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Fußnote zu Rom - Günter Eich



Ich werfe keine Münzen in den Brunnen, ich will nicht wiederkommen.
      Zuviel Abendland, verdächtig.
      5 Zuviel Welt ausgespart. Keine Möglichkeit für Steingärten.
      Das scheint sich unschwer zu erschließen. Die Fontana di Trevi. Man wirft eine Münze in den Brunnen, so einer innig wünscht, Rom wiederzusehen. Sicher scheint, daß man die Münze, mit dem Rücken zum Brunnenrand, über die Schultern zu werfen hat. Nicht hinschauen. Jeder Tourist als ein Orpheus. Ist dem aber so, dann wirkt das lyrische Ego des Gedichts »Fußnote zu Rom« als Spielverderber. Der geht nicht kurz vor der Fahrt zum Flughafen oder zur Stazione Termini rasch noch zur Prunkfontana, um seine Münze zu werfen, damit die römischen Kinder auch dies Objekt deutscher Südkrankheit mit ihren Magneten herausfischen können.

      Hier ist einer, der will das Spiel nicht mitspielen. Er will nicht wiederkommen. Hielt es ähnlich auch in dem Gedicht »Timetable«: »Diese Flugzeuge / zwischen Boston und Düsseldorf. / Entscheidungen aussprechen / ist Sache der Nilpferde / Ich ziehe vor, / Salatblätter auf ein Sandwich zu legen und / unrecht zu behalten.« Ãœberdies wurde keine Begründung in dem Gedicht »Fußnote zu Rom« ausgespart. Wo Eich sonst die poetische Konzentration dadurch bewirkt, daß alle diskursiven Elemente mit Weil, Deshalb, Dann, Folglich fortgelassen sind, geht es hier fast zu wie bei einer Argumentation in Prosa. »Zuviel Abendland verdächtig.« Die Urbs hat gelitten unter ihrer propagandamäßig zubereiteten Geschichte. Es stößt sich Abneigung nicht allein am christlichen Abendland. Auch das römische Forum wurde verdächtig: mitsamt Kapitol und Pantheon, mit Michelangelo und Balkon des Palazzo Venezia.
      Damit scheint das Gedicht — so fand man beim ersten Lesen, das bei Eich fast immer ein falsches Lesen ergibt — seinen Abschluß gefunden zu haben. »Zuviel Welt ausgespart.« Wurde das nicht vorher bereits angedeutet? Endlich das definitive Argument: »Keine Möglichkeit / für Steingärten«. Das nahm man zunächst so hin: als eine von Eich provozierend vorgetragene Kleinbürgerei. So ein deutsches Vor-gärtlein. Nördliches Gelände als Dichterlandschaft, weil Süden, Sonne, Ruinen, Römisches aus Geschichte wie Geographie, genügend bedichtet wurde. Auch hier, in der Literaturgeschichte, zuviel Abendland. Verdächtig, Was wohl besagen sollte: für Poesie nunmehr unergiebig.
     
Mit den »Steingärten« war ich nicht zurechtgekommen. Las man Eich nämlich in solcher Interpretation, so wirkte er seltsam trotzig und deutsch-provinziell. Eher Arno Schmidt als Günter Eich. Sonderbar. Dabei beließ man es. Dann erschien im Jahre 1966 der neue Gedichtband Eichs mit dem Titel »Anlässe und Steingärten«. Nun war ich beunruhigt, sah im Lexikon nach, fand mich unversehens mit Eich in Japan. Es ergab alles Unsinn, was man damals aus der »Fußnote zu Rom« hatte schließen wollen. Das Gedicht ging auch keineswegs nach der fünften Zeile zu Ende, gewann vielmehr mit der sechsten Zeile erst die wichtige neue Dimension einer Antithesis zu Rom: Ost gegen West, Morgenland gegen Abendland. Ein west-östlicher Text. Zuviel Welt ausgespart? Wie hatte man übersehen mögen, daß dieser Siebenzeiler auch in seiner Form der japanischen lyrischen Tradition angenähert wurde. Das letzte Wort faßte alles zusammen. Vermutlich tat man gut daran, bei einem so genau arbeitenden Lyriker wie Eich, auch die Wörter und Silben genauer nach Reihung und Zahl zu prüfen. Steingärten: das war alles, bloß nicht deutsche Provinz. Wie hatte man vermuten können, Eich hätte gegen deren Aussparung rebelliert. Sie gehörte im Gegenteil, mitsamt Rom und sonstigem Abendland, zu jenem politischen und poetischen Bereich, der in aller Selbstzufriedenheit geglaubt hatte, eine Welt, der das ästhetische wie meditative Phänomen der Steingärten zu danken war, könne »ausgespart« werden.
      Ein Text folglich, diese »Fußnote zu Rom«, worin poetologische Erfahrungen im Jahre 1962, als Eich die echten Steingärten sehen und überdenken konnte. Ein Gedicht der Rückkehr und Erinnerung. Nun las es sich etwa so: Rückkehr ins Reich der Steingärten wäre vielleicht erwünscht; weshalb auf die Rückkehr nach Rom verzichtet werden kann.
      Ein Gegengedicht etwa zum Text »Japanischer Holzschnitt«. Das gezäumte und gesattelte rosa Pferd. Doch ist der Reiter nicht zu sehen, obwohl er in der Nähe sein dürfte. »Komm du für ihn, / tritt in das Bild ein / und ergreif die Zügel!« Sogar ein Ausrufungszeichen der sehnsüchtigen Gier.
      Bald darauf fragte ich Günter Eich bei einer Begegnung nach jenen Steingärten, beichtete meine Fehldeutung. Er schien sich über diese Neugier auf die Steingärten zu freuen, erzählte bereitwillig, gar nicht ablenkend, von der Struktur solcher Kunstwerke aus Sand und Stein.
      Seit Eich dem Schreiben von Hörspielen entsagte, weil das immer noch ein Zuviel an menschlicher Kommunikation bedeuten mochte, fand er sich bei der Gemeinschaft der Maulwürfe ein. Andererseits schien ein Titel wie »Anlässe und Steingärten« dem Leser zu bedeuten: viele der hier versammelten lyrischen Texte seien selbst als Steingärten zu verstehen.
      Als Steingärten? Wenn Eich, wie er bekannte, an jenen japanischen Gebilden vor allem die hohe Künstlichkeit bewunderte, nämlich das Schaffen von Gegennatur mit Hilfe von Natur, doch so, daß dieser Natürlichkeit bloß die Lieferung von Material zugebilligt blieb, während alles andere dem subjektiven Schöpfertum gedankt werden mußte: dann sollten wohl auch seine eigenen Texte als höchst artistische Erzeugnisse verstanden werden. Nicht Botschaften, nicht einmal solchedes Regens. Jede Zeile bleibt verständlich, erst recht jedes Wort. Bloß das Ganze entzieht sich dem Zugriff des Deuters.
      Dann aber enthielt jener Abschluß des Gedichts »Fußnote zu Rom« eine Botschaft: freilich eine erschreckende, doch für Freunde des Dichters nicht überraschend. Wo kein Platz mehr ist für Steingärten, bloß noch für verdächtiges Abendland, wozu man jetzt auch die einstige Heimat der Steingärten zu rechnen hat, bleibt kein Platz für einen, der wie Günter Eich an Steingärten aus Sprache arbeitet. [...]

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