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ins lesebuch für die Oberstufe - Hans Magnus Enzensberger



lies keine öden, mein söhn, lies die fahrpläne:sie sind genauer, roll die Seekarten auf,eh es zu spät ist. sei wachsam, sing nicht.der tag kommt, wo sie wieder listen ans torschlagen und malen den neinsagern auf die brüst zinken, lern unerkannt gehn, lern mehr als ich:das viertel wechseln, den paß, das gesicht.versteh dich auf den kleinen verrat,die tägliche schmutzige rettung. nützlichsind die enzykliken zum feueranzünden,


   die manifeste: butter einzuwickeln und salzfür die wehrlosen, wut und geduld sind nötig,in die lungen der macht zu blasenden feinen tödlichen staub, gemahlenvon denen, die viel gelernt haben,

   die genau sind, von dir.
      Das Gedicht hebt an mit einer doppelten Ablehnung der Literatur; sie richtet sich sowohl gegen das Konsumieren wie gegen das Produzieren von Dichtung. Beide Tätigkeiten werden durch die altertümliche, historisch belastete Bezeichnung von vornherein abqualifiziert. Die Ode mit ihrem strengen strophischen Bau, dem »erhabenen« Gegenstand und »feierlichen« Ton weckt gerade im Zusammenhang mit dem Deutschunterricht an höheren Schulen, in den der Titel das Gedicht stellt, Assoziationen an komisch wirkende Pathetik entflammter Pädagogen, an eine überholte Empfindungs- und Denkkultur.
      Mit nicht minder entlarvender Komik spielt Enzensberger den Beigeschmack des Ausdrucks »Singen« gegen das Dichten aus, das eine blinde Begeisterung für das hohe Sprechen bei geringfügigem intellektuellem Nährwert signalisiert. In Nietzsches Ausruf »Sie hätte singen sollen, diese >neue Seele< — und nicht reden!« — in diesem hochgestimmt-pathetischen Bekennerwort zitiert sich Enzensberger diesen Anspruch vom Leibe und taucht die Begeisterung für Dichten als Singen in eine unterkühlte Nüchternheit, wenn er dem Schüler statt dessen »fahrpläne« und »Seekarten« als Lektüre anempfiehlt.
      Dichtung wird damit von Enzensberger als etwas komisch Verjährtes bloßgestellt, als feiertägliche Beschäftigung gefühlvollerer Generationen mit dem Nachgeschmack einer politisch mißbrauchbaren Wirkungslosigkeit. Gegenüber der Dichtung hat der Alternativvorschlag Enzensbergers, »fahrpläne« und »Seekarten« zu lesen, den Vorteil größerer »Genauigkeit«, höherer Rationalität.
     

Zwar sind auch sie geschrieben, doch schaffen sie für ihren Benutzer ein zeitlichräumliches Koordinatensystem, das präzis, nachprüfbar und praktisch ist. Dabei brauchen die beiden Begriffe nicht allzu plakativ-drastisch ausgelegt zu werden. In »fahrplan« steckt mehr als nur die Zeittafel für öffentliche Verkehrsmittel; als »Kulturfahrplan«, »Wirtschaftsfahrplan«, »Fahrplan historischer Strömungen« etc. steckt die Möglichkeit, sich mit ihrer Hilfe auch über größere Zusammenhänge zu orientieren. Auch die »seekarte« erfordert einen komplexen Leseprozeß. Sie entwirft zudem ein sinnlich »verzerrtes« Abbild der geographischen Wirklichkeit, da sie nach Winkeln, nicht nach den für die »flächentreuen« Atlanten üblichen Entfernungen gezeichnet ist. Sie ist also nach einem Fachcode angelegt und verlangt zu ihrer Entzifferung besondere Kenntnisse. Zum anderen verzeichnet auch sie Strömungen, die an der Oberfläche unsichtbar sind: Sandbänke, Riffe, Klippen, selbst Wracks einstmals gesunkener Schiffe.
      Anhand der so weit gefaßten »fahrpläne« und »Seekarten« kann man sich sehr wohl ein differenziertes Bild von der Gegenwart verschaffen. Je weiter wir jedoch die beiden Begriffe ausfransen lassen — und damit erst würden sie ernst zu nehmen sein als Orientierungshilfe für Schüler —, desto mehr geht die ihnen von Enzensberger zugesprochene »Genauigkeit« verloren, desto höher wird der Grad kontroverser Ausdeutbarkeit, desto mehr nähert sich ihre vermeintliche Präzision der Vieldeutigkeit von Dichtung an.
      Dennoch: Auch bei weitester Auslegung der Begriffe »fahrpläne« und »Seekarten« leisten beide zu einer genauen raum-zeitlichen Gegenwartsorientierung eines nicht: den Ansatz zu einer Zeitkritik, die sich eben gerade aus noch so präziser Gegenwartskenntnis nie ergeben kann. Das Gedicht läßt deshalb völlig unmotiviert, woher die geforderte »wut« auf die bestehenden Verhältnisse und die »geduld« bei ihrer Ãœberwindung motiviert sei. Wo sollen »wut« und »geduld« beim Lesen von »fahrplänen« und »Seekarten« ihre Wurzel haben? Hier wird die Lücke im Argumentationsgang des »singenden« Enzensberger deutlich: Aus der Kritik an »hoher« Literatur springt er unvermittelt in die Deklamation eines neuen gesellschaftlichen Ethos um und überspannt damit seinen kritischen Ansatz ins Unglaubwürdige. Sind es nicht gerade die geschmähten, als historischer Plunder diffamierten »öden«, »enzykliken« und »manifeste«, die erst Distanz zur eigenen Gegenwart schaffen und damit die Unzufriedenheit am Bestehenden wecken und nähren, die jenen emotionalen Ãœberschuß erzeugen, der zu der Ãœberwindung gesellschaftlicher Mißstände notwendig ist? Der kritischen Qualität von Literatur entzieht Enzensberger erst spöttisch den Boden unter den Füßen, um Gesellschaftskritik dann um so nachdrücklicher aus einem Niemandsland anzufordern.
      In dem Offenbarungseid gegenüber dem eigenen Tun werden Selbstzweifel und Selbsthaß des Schriftstellers Enzensberger offenbar, die in der psychischen Ökonomie jedes Schreibenden ihren untilgbaren Anteil haben. Das Weiterschreiben kann dann nur noch als paradoxales Dennoch gegen seine begriffene Wirkungslosigkeit weitergetrieben werden. So ist Enzensbergers Versuch paradox, die Absage an die »öden« selbst in Odenform darstellen zu müssen . Diese paradoxale Spannung erstreckt sich von >ins lesebuch für die oberstufe< über das >gedicht für die gedichte nicht lesen< von 1960 bis zu >bibliographie< .
      In diesen Beispielen hält nur das Paradox jenes irritierende, zweifelstiftende Gleichgewicht der Unentschiedenheit aus, das der Realsituation des Schriftstellers entspricht , ohne das Literatur, zumal die moderne, nicht gedacht werden kann. In seinem Neruda-Essay bestimmt sich für Enzensberger aus der »gesellschaftlichen Situation der modernen Dichtung schlechthin« der widersinnige Entscheidungszwang für den Schriftsteller, »zwischen seinem Publikum und seiner Poesie zu wählen«5. In >ins lesebuch für die oberstufe< jedoch wird dieses Paradox an eine unausgewiesene optimistische Positivität vergeben, die ohne Widerhall ist. Die Literatur kann klaglos aufgegeben werden, weil »mein söhn« »mehr« lernt »als ich« , und weil im Unterschied zum lyrischen Ich sein Lektürestoff »genau« ist . Damit soll dieser Mensch der Zukunft in den Stand gesetzt sein, der »macht« »feinen tödlichen staub« in die Lungen zu blasen. Diese Utopie erscheint inhaltlich wie formal aufgesetzt. Das Bild von »lunge« und »staub« ist nicht in den lyrischen Bildzusammenhang des Gedichts integriert und steht als Fremdkörper darüber hinaus. Selbst die Sprache schafft es nicht mehr, die aktivistische Leerformel in das Gedicht hereinzuholen, wenn vorher den Schülern der »kleine verrat« und das »wechseln des gesichts« empfohlen wird. Dieses Verhalten kann nur als opportunistische Anpassung ausgelegt werden, als reiner Drang zum Ãœberleben gegenüber den Nachstellungen der »macht«; der »kleine verrat« ist nicht taktisch-listig, sondern existentiell, denn ihm fehlt außer dem Ziel physischen Ãœberlebens jede Perspektive; er ist nicht Mittel, sondern Zweck; das Stillhalte-Ethos von Untertanen.
      Liest man parallel dazu die Formel wohlfeiler Rhetorik bei Günter Eich , so erweitert sich die Optik auf die »typische Kunstauffassung der fünfziger Jahre«: »die Ideologie vom totalen Ideologieverdacht. Ihr soziologisches Substrat fand sie in jener weitverbreiteten Nachkriegshaltung des >Ohne michgeburtsanzeigeins lesebuchlesebuch

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