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Gedichte aus unserer zeit - interpretationen

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Inventur - Günter Eich



Dies ist meine Mütze, dies ist mein Mantel, hier mein Rasierzeug im Beutel aus Leinen.
      Konservenbüchse:
Mein Teller, mein Becher, ich hab in das Weißblech den Namen geritzt.
      Geritzt hier mit diesem kostbaren Nagel,


   den vor begehrlichen Augen ich berge.
      Im Brotbeutel sindein Paar wollene Sockenund einiges, was ich

   niemand verrate,so dient es als Kissen nachts meinem Kopf. Die Pappe hier liegt zwischen mir und der Erde.

   Die Bleistiftmine lieb ich am meisten: Tags schreibt sie mir Verse, die nachts ich erdacht.
      Dies ist mein Notizbuch, 25 dies meine Zeltbahn, dies ist mein Handtuch, dies ist mein Zwirn.
      Dieses Gedicht zeigt eine kindliche Perspektive. Da ist ein Poet, der sich in der Wirklichkeit wie ein Kleinkind neu orientieren muß und diesen Vorgang in lapidarer Sprache festhält. Seine Umwelt konstituiert sich für ihn in den Dingen, die ihn umgeben. Sie werden für ihn zur Wirklichkeit in dem Moment, da er sie mit Sprache benennt.
      Allerdings gibt es für das Gedicht »Inventur« eine bisher niemals erwähnte Vorlage1, die Eichs berühmtestes Gedicht der Nachkriegszeit als literarische Replik entlarvt und deutlich macht, daß auch dieser »Neuanfang« bereits literarisch vermittelt ist.
     
Die unterschiedliche Thematik weist zwar dem Gedicht Eichs einen anderen Stellenwert zu, die formalen Mittel erhalten einen neuen, der veränderten Umwelt angepaßten Akzent. Das Vorläufergedicht stammt von Richard Weiner.
      Jean Baptiste Chardin
Dies ist mein Tisch, Dies meine Hausschuh, Dies ist mein Glas, Dies ist mein Kännchen.
      Dies meine Etagere, Dies ist meine Pfeife, Dose für Zucker, Großvaters Erbstück.
      Dies ist mein Eßzimmer, Dies meine Ecke, Dies ist mein Hund, Dies meine Katze.
      Hier ist mein Wegdewood, Dort ist mein Sevres. Das lustige Bildchen, Fragos Geschenk.
      Bläuliche Schalen Hab' ich sehr gern. Blumen im Fenster Liebe ich sehr.
      Fuchsien aber Seh ich am liebsten. Meine Charlotte Liebet den Flieder.
      Täglich um elfe Frühstücken wir. Abends um achte Deckt man zu Tisch.
      Esse am liebsten Spargel mit Sauce, Wildbret auf Pfeffer, Erdbeer mit Creme.
      Und die Charlotte Liebt ihre Austern, Hühnchen auf Schwammerln, Hummerragout.
      Gut ist's zu Hause, Sehr gut zu Hause. Dies meine Ecke, Dies meine Hausschuh.
      Glattes Email Glanzüberquillt. Dies ist mein Weib. Dies ist mein Bild.
      Die Form dieses Gedichtes hat erst in der Version Günter Eichs den ihr gemäßen politischen Inhalt erhalten. Die Dimension der Inventur des Kriegsgefangenen hat eine andere Qualität als die des Biedermannes, der seine häusliche Umgebung konstatiert. Gleichwohl bleibt das Faktum, daß der ästhetische Neubeginn nach dem Kriege auch mit diesem Gedicht Günter Eichs nicht vollzogen wird. Walter Höherer charakterisiert Eichs Gedicht:

»In seinem Gedicht >Inventurdie späte Lyrik des Herrn
Bert Brecht nur mit der Horst Wessels zu vergleichen ist

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Inventur  -  Günter  Eich    





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