdünnt... Die seele treibt angstnadeln ... Die assoziation »stechen in der herzgegend« kann sich allerdings nur dann einstellen, wenn man — wie A. — die seele in die nähe des herzens denkt.
      An den wald steckt er sich / reihersilber... Durch dieses bild schimmert die geste hindurch, mit der man sich eine blume oder nadel ans revers steckt. Unter den gegebenen umständen kann A. die reiher am wald tatsächlich wie eine auszeichnung tragen. Die freude aber ist getrübt, denn das silber schwindet ihm unter den händen, und er weiß, auch der reiher ist in gefahr, von uns aus der weit hinausgestoßen zu werden.
      Sich reihersilber an den wald stecken... Der mann bedient sich des linken revers ... Platz in der nähe des herzens.
      Man könnte unterstellen, daß es A. nicht um den wald geht, wenn seine seele angstnadeln treibt, sondern um seinen wald . Die au aber wirft nicht viel mehr ab als im zeitigen frühjahr weiden für faschinen und zur Jagdzeit ein paar Wildenten. A.s innere aufschreie über die beeinträchtigung deslebens in der au beweisen, daß das, was ihn umtreibt, Verantwortung gegenüber der natur ist...
      Sind die schärfen und unscharfen des bildes erkannt, ist man wiederum auf einfalle angewiesen. Nicht immer kann man sagen, worin die ungenauigkeit eines bildes besteht, sondern man spürt sie nur und tastet sich dann wie blind voran. Kennt man sie, kann man sich an den einfall heranarbeiten, ihm eine falle stellen. An den wald steckt er sich / reihersilber ... Wie A.s wissen um die nichtidylle, seine illusionslosigkeit, seine trauer ins bild einbringen, ohne es zu beschädigen, ohne an die einfachheit der geste zu rühren ... Ich verwarf Variante um Variante, bis der gedanke, daß es sich bei dieser geste auch um eine geste des abschiednehmens handelt, das wort freisetzte, dessen es allein bedarf: An den wald steckt ersieh /letztes reihersilber.
      Doch auch sehend geht man bei jedem text von neuem in richtungen, aus denen man mit leeren händen zurückkommt — oder mit einem einfall, von dem man sich wieder trennen muß.
      Als A. von einer brasilienreise zurückkehrte, brachte er mammutbaumsamen mit. Was, wenn der mammutbaum widerstandsfähiger sei als tanne und fichte? Bei Linz — A.s besitzungen liegen eine autostunde von Linz entfernt — habe es früher riesige mammutbaumwälder gegeben! In langen kästen, die er im winter in seine Wohnräume stellte, zog A. hunderte von mammutbaumsetzlingen. Nach seiner herzat-tacke konnten ihn die ärzte nur für eine einzige nacht im krankenhaus festhalten. Selbst wenn er dabeistünde, würden seine mitarbeiter noch versuchen, ihn zu täuschen, weil sie es für eine Sünde hielten, bäume in so großen abständen zu pflanzen ... Auf eigene Verantwortung und allen beschwörungen zum trotz stand er am morgen wieder im wald ... Schonung! Betreten verboten!... Die verszeilen entstanden: Schonung ist ihm ein begriff/ nur der forstwirtschaft... Für das gedieht erwiesen sie sich jedoch als nicht von belang, und es hätte sie auch als artfremd abgestoßen.
      Der entstehungsprozeß eines gedichts läßt sich nicht nur nicht willentlich auslösen, er läßt sich auch nicht planmäßig auf ein geplantes hinlenken. Alle gegebenen bilder korrespondieren direkt oder indirekt mit A.s these, seine seele habe ihren sitz in der nähe des herzens, und in nuancen bedürfen sie des augenzwinkems, mit dem sie aufgestellt wurde, als Vorzeichen. Die these muß dem gedieht also vorangestellt und — in erwiderung des augenzwinkems — als these apostrophiert werden. Diese notwendigkeit ergibt sich jedoch einzig aus dem bildmaterial und hat nicht im vorhinein bedacht werden können.
      Ehe das letzte wort nicht geschrieben ist, weiß der autor weder, wie es heißt, noch, ob er je bis zu ihm gelangen wird.
     

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