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Immer zu benennen - Johannes Bobrowski



Immer zu benennen:den Baum, den Vogel im Flug,den rötlichen Fels, wo der Stromzieht, grün, und den Fischim weißen Rauch, wenn es dunkelt

über die Wälder herab.
      Zeichen, Farben, es istein Spiel, ich bin bedenklich,es möchte nicht endengerecht.


   Und wer lehrt mich,was ich vergaß: der Steine

Schlaf, den Schlafder Vögel im Flug, der Bäume
Schlaf, im Dunkel

   geht ihre Rede — ?
War da ein Gottund im Fleisch,und könnte mich rufen, ich würdumhergehn, ich würd

   warten ein wenig.
      In diesen Versen legt sich Bobrowski Rechenschaft über sein Dichten ab. Benennung ist dessen wesentlichstes Merkmal. Sie hält sich in seinen übrigen Gedichten mit Vorliebe an die Elemente der sarmatischen Landschaft seiner Kindheit. Selten fehlen der Wald, der fischreiche Strom, der Vogelflug, der Wind, der Schlaf. Die evozierten Gegenstände sind demjenigen, der sie aus der Erinnerung hebt, schon poetisch, ehe er sie in eine sprachliche Ordnung bringt. Diese Ordnung zielt vor allem darauf, den Akt des Benennens dem Benannten gefügig zu machen, durch eine bewegliche, weder apodiktisch setzende noch auch aus bestätigender Wiederholung sich festigende Rhythmik, die durchaus von Klopstocks zugleich freier und stilisierter rhythmischer Erfindung mitbestimmt sein mag.
      Hier aber wird, im Rück- und Ãœberblick, anders als sonst bei Bobrowski kein Zusammenhang geboten, der einem Ort, einem Moment entstammt. Von der versammelnden Auswahl genauer Bilder eines Bereichs sieht der Dichter ab; er begnügt sich mit der Skizzierung eines Gerüsts zu seinen Gedichten. Deren Elemente werden nur in ihrer Allgemeinheit aufgezählt, mit Spezifizierungen, die den allgemeinen Charakter noch unterstreichen: »den Vogel im Flug«, »den rötlichen

Fels«, »wo der Strom zieht, grün«. Es geht bei diesen Farbbezeichnungen darum, auf die individuelle Wiedergabe der Farbe zu verzichten, vielleicht, um die Ungerechtigkeit dichterischen Verfahrens bloßzustellen. Aber selbst in all den Gedichten, die einer geschauten Situation gerecht werden, ist der Farbgebrauch nicht sehr verschieden von dem in unserem Beispiel. So etwa:
Himmeldie Bläue, Bogenalt, der mit unsgeht, den das Grünbezaubert...
      Da ist ein Streifen Rot,eine Spur
Rot, wir sind es alleinzwischen Grün und Blau,

Himmel und Erde ...
     
Die Farbe unterstützt bei Bobrowski den Gesamtblick, die Verwandlung in Fundamentales. Diese Tendenz ist auch in anderer Weise in seinen Gedichten erkennbar und steht in schwer faßbarem Gegensatz zur Evokation unverwechselbarer, im Auge behaltener Erinnerung. Wenn also in unserem Gedicht der durchgängigen Selbstanklage sich dem Dichter seine Werke zu Mustern ihrer selbst reduzieren, so kommt darin eine Seite ihres Wesens zum Ausdruck, an der der Autor zu leiden scheint. Die Verfügbarkeit der Elemente seiner Gedichte faßt sich ihm als Spiel zusammen. Wie könnte ein Spiel das Wesen der Dinge bestehen lassen? Dieselbe Frage nach der Gerechtigkeit des Dichtens angesichts seines Spielcharakters erhebt sich bei einem der großen Vorbildör Bobrowskis, bei Georg Trakl. Ihm ist »gerecht« ein Leitwort, das er dem transparenten Blick des in seinem Tod wohnenden Elis zuspricht. Was der letzte Vers des ersten Helian-Gedichts senten-zenhaft zusammenfaßt, gilt dem Auge, das die Dinge in einer gewaltlosen Reihe von Bildern aufzählend zur Ruhe bringt: »Doch die Seele erfreut gerechtes Anschaun.« Solche Vergewisserung der Gerechtigkeit mag auch bei Trakl der Furcht entspringen, er spiele mit einem immer wiederkehrenden Schatz vorgeprägter Bilder. Wie bei ihm Einsicht in den Zustand dessen, was er anschaut, sich mit der Notwendigkeit einer ästhetisch begründeten Kombination der evozierten Dinge durchdringt, wird nie auszumachen sein. Dies Ineinandergehen ist spannungsvoller, weil nach beiden Polen extremer entfaltet als in der Dichtung der Goethezeit. Bobrowski kennt denselben nie zu beschwichtigenden doppelten Anspruch der Kunst: die Dinge sich selber zurückzugeben und eine Ordnung eigener Setzung aufrechtzuerhalten. Die erste Aufgabe wird durch die zweite gefährdet. Wohl fügen sich die Dinge der Benennung. Aber ohne das Schattengewicht, ohne die Stummheit, die ihnen erst ihre Präsenz verschaffen.
      Aber vergaß denn der Dichter diese nicht in das sichtbare Zeichen einzubringende Seite der Dinge? Verdient er seinen Vorwurf zu Recht? Wenn eine Ansicht der Dingein seinen Gedichten vorherrscht, so ist es diejenige wurzelnden Verwachsens mit der finsteren Tiefe. Die Schwere der Wälder, die Versammlung der Schatten, das Schweigen desjenigen, der von Gras, Stein, Wasser und Wind den Tod lernen will, um in den Besitz einer anderen Sprache, die näher zu den Dingen hinführt, zu kommen, sie zeugen von der nie vernachlässigten Verpflichtung gegenüber der Herkunft des Benannten. Diese Herkunft deutet in einen unergründeten Bezirk nicht allein der Natur, sondern auch der Geschichte. Vorzeit steht in den vielen Greisen und Greisinnen der dörflichen Lieder auf. Pruzzische Sagenreste retten sich in Sprachtrümmer und epische Anrufung. Und noch immer wird dem Schlaf sein Recht nicht?
Hier verbirgt sich Bobrowskis Antrieb zum Dichten, die vergebliche Anstrengung, wahrhaft zu sein. Weil er den Schlaf in den Dingen zu verkennen meint, fügt er sein Gedicht aus Benennungen. Ihnen bürdet er die Last des unergriffenen Lebens auf. Aber die Benennung, wenn sie auch, wie bei Trakl, die gerechteste Weise der Darstellung verbürgt, steht, gerade weil sie am ehesten der faßbaren Perspektive entbehrt, zugleich im Verruf gefährlich willkürlicher Freiheit den Gegenständen gegenüber.
      Aus diesem Versagen könnte allein derjenige retten, in dem der Ursprung alles Entstandenen beschlossen liegt. Wäre er vernehmbar anders als in den Dingen, unmittelbar durch Gegenwart und Anruf, so wüßte der Dichter, von wem er seine Sprache empfinge, so wäre er nicht mehr genötigt, sich einem Anspruch zu unterwerfen, der die Grenzen der Menschheit verletzt. Die Schüchternheit, mit der der Zweifel an zwingender Verbindlichkeit sich anmeldet, steht im Einklang mit der Gelöstheit der Verse. Keine zur Schau gestellte Verzweiflung, nicht einmal das Geständnis eines Leidens bedroht den sachten Bau der Prosa so willentlich benachbarten Strophen. Selbst dort, wo Bobrowski die Ballung Klopstockscher Wortfolge übernimmt, selbst in den hymnischen Anrufen verschollener Völker und Stätten, weiß sich der Dichter jeglicher Selbstherrlichkeit des Tons zu enthalten. Er hat die nachhaltige Kraft glanzloser Sprache entdeckt. Der spätere Gedichtband, dem das Gedicht entstammt, baut Verse von geringerer Wucht, aus einer leiseren Teilnahme an der Kahlheit düsterer Gegend, in der das Licht sich in seltener, sparsamer Reinheit bewahrt.

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Immer  benennen  -  Johannes  Bobrowski    





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