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Gedichte aus unserer zeit - interpretationen

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Gestern - Günter Bruno Fuchs



Jesternkam eena klingeln von Tür zu Tür. Hat nuscht jesagt. Kein
Ton. Hat so schräg sein Kopf j ehalten, war still. Hat nuscht jesagt,als wenn dervon jesternwarund nur malrinn kieken wollte,wies sich solebt.
      Sogenannte Sekundärliteratur gibt es so gut wie keine über ihn. Aber schlimmer ist etwas anderes. Der Früh verstorbene scheint bereits, trotz einer erstaunlichen Fülle von Veröffentlichungen, nahezu vergessen und als Dialektdichter überhaupt nie ins öffentliche Bewußtsein gedrungen zu sein. Gegen beides muß Einspruch erhoben werden. Günter Bruno Fuchs gehört in die Geschichte der deutschen Lyrik. Und nicht zuletzt gehört er in die Geschichte — oder eigentlich schon Vorgeschichte — der neueren und neuesten Mundartdichtung deutscher Zunge. Ich will die Betrachtung seiner drei Strophen vorläufig zurückstellen. Vielleicht gibt es nämlich doch so etwas, was als Literatur über ihn verzeichnet werden könnte. Karl Krolow z. B. erklärte im Erscheinungsjahr der Blätter eines Hof-Poeten: »Alles ist immer von ihm: jedes Requisit, jede Stimmlage, jeder Jux und Ãœbermut undjede Zartheit. Er versteht sich auf Allotria. Denn er ist ein Dichter [...]« Ja, sogar der Alltag sei Teil seines Werkes, sei »ein großangelegtes Gedicht«, fiel Jahre später, jedoch ebenfalls noch zu Fuchs' Lebzeiten, Urs Widmer ein, den wie Krolow besonders beeindruckte, daß der Allotria treibende Poet »in jeder Pose, Rolle, Haltung« — und völlig gleichgültig, schieben wir ein, ob im Dialekt oder in der Hochsprache — »immer« er selber blieb.

      Indes, sowohl Widmer als auch Krolow wiederholten im Grunde lediglich, was andere mindestens seit 1958 verkündet hatten. Dieser Vielgesichtige, meldete damals ein österreichischer Kritiker, sei »ein wirklicher Dichter, bei aller Skurrilitätund dem oft Kapriolen schlagenden Hang zum Sonderbaren«. In allem Wechsel und Wandel, allen »Verkleidungen«, fügte ein Kollege von ihm hinzu, spreche hier unverkennbar ein und derselbe. Er sei ein »Barde«, ein »abenteuernder Sänger«: eben ein echter Poet, »der mit allen sprachlichen Ingredienzen experimentiert, vielerlei Kunststücke beherrscht und mit einem weitreichenden Repertoire sein Publikum ergreift und fesselt, indem es glaubt, bloß unterhalten zu sein«. Werfen wir rasch einen Seitenblick auf unseren Text! Denn gilt nicht dies letztere, das vermeintlich bloß Unterhaltende und gleichwohl Ergriffen- oder Gefesseltwerden, namentlich für ihn? »Seine Worte sind genau, daß sie auch das ausdrücken, was zwischen den Worten steht«, bemerkte mit Recht, obzwar ein wenig ungelenk, eine dritte Kritikerstimme. Was aber vollends seine Dialektlyrik betrifft, so wurde ihr schon 1969 insgesamt bescheinigt, daß sie jeder künftigen Mundartdichtung, die ernst genommen werden wolle, »einen Maßstab gesetzt« habe. Hier »dichtet« einer, schwärmte Peter O. Chotjewitz, »nicht nur im Dialekt, sondern vor allem auch mit ihm«. Und entsprechend äußert man sich mittlerweile sogar im Ausland.
      Die »Chance« heutiger Mundartdichtung liege darin, »Poesie und Alltag einander anzunähern — in einer Fußgängerzone der Literatur«, stellte Hermann Bausinger zusammenfassend und nicht ohne rhetorische Kühnheit 1976 fest. Zugleich sprach er von ihrer »politischen Dimension«, ja pointiert, doch nicht unkritisch, von einer »Dialektik des Dialekts«. In Anlehnung an bekannte Losungen ging er schließlich so weit, die Formel »Dialekt als Waffe« zu prägen. Wozu diese Waffe diene, sei nichts anderes als die »Verfremdung« der Idylle, die ironische Entlarvung der »scheinbaren Gemütlichkeit«.
      Daß damit wiederum entscheidende Züge unseres Textes beim Namen genannt sind, dürfte einleuchten. Ganz ähnlich verhält es sich, wenn Mundartdichter und deren Jünger, beispielsweise Hans Haid oder Manfred Bosch, die »sozial verpflichtete Aussage«, die »Funktion eines äußerst sensiblen Seismographen für Veränderungen der Gesellschaft« oder pauschal die »Progressivität« und »Universalität« solch dialektischer Dialektpoesie unterstreichen, die, wie sie mit Nachdruck versichern, »durchaus offen für Gedankenlyrik«, »auch in der Großstadt möglich« und jedenfalls ohne Abstrich »für moderne Dichtung geeignet« sei. In der Tat, all diese Kennzeichen gelten in geradezu exemplarischem Maß auch für die drei Fuchsschen Strophen. »Das Gedicht Gestern [...] erhebt sich makellos in den Rang großer politischer Lyrik.« Mehr noch: »Von Fuchs stammen [...] einige der großartigsten [...] Mundartgedichte der letzten Jahrzehnte.«
Nun ist allerdings ein kleines Geständnis fällig. Denn ich habe leider, wie ich ohne Erröten bekenne, bei fast sämtlichen Zitaten glatt gemogelt. Von den zwei Schlußsätzen abgesehen, die Selbstzitate aus alten Rundfunkrezensionen sind, geht es überall, wo angeblich von dem Berliner Günter Bruno Fuchs die Rede ist, in Wahrheit um den Wiener Hans Carl Artmann; nirgends hingegen, wo man allgemein von moderner Dialektdichtung redet, wird Fuchs auch nur ein einziges Mal erwähnt, während Artmann beinah ausnahmslos als ihr Begründer gefeiert und unermüdlich zum Zeugen angerufen wird. Und trotzdem, behaupte ich, sind diesefalschen Zitate durchweg richtig und somit austauschbar .
      Weshalb aber der Umweg? Nun, die Antwort darauf ist ja längst erteilt. Ich möchte sie anhand dreier Thesen zusätzlich präzisieren:
3.
      Fuchs und sein Schaffen bilden eine Art »berlinischen Artmann«.
      Fuchs ist wie Artmann auch und gerade ein klassischer Dialektdichter der
Moderne, obendrein jedoch derjenige, welcher selbst die besten Leistungen derheute in Deutschland und Österreich, in der Schweiz und sogar im Elsaß förmlichwuchernden neuen Mundartdichtung schon vorweggenommen hat.
      Fuchs gebührt endlich ein Artmann ebenbürtiger Platz in der Geschichte derdeutschsprachigen Literatur der fünfziger bis siebziger Jahre.
      Folgerung? Weil Person und Werk des Berliner Dichters denen des Verfassers von med ana schwoazzn dintn so kongenial sind, war der bisher beschrittene Weg nicht bloß gestattet, sondern ausgesprochen ratsam. Er ist gar kein Umweg, sondern erweist sich als unmittelbarer Zugang — und nicht zuletzt auch zu unserem Text. Natürlich müßte man, neben dessen ebenso karg betitelten wie sparsam gebauten siebzehn Kürzestzeilen, den gesamten, rund zwei Dutzend Gedichte enthaltenden Dialektzyklus Blätter eines Hof-Poeten, das Kernstück des gleichnamigen Bandes von 1967, für eine solche Richtigstellung heranziehen. Indes genügt, scheint mir, Gestern vollauf. Eine genauere Betrachtung ist ohnehin unerläßlich, so einfach, von sich aus verständlich und keiner Deutung bedürftig Fuchs' Miniaturidylle in ihrer gestochenen Schärfe zunächst anmuten mag. Den Schlüssel dazu — insbesondere zur >Tiefenschärfe< — liefert er übrigens selber, da er seinerzeit für die Sammlung Doppelinterpretationen eine recht aufschlußreiche Textanalyse beigesteuert hat. Noch erhellender ist freilich, daß deren Winke und Einsichten, die dem surreal-verspielten Poem Geschichtenerzählen gewidmet sind, ohne weiteres auf die realistischen, ja naturalistischen und auf jeden Fall überaus ernsten Verse des Gedichts Gestern angewandt werden können. Das Prinzip der Austauschbarkeit waltet sichtlich, aller Unterschiede ungeachtet, innerhalb wie außerhalb der Fuchsschen Schriften.
      Dreierlei wird in dieser »Selbstinterpretation«, die auch der Selbstironie nicht entbehrt, hervorgehoben. Zum einen, hören wir, finde eine »geradezu perfide Umkehrung alltäglicher Geschehnisse« statt . Ein zweites Merkmal bilde der »tückische Höhepunkt« des Gedichts, den man sowenig verfehlen dürfe wie den Prozeß der Umkehrung. Von ausschlaggebender Wichtigkeit sei aber drittens, den »Hintergrund« des vom Dichter Geschilderten zu erreichen, »wo die Absichten [...] auf der Lauer liegen«. Man habe nämlich, wird einem augenzwinkernd bedeutet, die

»gezinkten Karten« nicht allein zu kennen, sondern müsse darüber hinaus die Fähigkeit besitzen, »sie aufzudecken« .
      Der gemeinsame Nenner dieser Hinweise ist deutlich. Wir brauchen sie lediglich auf Fuchs' hintergründiges Genrebild aus Kreuzberg — denn dort wird es wohl, wie das meiste aus seiner Feder, anzusiedeln sein — zu übertragen. Gestern: das liest sich als Titel allerdings so alltäglich wie nur möglich. Auch was im Text selber geschieht, der Ansatz zu dessen Handlung zumindest, scheint ganz und gar der Alltagswelt zu entstammen. Jemand kommt, geht »von Tür zu / Tür« und betätigt die Klingel. So verhält sich einerseits ein Hausierer oder Vertreter, ein Bettler oder missionierender Sektenanhänger, vielleicht auch bloß ein betrunkener Spaßvogel; so benehmen sich andererseits, laufend oder rennend, ein paar mut- willige, zu Streichen aufgelegte Kinder, Berlins sprichwörtliche Rangen oder Gören. Ja, man könnte sogar, das Rotwelsch der >gezinkten Karten< aufgreifend, an einen sogenannten KJingelfahrer denken, will sagen einen Vagabunden oder harmloseren Gauner, der zu durchsichtigen Zwecken >ausbaldowert

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Gestern  -  Günter  Bruno  Fuchs    





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