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Diese alten Männer - Karl Krolow



Diese alten Männer, die niemandmehr ansieht, Hausierer mit Phantasie,reale Nullen, bei Abschaffung ihres Lebens,unter Bäumen im Park wartendauf nichts anderes als auf Vergangenheit — eine Landkarte aus Staub.
      Versteckte Sätze leben in ihnen weiterim trockenen Mund.

      Einige haben ein schönes Gesichtfür Augenblicke. Beinahe körperlos, sagt man. Wer weiß etwasvon diesen schmalen Figuren,die sich entfernen?
Das Gedicht setzt mit einem Vorwurf, nahezu einer Beschimpfung ein, den Leser geneigt zu machen. Gewöhnlich entziehen die Beschworenen sich allgemeiner Betrachtung, sind lange ins Abseits gedrängt, eine Randerscheinung im Park der Gesellschaft. Sie geben den unästhetischen Gegenpol ab für »jene jungen Mädchen«, von denen wir gemeinhin freudiger hören. »Diese alten Männer, die niemand«. Zeilenschluß, Seufzer, Schnappatem wie kurz vorm Ersticken, »mehr ansieht« — Erleichterung, Enttäuschung aber auch ob des niederen Gedichtgegenstands. Doch einer ist nicht niemand, der Dichter hat sie erblickt, jene Alten, deren einziger Ãœberfluß Phantasie ist, die er ihnen gleich pfundweise zugesteht als Kollege sicher auf diesem Gebiet. Wenn das Wort Hausierer noch fällt, ist endgültig klar, daß nicht von Rentnern die Rede ist, die sich eben mal sonnen, sondern von Profis auf dem Wege nach Glockenreich hin, Stadt- und Landstreichern niedrigster Ränge. Weil der Leser mit ihnen tatsächlich kaum rechnet und sie ihm vollkommen als Nullen erscheinen, wird er dem Dichter weiter gern folgen über die Anfütterung hin. Obgleich in der Ãœberzahl durch ungerecht höhere Lebenserwartung, aber weil sie sich gewöhnlich ordentlich führen, wirbeln alte Frauen weniger Staub auf als diese obszönen Gestrüppe. Wie sie dort springen und lachen, nicht in Pflegeanstalten zu halten und munter damit befaßt, die Abschaffung eigenen Lebens tätig voranzutreiben.
      Neid kann aufkommen bei jemand, der nicht so erfolgreich bei diesem Geschäft ist und anstatt der Bäume im Park ein langwieriges Dach überm Kopf hat, manche eigentümliche Verpflichtung. Die dort sind frei wie ein beliebiger Vogel, sie fallen durch die großzügigen Maschen versicherten Sozialnetzes und können richtig aus dem vollen sterben, verschwenderisch, ausschweifend.
      Bevor aus der Gegenwart Vergangenheit wird oder die Zukunft so heißt, wovor der schmale Gedankenstrich beiläufig umsonst warnt, ohne Geschütze aufzufahren,deren Standort wir kennen. Was sie sagen und denken, diese alten Männer, wir werden es nie erfahren wegen vorherrschender großer Entfernung, so nah der Chronist sie noch zu bringen sich müht.
      Zum Schluß macht er aus diesen Wermutbrüdern gotische Engel. Ausgeflippte Gestalten ohne Erdenschwere, pünktliche Mahlzeit. Schmale Figuren, leicht übersehbare Seelen unter den schönen, noch haltbaren Bäumen des Sommers. Die sich im Gegensatz befinden zu anderen alten Männern, nicht solchen Nullen, aus einem zweiten Gedicht gleichen Anfangs. Das nicht unbedingt neu geschrieben werden muß, weil es in unserem zwischen den Zeilen schon steckt.
      Ein knapper Text von denen, die Furcht einjagen, wenn sie aus ihren Ländern strahlend in unsere Zimmer steigen von den Mattscheiben her.

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Diese  alten  Männer  -  Karl  Krolow    





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