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Herbstmanöver - Ingeborg Bachmann



Ich sage nicht: das war gestern. Mit wertlosem
Sommergeld in den Taschen liegen wir wiederauf der Spreu des Hohns, im Herbstmanöver der Zeit.
      Und der Fluchtweg nach Süden kommt uns nicht,wie den Vögeln, zustatten. Vorüber, am Abend, ziehen Fischkutter und Gondeln, und manchmaltrifft mich ein Splitter traumsatten Marmors,wo ich verwundbar bin, durch Schönheit, im Aug.

      In den Zeitungen lese ich viel von der Kälteund ihren Folgen, von Törichten und Toten,

   von Vertriebenen, Mördern und Myriadenvon Eisschollen, aber wenig, was mir behagt.
      Warum auch? Vor dem Bettler, der mittags kommt,schlag ich die Tür zu, denn es ist Friedenund man kann sich den Anblick ersparen, aber nicht

   im Regen das freudlose Sterben der Blätter.
      Laßt uns eine Reise tun! Laßt uns unter Zypressen oder auch unter Palmen in den Orangenhainen zu verbilligten Preisen Sonnenuntergänge sehen, die nicht ihresgleichen haben! Laßt uns die

   unbeantworteten Briefe an das Gestern vergessen! Die Zeit tut Wunder. Kommt sie uns aber unrecht, mit dem Pochen der Schuld: wir sind nicht zu Hause. Im Keller des Herzens, schlaflos, find ich mich wieder auf der Spreu des Hohns, im Herbstmanöver der Zeit.

   Was spricht im Gedicht »Herbstmanöver«? Poesie, wie sie zu allen Zeiten gilt? Modische Philosophie, die Sartre nachspricht? Aus trostloser Stimmung hingeworfener Text? Drei mächtige Blöcke, herausgeschleudert aus Schmach, Bitterkeit und Hohn zeigen den dreimaligen Stellungswechsel der Stimmung: Herbstmanöver. Unmittelbar erlebte Zeit und Aufruhr! Wir suchen umsonst eine konventionelle Strophenform, den verbindenden Reim, die geschlossene Einheit der Melodie. Vulkanische Stöße brechen aus von innen her, sind wieder zurückgeworfen in den elegischen Grundton des Dreiklangs: »wertlos« — »freudlos« — »schlaflos«.
      »auf der Spreu des Hohns, im Herbstmanöver der Zeit.«
Das ist der Sockel, der die drei, von mannigfaltigen Einsprengungen durchzogenen Blöcke trägt, es ist — in überhängender Verszeile — der Abschluß des dritten Blockes. So haben wir ein in sich geschlossenes Gedicht. Alle Worte, Sätze, Rhyth-men und Bilder des Gedichtes sammeln sich um diese Aussage, stehen zueinander in Beziehung, den Adern vergleichbar, die steinerne Quader durchziehen. Wir gehen nicht fehl, wenn wir die Sinnmitte des Gedichtes in dem Satze begründet sehen: »Wir sind nicht zu Hause.«
Wir spüren: hier ist nicht nur Technik am Werk, die Proben und Etüden als Dichtung ausgibt, sondern das Herz in der Einsamkeit und Ausweglosigkeit ist in den Versen und Bildern, im Traum von heiler südlicher Welt, im Eisgang der Zeit, im Plakat »Welt«. Es fragt nach dem Weg nach Hause. Nicht das einzelne, durch irgendein unvorhergesehenes Schicksal schwer getroffene Herz spricht, sondern ein ganzes Geschlecht, bald gefaßt in das »Ich«, bald in das »Man«, bald in das »Wir«, nie in Vergangenheit verweilend: hier in Zeit und Stunde, in dieser Gegend, diesem Volk, hier im Herbstmanöver — am Ende einer Zeit — ohne Aussicht auf Rückzug in vergnügte Winterquartiere — zwar in der Blüte der Kraft, sommerlich, aber »wertlos« — im Frieden, aber »freudlos« — »im Keller des Herzens«, aber »schlaflos«.
      »Ich sage nicht, das war gestern [...]«
Wir können den Worten und Sätzen, den weitausgreifenden, den in Jamben, Trochäen, Daktylen und Anapästen tönend bewegten Formen Bedeutung und den Bildern Sinn geben: Da ist der »Fluchtweg nach Süden«. Die Scharen der Vögel, die nach innerem Gesetz und Sinn aus dem Herbst der nördlichen Zonen fortfliegen, schicken ein rettendes Zeichen. Sie finden im Süden Heimat und bauen Nester. Viele Menschen haben denn auch ihre Schritte nach Süden gelenkt und in dieser Welt der Form und des Maßes sich selbst gefunden und die Welt neu angeschaut. Und heute stehen die gleichen Zeichen reiner Schönheit dort, alle Zeit überdauernd; der Abend erfüllt die Gärten, die Zypressen, die Pinien, die Palmen, in seinem Licht leuchtet das Marmorbild, ganz gegenwärtig, über das Meer hin fallen die breiten Strahlen, daß die immer bewegten Wellen blitzen in silbern-goldenen Farben, durch die der Kahn streicht und der Fischer seine Netze zieht — das alles ist da, es verwehrt sich dem Menschen nicht: aber er kann keine Antwort geben, er wacht nicht auf, er wird nicht erweckt. Die Bilder bleiben Erscheinungen, vom Auge nur wahrgenommen, sie fallen nicht in das Innere. Es entsteht kein reines Gefühl, der Mensch wird nicht angesprochen und nicht verwandelt. Er bleibt allein, ein Fremdling, verhöhnt, verschmäht. Er ist nicht zuhause.
      Das Auge nur sieht, es liest in den Manöverblättern des Herbstes, in den Zeitungen; dunkel drängen sich die Marschlinien auf, ausgehend von einer gemeinsamen Mitte: »Eisgang der Zeit«: der kalte Mensch — die erstarrte Welt. Sie bricht auseinander und schwimmt fort in Myriaden von Eisschollen. Wohin treiben sie? Das Auge liest, das Herz hört nicht, es ist fühllos. Die Antwort auf den Ruf des Ermordeten, des Erhängten, Verbannten, des Ausgepeitschten, ist die aus Ekel hingeworfene Frage: Warum auch? Es ist die überdrüssig dem bettelnden Elend zugeschlagene Türe, ist die zynisch rechtfertigende Erklärung: »Es ist Frieden«. Mit der Lüge überspringt der unbehauste Mensch sich selbst. Die unleugbaren Zeichen der Zeit bleiben: im Regen sterben die Blätter, freudlos.
     
Diese Flucht vor dem Anruf, der Umweg um die sich stoßenden und stauenden Trümmer und Scherben der Zeit spiegelt sich wider in der Form der Strophe, die von zwei je vier Verszeilen umspannenden Sätzen — getrennt durch die Frage: Warum auch? — gebildet wird. Der erste schiebt sich langsam und mühsam voran in der Aufreihung vieler, teilweise alliterierender Substantive und präpositionaler Wendungen, die durch das Wörtchen »von« lose verbunden sind, ein gebrechlicher Steg von Vers zu Vers. Der zweite Satz, in dem die Wendung voll Ekel aus diesen Katarakten des Verfalls dargestellt wird, drängt eilig und hastig voran — springt über Hindernisse hinweg, aber ins Ausweglose, nicht nach Hause. Gibt es keinen Weg? Es gibt einen. Grell schreien ihn die Reiseplakate aus, buntfarbig preisen sie die Welt an in satten Tönen kitschiger Zeichnungen, die die Masse einfangen sollen ins Auto, in die Bahn, ins Flugzeug, man wird gefahren und geflogen, von Stadt zu Stadt, von Monument zu Monument, nichts wird vergessen, überall wird ausgestiegen; alles wird für uns getan, gesagt, erlebt — bis zum Sonnenuntergang, der nicht seinesgleichen hat, so überwältigend, daß wir das »Gestern« vergessen. »Und [...] kommt uns nicht zustatten.«
So steigt der Schmerz in der Seele und schwillt an zu zynisch-sarkastischen Tönen, in denen die Verzweiflung steckt über Mensch und Welt, die so billig zu erfahren sind, »zu verbilligten Preisen«, mit denen wir alles begleichen, auch die Schuld. Und das erschreckende Elend, daß wir »nicht zu Hause« sind, wird zur termingerechten Ausrede. Der verlorene Mensch, seelenlos, erstarrt, ein Mechanismus, angekurbelt, ablaufend, ausgeleiert — »wertlos« — »freudlos« — »schlaflos«: — verdammt in alle Ewigkeit...?

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Herbstmanöver  -  Ingeborg  Bachmann    





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