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Gedichte aus unserer zeit - interpretationen

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Du liegst - Paul Celan



DU LIEGST im großen Gelausche, umbuscht, umflockt.
      Geh du zur Spree, geh zur Havel, geh zu den Fleischerhaken, zu den roten Äppelstaken aus Schweden —

Es kommt der Tisch mit den Gaben, er biegt um ein Eden —
Der Mann ward zum Sieb, die Frau mußte schwimmen, die Sau,


   für sich, für keinen, für jeden —
Der Landwehrkanal wird nicht rauschen. Nichtsstockt.
      Als eines von wenigen aus Schneepart ist dieses Gedicht bereits zu Lebzeiten Celans gedruckt worden, in Hommage für Peter Huchel, zum 3. April 1968.2 Dort ist ihm die Angabe hinzugefügt: Berlin, 22J23. 12. 1967. Zu wissen, daß das Gedicht in Berlin geschrieben wurde, mag für das Verständnis entbehrlich sein, da der Text keinen Zweifel darüber bestehen läßt, daß er von Berlin handelt. Wichtiger erscheint die Angabe über die Entstehungszeit: Das Gedicht entstand in der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember 1967 — ein Nachtgedicht, ein Vorweihnachtsgedicht. Auf beides spielt der Text an: Du liegst auf die Stunde, der Tisch mit den Gaben auf das kommende Fest. Celan hat für den Gedichtband Schneepart diese Angaben gestrichen, genauer: in dem Gedichtband, wie schon in dem Vorabdruck innerhalb der Ausgewählten Gedichte^, stehen sie nicht. Das freilich entspricht seinem sonstigen Brauch: In der Reinschrift sind die Gedichte datiert, in der Veröffentlichung nicht. Darum ist nicht das Wegfallen der Angabe bemerkenswert, sondern deren Beibehaltung beim Abdruck in der Huchel-Festschrift. Sie dürfte darin ihre Erklärung finden, daß dieses Gedicht wie zwei andere, gleichfalls datierte, von denen das eine mit Frankfurt am Main/Berlin, das andere mit Berlin gekennzeichnet ist, in der Festschrift dem damals in der Nähe Berlins ansässigen Huchel zugedacht war. So darf der Wegfall der Angabe, durch den der Zugang zum Gedicht erschwert wird , nicht als ein Verwischen der Spuren gedeutet werden, die zu den Entstehungsbedingungen des Gedichts zurückführen könnten. Aber objektiv ist er es. Und daß dies auch der Absicht Celansentsprach, zeigt der Umstand, daß bereits im Erstdruck der ursprünglich vorhandene Titel verschwand. In Abschriften, die Celan in Berlin für Freunde gemacht hat, ist das Gedicht Wintergedicht überschrieben. Der Titel findet sich auch in der Abschrift , die Celan am 29. 12. 1967, am Tag seiner Abreise aus Berlin, an einen Freund geschickt hat, aber hier ist Wintergedicht bereits durchgestrichen. Selbst dies mag mit der immer konsequenteren Abkehr Celans in seiner späten Lyrik von der Institution der Gedichtüberschrift erklärt werden. Indessen macht die Kenntnis der Realien, der realen Erfahrungen, die aus Celans Aufenthalt in Berlin um Weihnachten 1967 in das Gedicht Du liegst... eingegangen sind, noch keine Interpretation des Gedichts aus. Vielmehr eröffnet sich solcher Kenntnis die entstehungsgeschichtliche Dimension, in welcher zwar fast jede Stelle des Gedichts auf ein bezeugtes Erlebnis zurückverweist, nicht minder aber der Weg von den realen Erlebnissen zum Gedicht sichtbar wird, ihre Verwandlung. In dem Spannungsfeld zwischen dem halb vom Zufall gefugten Allerlei der Berliner Tage Celans und der kunstvollen Konstellation, welche das Gedicht ist, erscheint dieses dem Leser, der Celan in jenen Tagen begleiten durfte. Darum kann seine Absicht nicht sein, das Gedicht auf die Daten und Fakten zurückzuführen, aus denen die vierzehn Verse zusammenschössen, wohl aber zu versuchen, den Vorgang dieser Kristallisation nachzuvollziehen. Celan traf am 16. Dezember 1967 in Berlin ein. Es war, sieht man von seiner Durchreise auf dem Weg nach Frankreich im Jahr 1938 ab6, sein erster und einziger Aufenthalt in der Stadt. Un mittelbarer Anlaß war eine von Walter Höllerer initiierte Lesung im Studio der Akademie der Künste. Am Tag danach las Celan vor einem kleinen Kreis von Studenten und Hochschullehrern im Seminar für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin Gedichte aus dem kurz zuvor erschienenen Band Atemwende. Außer einer von Ernst Schnabel geleiteten Fernsehaufnahme gab es für die Tage seines Berlinaufenthalts keine anderen Verpflichtungen. Celan traf sich mit Freunden, fuhr mit ihnen durch die tiefverschneite Stadt, ließ sich manches zeigen und registrierte die alles beherrschende Vorweihnachtsstimmung mit der verwunderten Empfänglichkeit dessen, der einem Volk angehört, das dieses Fest nicht kennt, und der seit Jahrzehnten in einem Land lebt, in dem es von keiner »Stimmung« begleitet wird — dem dies aber aus seiner weit zurückliegenden Kindheit, seiner weit wegliegenden Heimat dennoch vertraut war.
      Celan wohnte in der Akademie der Künste, er hatte in dem im Hansaviertel gelegenen modernen Bau ein Zimmer, dessen große Fenster, eine ganze Fensterwand, auf einen mit Büschen bepflanzten Teil des Tiergartens schauen. Hier schrieb er nachts die Verse:

DU LIEGST im großen Gelausche, umbuscht, umflockt.
      Ein Freund war mit ihm in Plötzensee, in dem Raum, in dem man die Verschwörer des 20. Juli hingerichtet hatte. Er führte Celan auch auf den Weihnachtsmarkt am Funkturm, wo verschiedene Länder ausstellen. An einem der Stände, dem schwe-dischen, erblickte Celan den aus rotgestrichenem Holz gemachten Adventskranz, auf den Äpfel und Kerzen gesteckt werden. Diese beiden Erlebnisse gingen in die zweite Strophe des Gedichts ein:
Geh du zur Spree, geh zur Havel, geh zu den Fleischerhaken, zu den roten Äppelstaken aus Schweden —
An einem der ersten Abende seines Berlinaufenthalts bat mich Celan um ein Buch, er habe nichts zum Lesen bei sich. Ich gab ihm den kurz zuvor erschienenen Band Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Dokumentation eines politischen Verbrechens. Auf einer der Fahrten zwischen meiner Wohnung und der Akademie der Künste zeigte ich ihm das Apartmenthouse »Eden«, das an der Stelle jenes im Januar 1919 als Sitz des Stabs der Garde-Kavallerie-Schützen-Division dienenden Eden-Hotels steht, in dem Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht die letzten Stunden ihres Lebens verbracht hatten. Das »Eden« liegt unmittelbar neben dem »Europa-Center«, dessen Geschäfte für das kommende Fest geschmückt waren. Vom Kurfürstendamm her biegt man in die Budapester Straße ein, die in den Tiergarten und zum Landwehrkanal führt. Der Hohn, den die Beibehaltung des Namens für das Luxusapartmenthouse auf das Gedenken der beiden Ermordeten darstellt, war Thema unseres Gesprächs im Auto. Diese Fahrt mag Ausgangspunkt für die dritte Strophe gewesen sein:

Es kommt der Tisch mit den Gaben, er biegt um ein Eden —
Auf Karl Liebknecht und auf Rosa Luxemburg ist, auch wenn ihre Namen nicht genannt werden, die nächste Strophe bezogen, in der zwei Satzfragmente aus den im Dokumentationsband abgedruckten Prozeßprotokollen wiederkehren. Der Zeuge Walter Alker sagte aus, auf seine Frage, ob Dr. Liebknecht schon wirklich tot sei, habe man ihm zur Antwort gegeben, daß Liebknecht durchlöchert wäre wie ein Sieb* Und einer der Mörder, der Jäger Runge, berichtete, über Rosa Luxemburg habe es geheißen: Die alte Sau schwimmt schon. Im Gedicht stehen die Verse:
Der Mann ward zum Sieb, die Frau mußte schwimmen, die Sau, [...]
Der vorletzte Vers zitiert den Landwehrkanal, in den die Leiche Rosa Luxemburgs von ihren Mördern geworfen worden war — in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 1967 fuhr Celan auf dem Weg zur gespensterhaft stehengelassenen Fassade des Anhalter Bahnhofs den Landwehrkanal entlang. Dieser biographische Bericht, dem ähnliche zweifellos von anderen zu anderen Gedichten Celans gegeben werden könnten, soll keine Interpretation des Gedichts DU LIEGST im großen Gelausche [...] begründen. Zu fragen ist vielmehr, ob er einer solchen überhaupt zu Grunde gelegt werden könnte. Inwiefern ist das Ver-ständnis des Gedichts abhängig von der Kenntnis des biographisch-historischen Materials? Oder prinzipieller gefragt: Inwiefern ist das Gedicht durch ihm Äußerliches bedingt, und inwiefern wird solche Fremdbestimmung aufgehoben durch die eigene Logik des Gedichts? Daß Celan dieses Gedicht nicht geschrieben hätte oder daß es ein anderes geworden wäre ohne die Erlebnissequenz seines Berlinaufenthalts, die mehr von seinen Freunden und dem Zufall als von ihm selbst bestimmt wurde, steht fest: Ohne die Fahrt zur Havel, zum Landwehrkanal, am »Eden« vorbei, ohne den Besuch des Weihnachtsmarkts, der Hinrichtungskammer in Plötzensee, ohne die Lektüre der Luxemburg-Liebknecht-Dokumentation ist das Gedicht nicht denkbar. Nur: Celan hat in jenen Tagen vieles andere gesehen, gelesen, erfahren, das im Gedicht keine Spuren hinterlassen hat. Die Bedingtheit des Gedichts durch die Zufalle des realen Lebens wird so bereits eingeschränkt, ja durchkreuzt durch die Auswahl aus ihnen, die nicht minder als jene mehr oder weniger zufälligen Begebnisse Vorbedingung des Gedichts ist oder gar mit seiner Entstehung zusammenfällt. Zu fragen wäre, ob der Fremdbestimmung, den realen Bezügen, nicht eine Selbstbestimmung die Waage hält: die Interdependenz der einzelnen Momente im Gedicht, die auch jene realen Bezüge nicht unverwandelt läßt. Das Gedicht hat seine Textur in einer zweifachen Motivverknüpfung. In der Verknüpfung des Motivs der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht mit dem Motiv der Hinrichtung der Verschwörer des 20. Juli und in der Verknüpfung dieses Doppelmotivs mit dem von Weihnachten . So evident die Berechtigung der ersten Verbindung ist, so sehr wirkt die zweite als Skandalon. Während der ersten eine Assoziation zugrunde liegt, deren biographische Voraussetzungen zwar angegeben werden können , die Assoziation aber auch ohne sie sich hätte einstellen können, ist man angesichts der Verknüpfung von Mord und Hinrichtung mit Weihnachtsbescherung , von Fleischerhaken und Äppelstaken versucht, seine interpretatorische Zuflucht, durch welche das Ärgernis gemildert werden könnte, bei dem Rekurs auf das reale Erlebnismaterial zu suchen. Nichts indessen wäre größerer Verrat am Gedicht und an seinem Autor. Wie sehr auch diese Verknüpfung ihre Vorbedingung in der Koinzidenz von Celans Berliner Tagen mit der Weihnachtszeit hat, sie muß diese ihre empirische Prämisse hinter sich gelassen, eine eigene Begründung sich gegeben haben, wenn anders das Gedicht ein Gedicht sein soll. Ja, die empirische Prämisse dürfte für die Entstehung des Gedichts überhaupt erst relevant geworden sein auf Grund einer Motivation, welche nicht durch die realen Begebenheiten jenes Berlinaufenthaltes bedingt ist, sondern durch eine nicht auf subjektive Zufälligkeiten reduzierte Wirklichkeit. Auf diesen geheimen Grund der Verknüpfung von Ermordung und Weihnachtsfest führen die Verse, die in der Mitte des Gedichts stehen:

Es kommt der Tisch mit den Gaben, er biegt um ein Eden —
Was die beiden Verse in weit höherem Maß als alle anderen kennzeichnet, ist die Ambiguität, die sich in ihrem letzten Wort, in Eden, eingenistet hat. »Eden« heißtsowohl das Paradies, ein Lustgarten, als auch, nach ihm, der Ort, an dem Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht die letzten Stunden vor ihrer Ermordung verbracht haben. Solange man meint, diese Doppeldeutigkeit — dem Zufall entstammend, daß das Hotel so und nicht anders hieß und daß der Divisionsstab der Garde-Kavallerie-Schützen nicht in einem anderen Hotel sich einquartiert hatte — sei als zufällige, sie als Koinzidenz zum Brennpunkt der Motivverknüpfung von Ermordung und Hinrichtung einerseits, Weihnachtsstimmung andererseits geworden, ist einem der Blick fremd geblieben, den Celan auf die Gegensätze dieser Welt warf. Sie waren ihm keine. Ihm war die Erfahrung vertraut, daß die Milch schwarz ist und das Schwarze Milch11, daß die moralische Welt weder in Gut und Böse geschieden ist noch aus lauter Ãœbergängen zwischen ihnen besteht, sondern daß das Gute zugleich böse ist und das Böse, wie auch immer, zugleich sein Gutes hat. Hält man für diese Dialektik eine Erklärung bereit, so nimmt man Celans Leben und Dichten ebensowenig ernst, wie wenn man seine Augen vor dieser Dialektik verschließt. Daß dem Blick Celans noch das Hellste sich verdüsterte und seine Dichtung noch der Düsternis Helle abgewann, dürfte zwar richtig sein, als Vereinfachung ist es aber auch schon falsch. Die Einheit von Paradies und Vorhölle in dem Wort »Eden«, die Indifferenz der Geschichte und der Menschen, die zuläßt, daß der letzte Aufenthaltsort von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht den Namen des paradiesischen Lustgartens führt und das Luxusapartmenthouse, das an dessen Stelle errichtet wurde, den Namen jenes zur Vorhölle gewordenen Hotels — diese Gleichgültigkeit kann Celans Grunderfahrung, die einer In-Differenz, nur bestätigt haben. Darum wurde sie ihm bewußt und zur Mitte seines Gedichts. Auf diesem Hintergrund ist jene andere Stelle zu sehen, in der sich die Motive des Mordes und des Weihnachtsfestes zum Ärgernis verknüpfen, für das man gleicherweise die eingangs berichteten biographischen Daten zur verharmlosenden Erklärung anzuführen versucht sein könnte. Es sind die Verse:geh zu den Fleischerhaken, zu den roten Äppelstaken aus Schweden —
Auch diese Verbindung verdankt sich weder bloß der Koinzidenz zweier Besuche Celans während seines Berlinaufenthalts , noch allein jener Grunddisposition seiner Wahrnehmung, von der eben die Rede war. Ist die erste eine zufällige, äußerliche Ermöglichungsbedingung der Konkretisierung, so die zweite eine wesentliche und immanente, welche die Konkretisierung im Wort zwar zu begründen, nicht aber herbeizuführen vermag. Das Gedicht als Sprachgewebe, im Spannungsfeld von signifie und signifiant, Sinn und Laut, stehend und von deren jeweiligem Verhältnis geprägt, konkretisiert die Gedankenassoziation nicht so sehr diskursiv, im Nacheinander der Satzaussage, als vielmehr in dem vom Sprachmaterial bereitgestellten Ineinander, in Roman Jakobsons Terminologie: nicht metonymisch, sondern metaphorisch. In der phonologischen Ãœbereinstimmung der Wortenden hat diese Äquivalenz nur ihre äußerlichste Erscheinungsweise.
     
Denn der Reim ist zugleich die Bestätigung, daß die roten Äppelstaken / aus Schweden, ein Emblem der Adventsstimmung, und die Fleischerhaken von Plötzensee ohne jeden Zusammenhang nicht sind. Der Zusammenhang wird von der Sprache auch dadurch verraten, daß »Staken« von »stechen« abgeleitet ist und auch »Pfahl«, »Pranger« bedeuten kann. Was die Verknüpfung ferner begründet, ist die dreifache Bedeutung des Farbadjektivs, das den Äppelstaken beigegeben ist: rot sind sie als rotgestrichene . Aber Rot ist zugleich die Farbe von Blut, rot werden Fleischerhaken und Staken nach der Hinrichtung, und Rot ist die Farbe der Fahne, für die Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ihr Leben ließen.

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