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Im Sturm und Drang - Schiller



Schillers dichterisches Schaffen stand zu seinem Beginn noch ganz unter dem Eindruck der Geniezeit des Sturm und Drang. Im Gegensatz zu Goethes vom Gefühl beeinflußten Liedern ist Schillers frühe Lyrik stärker vom Gedanklichen her bestimmt. In der von ihm Anfang 1782 herausgegebenen 'Anthologie auf das Jahr 1782" erreicht die Entwicklung seiner lyrischen Kunst ihren ersten Höhepunkt. "Wenngleich Schiller selbst später die Schwächen dieser eilig zusammengestellten Sammlung erkannte, so spricht doch aus dem Ganzen, vor allem aus den ideenreichen Hymnen und Phantasien, schon die starke und hochstrebende Persönlichkeit. So kündet er z. B. in der 'Größe der Welt":

Die der schaffende Geist einst aus dem Chaos schlug, Durch die schwebende "Welt flieg' ich des Windes Flug,
Bis am Strande
Ihrer Wogen ich lande, Anker werf, wo kein Hauch mehr weht Und der Märkstein der Schöpfung steht.
      Vier Jahre später entstand das bekannteste Gedicht des jungen Schiller, das von Beethoven in der 9. Symphonie vertonte 'Lied an die Freude":
Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum. Deine Zauber binden wieder, Was die Mode streng geteilt, Alle Menschen werden Brüder, Wo dein sanfter Flügel weilt.
      Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen "Welt! Brüder - überm Sternenzelt Muß ein lieber Vater wohnen.
      Die eigentliche Bedeutung Schillers liegt jedoch nicht auf dem Gebiete der Lyrik, sondern auf dem des Dramas. Schon sein erstes dramatisches "Werk, 'Die Räuber" , wird neben Goethes 'Götz von Berlichingen" zum bedeutendsten künstlerischen Ereignis jener Zeit.
      Der alte Graf von Moor hat zwei Söhne, den edlen, aber leichtsinnigen Karl und den mißgestalteten, 'heimtückischen Schleicher" Franz. Als Karl in einem Briefe seinem Vater gesteht, daß er sich zu tollen Streichen habe hinreißen lassen und seines Vaters Verzeihung sucht, unterschlägt Franz des Bruders Reuebrief und liest dem Vater einen selbstverfaßten Brief vor, worin Karl als verfolgter Verbrecher dargestellt ist. Sein ränkevolles Spiel gelingt. Der Vater verstößt Karl, den er für einen Verbrecher halten muß. Karl aber stellt sich voller Ver-zweiflung und Ingrimm an die Spitze einer Räuberbande, nicht um Greueltaten zu begehen, sondern um 'Rächer und Rechtsprecher im Namen der Gottheit zu sein". Freilich will Karl, 'eine verirrte große Seele", nur Schuldige mit seinem Schwerte treffen, kann aber Greueltaten seiner Bande nicht verhindern. Von Zweifeln an der Richtigkeit seiner Handlungsweise, von Heimweh und der Sehnsucht nach seiner Braut Amalia getrieben, zieht er mit seiner Schar von Böhmen nach Franken. Dort findet er seinen von Franz im Hungerturm eingekerkerten unglücklichen Vater. Er befreit ihn, aber die Aufregung über das Wiedersehen mit dem Sohn bringt dem Greis den Tod. Nun bricht auch über den von Angst, Reue und Verzweiflung gemarterten Franz die Vergeltung herein. Die Räuber stürmen das Schloß, seiner Leiche bringt man auch eine Gefangene vor die trotz aller Nachstellungen Franzens ihm treu geblieben ist. Aber beider Glück ist zerstört. Amalia wird auf ihre Bitte von Karl getötet; er selbst stellt sich den Gerichten, um mit seinem Tode seine frevelhafte Ãoberhebung und sein Unrecht zu sühnen: 'Ich erinnere mich, einen armen Schelm gesprochen zu haben, der im Taglohn arbeitet und elf lebendige Kinder hat. - Man hat tausend Louisdore geboten, wer den großen Räuber lebendig liefert - dem Mann kann geholfen werden."
Mit diesem genialen Schauspiel hat sich Schiller seinen Haß gegen die Tyrannen, gegen die Unterdrückung, die seine Jugendzeit verbitterte, von der Seele geschrieben. Freiheit und Menschlichkeit sind die leitenden Ideen, die ebenso auch Goethes Götz und Iphigenie bestimmten. Es ist aber bezeichnend für Schiller, daß Karl und Franz, jeder auf seine Art, um eine bestimmte Form von Freiheit kämpfen. Karl ist Täter und Träumer zugleich, kein gemeiner Räuber und Mörder, sondern Rächer der Armen und Unterdrückten, also im Grunde der ethisch strebende Mensch. Franz hingegen ist der herrschsüchtige Wirklichkeitsmensch, der das Wort spricht: 'Das Recht wohnt beim Uberwältiger, und die Schranken unserer Kraft sind unsere Gesetze." Während sich Karl im Trotz gegen Obrigkeit und Gott erhebt, ist Franz der materialistische Gottesleugner. Es entspricht Schillers ethischer Grundhaltung, daß er nicht nur Franz die Oberhebung mit dem Tode sühnen läßt, sondern auch Karl, der dadurch den Beweis für die vorher geleugnete sittliche Weltordnung erbringt.
      Der bühnenwirksame Aufbau des Stückes, die hinreißende Sprachgewalt, die ganz den Geist der Sturm- und Drangzeit atmet, und die leidenschaftliche Kritik bestehender Mißstände erschütterten die Zeitgenossen zutiefst und erklären die überschwengliche Begeisterung, die die Aufführungen in Mannheim fanden.
      Mit dem Trauerspiel 'Die Verschwörung des Fiesko von Genua" wandte sich Schiller erstmalig dem Geschichtsdrama zu.
      Auch diese im Genua des 16. Jahrhunderts spielende 'Tragödie des wirkenden und des gestürzten Ehrgeizes" ist vom Tyrannenhaß und der republikanischen Begeisterung der Sturm- und Drangjahre geprägt. Das blühende und mächtige Genua seufzt unter der Gewaltherrschaft des Gianettino Doria, der auf Gesetz und Sitte 'wie ein Gassenjunge herumtrampelt". An der Spitze einer Verschwörung gegen die Dorias stehen Verrina, ein unbestechlicher Vertreter republikanischer Freiheit, und Fiesko, ein überlegener und zum Herrschen geborener Mann. Es gelingt ihnen, die Tyrannen zu stürzen, aber Fiesko kann selbst der Versuchung nicht widerstehen, die Macht allein an sich zu reißen. Im Augenblick des Sieges stürzen daher Verrina und seine Mitverschwörer Fiesko ins Meer, um durch seinen Tod die Freiheit für die Stadt zu retten.
      Bei allen Vorzügen, vor allem im szenischen Aufbau, weist 'Fiesko" nicht die Lebensfülle und die Sicherheit der Charakterschilderung auf, die die 'Räuber" auszeichneten, so daß ihm bis heute der große Erfolg versagt geblieben ist.
      Um so nachhaltigere Wirkung hatte das fast gleichzeitig mit 'Fiesko" entstandene bürgerliche Trauerspiel 'Kabale und Liebe" , ursprünglich 'Luise Millerin" geheißen, das letzte der drei ganz aus dem Geist des Sturm und Drang geborenen Jugenddramen.
      Im Mittelpunkt der Handlung stehen zwei Liebende: Ferdinand, der edeldenkende Sohn des Präsidenten von Walter, und Luise, die Tochter des biederen Stadtmusikus Miller, die sich ebenso durch Schönheit wie Herzensgüte und Tugend auszeichnet. Ferdinand ~ber soll nach dem Willen seines Vaters Lady Milford, die Geliebte des Fürsten, heiraten. Dadurch will er den Fürsten 'im Netz seiner Familie" halten. Der Präsident, der auch vor unehrlichen Mitteln, seine Ziele zu erreichen, nicht zurückschreckt, versucht zunächst mit Gewalt, die Liebenden zu trennen; aber der Plan scheitert. Als Ferdinand den Vater durch die Drohung, der Residenz zu erzählen, 'wie man Präsident wird", vom Ã"ußersten abzuhalten sucht, setzt die Kabale ein, die List. Der Präsident bedient sich dazu zweier Kreaturen des Hofes, des erbärmlichen Hofmarschalls von Kalb und des schurkischen Sekretärs Wurm. Der Vater Luisens wird ins Gefängnis geworfen. Luise aber, der man Hoffnung auf die Rettung ihres Vaters macht, wird von Wurm gezwungen, einen Liebesbrief an den Hofmarschall von Kalb zu schreiben, den Wurm ihr diktiert. Diesen Brief spielt Wurm dem Ferdinand in die Hände. Von fürchterlichster Eifersucht zur Raserei getrieben, zwingt Ferdinand Luise, gemeinsam mit ihm in den Tod zu gehen. Von der sterbenden Luise erfährt er die Kabale, der ihre Liebe zum Opfer gefallen ist.
      Wie Lessings 'Emilia Galotti" ist auch 'Kabale und Liebe" ein leidenschaftlicher Protest gegen die willkürlichen Eingriffe der herrschenden Schicht in den Bezirk der Familie. Doch in der schroffen Herausarbeitung der Standesgegensätze geht Schiller weit über Lessing hinaus. Der Geist der Geniezeit zeigt sich in der schonungslosen Enthüllung des lasterhaften und von Machtgier bestimmten Lebens der herrschenden Klasse wie auch in der Zeichnungder beiden Hauptgestalten, in dem trotzigen Sichaufbäumen und stürmischen Wollen Ferdinands und in der gefühlvollen Empfindsamkeit Luisens. Doch ist Schiller gerecht genug, auch das biedere, dumpf dahinlebende Kleinbürgertum zu geißeln, das sich der Willkür und Rechtlosigkeit in Ergebenheit unterwirft.
      Gehören die drei ersten Dramen Schillers in Form und Stil und in ihrer geistigen Haltung noch zum 'Sturm und Drang", so bahnt sich mit dem 1787 vollendeten dramatischen Gedicht 'Don Carlos" eine Stilwandlung im Schaffen Schillers an. Schon die Verwendung des fünffüßigen Jambus, der von der Klassik bevorzugten Versform, zwingt den Dichter zu einer gebändigten Gestaltung. Es wiederholt sich bei Schiller derselbe Wandlungsprozeß, der auch Goethe von dem leidenschaftlich-genialen Sturm- und Drang-Drama 'Götz von Berlichingen" zu der Klarheit der 'Iphigenie" führte, die im gleichen Jahre wie 'Don Carlos" erschien.
      Don Carlos kehrt nach längerer Abwesenheit an den Hof seines Vaters Philipp

II.

zurück. Dieser hat inzwischen aus politischen Gründen Elisabeth von Valois geheiratet, die ursprünglich für Don Carlos als Braut bestimmt war und die von ihm leidenschaftlich geliebt wird. Don Carlos' Freund Marquis Posa will ihm helfen, seine Neigung zu Elisabeth zu überwinden und will ihn gleichzeitig für seine Weltbeglückungspläne und die Freiheitsbestrebungen der Niederländer gewinnen. Elisabeth ermuntert Don Carlos, den Plänen Posas zu folgen: 'Elisabeth war Ihre erste Liebe, Ihre zweite sei Spanien." Carlos' Pläne und seine Beziehungen zur Königin werden jedoch von der Prinzessin Eboli verraten, deren Liebe er verschmäht hat. Da opfert sich Marquis Posa für den Freund, indem er den Verdacht auf sich lenkt, daß er die Königin liebe. Durch Posas Opfer erschüttert und gereift, entsagt Carlos seiner Liebe, bereit 'sein bedrängtes Volk zu retten von Tyrannenhand". Aber vor seiner Flucht nach Flandern wird er verhaftet und vom König der Inquisition übergeben.
      Die Arbeit am 'Don Carlos" zog sich über mehrere Jahre hin; darunter litt die Einheit der Darstellung. Ursprünglich wollte Schiller in einer Familientragödie das Schicksal des Don Carlos gestalten, der seine Liebe zu Elisabeth der Staatsraison opfern muß. Mehr und mehr aber trat Posa in den Vordergrund, der als Vorkämpfer für Freiheit und Menschenwürde - 'Geben Sie Gedankenfreiheit!" - Schillers eigene Gedanken über den Staat ausspricht und so der eigentliche Held des Dramas wurde. Manchmal aber werden diese beiden Hauptfiguren fast verdrängt durch die düstergroßartige, von der Tragik des Alters umwitterte Gestalt des Königs Philipp. So ergeben sich drei Motive: die Liebestragödie des Prinzen, die Tragik der Einsamkeit des über die Mitmenschen hinausgehobenen Monarchen und das Heldentum Posas, der sich für seine weltbeglückenden Humanitätsideen und für die Freundschaft mit Don Carlos opfert.
     

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