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Die Tänzerin - Nelly Sachs



D.H.
      Deine Füße wußten wenig von der Erde, Sie wanderten auf einer Sarabande Bis zum Rande — Denn Sehnsucht war deine Gebärde.
      Wo du schliefst, da schlief ein Schmetterling 5 Der Verwandlung sichtbarstes Zeichen, Wie bald solltest du ihn erreichen — Raupe und Puppe und schon ein Ding


In Gottes Hand.
      Licht wird aus Sand.

   Mit Else Lasker-Schüler und Gertrud Kolmar teilt Nelly Sachs, geb. am 12.10.1891 in Berlin, gestorben am 12. 5. 1970 in Stockholm, aufgrund ihrer jüdisch-deutschen Herkunft ein gemeinsames, leidvolles Schicksal. Johannes Bobrowski hat diese drei großen Lyrikerinnen, denen Rose Ausländer an der Seite zu stellen wäre, in einem lyrischen Triptychon verewigt und der Nelly Sachs darin ihren dichtungs- und menschheitsgeschichtlichen Ort zugewiesen: als der ständig Bedrohten und auf der Flucht Begriffenen, die »an die Stelle von Heimat die Verwandlungen der Welt« setzt. 1966 erhielt sie zusammen mit S. J. Agnon den Nobelpreis für Literatur, Entscheidendes hat sie für die deutsch-schwedische Literatur geleistet, wichtigen Gegenwartsautoren war und ist sie Vorbild — dennoch steht eine sichtbare und breite Rezeption dieses einzigartigen dichterischen Werks bis heute noch aus. Das Gedicht ist der mit der Dichterin gleichaltrigen und mit ihr seit dem Jahre 1908/9 eng befreundeten Dora Horwitz, geb. Jablonski — die Familien Sachs und Jablonski verband eine lange Freundschaft —, gewidmet; Dora J. heiratete 1934 den Spinoza-Forscher Hugo Horwitz; beide erlitten das Schicksal, dem Nelly Sachs und ihre Mutter nur wie durch ein Wunder entrannen: Sie kamen 1942 auf dem Transport nach Theresienstadt um. Indem die Dichterin ihre Freundin im Symbol, der Chiffre der Tänzerin und des Tanzes — die Sarabande ist eine besonders feierliche und würdevolle und zugleich, wie ihre Verwendung in der Kunstmusik zeigt, hochkünstlerische Tanzform — verklärt und feiert, hat sie ihrer »geliebten Schwesternseele«, wie sie einmal in einem Brief der Autorin Elisabeth Borchers* von ihrer Freundin, die ein »wunderbarer Mensch« gewesen sei, geschrieben hat, das poetische Epitaph errichtet. Aber gerade dieses Widmungs- und Erinnerungsgedicht muß ganz im Zusammenhang mit der Aufgabe, der sich die Dichterin schon bald nach ihrer rettenden Ankunft in Stockholm lebenslang verpflichtet sah, interpretiert werden: den in den Vernichtungslagern umgekommenen jüdischen Freunden ein Zeit überdauerndes Mahnmal zu errichten. Das Gedicht »Die Tänzerin« wurdebereits 1944 von Brita E. E. Edfeldt, der Frau des schwedischen Schriftstellers Johannes Edfeldt, ins Schwedische übertragen und publiziert . Das Individuelle verbindet sich mit dem Allgemeinen, wird zur Seinsklage, insofern handelt es sich bei diesem so eng begrenzten, seinen Raum ästhetisch abschreitenden Gedicht auch um einen eschatologischen Text. >Grabschriften in die Luft geschrieben^ so hat die Dichterin diese Gedichte gekennzeichnet, selbst auf den Transformationsprozeß verweisend; zu finden sind diese Grabschriften in dem Band, der die Autorin bekannt machte, »In den Wohnungen des Todes«, 1946 zuerst im Aufbau-Verlag erschienen. Drei Motive, die in den verschiedensten Zusammenhängen im Werk der Nelly Sachs immer wieder verwandelt wiederkehren, bestimmen auch diese Grabschrift: Das Tanz- und Musik-Motiv, das sich ja hier ganz natürlich entfaltet ; bereits in dieser ersten Strophe deutet sich jener Prozeß der Verwandlung ins Staub- und Schwerelose an , gipfelnd in der Antwort gebenden, zugleich resultativen Zeile: »Denn Sehnsucht war deine Gebärde«. Das Geheimnisvolle, nicht Auflösbare und Unzerstörbare — die Tänzerin D. H. kam im Konzentrationslager um — wird zum Signum der menschlichen wie künstlerischen Existenz . Die Strophe schwingt frei im Zeilenenjambement, staut sich elliptisch in Vers drei, läuft ruhig in vier aus.
      Das zweite Grundmotiv der Dichtung der Nelly Sachs, Verwandlung, Transformation und Sublimierung, findet sich als symbolische Chiffre, die seit Hadrians Tagen zugleich für die Seele des Menschen steht , im Bild des Schmetterlings; auch hier bleibt die Dichterin ganz im Vorstellungsbereich des Natürlichen: »Raupe und Puppe und schon ein Ding«. Die letzte aus nur zwei Zeilen mit sieben Wörtern von deutlich gnomischer und zugleich gnostischer Prägung bestehende Stropheneinheit bindet den angesprochenen Verwandlungsprozeß an jenes werkbiographisch entscheidende Motiv des Staubes und des Sandes: »Licht wird aus Sand«; was zunächst wie ein Oxymoron scheint, verbirgt die Wahrheit des Gedichts, die Heilsgewißheit; nicht nur Erde zu Erde, Staub zu Staub, sondern der Leib wird auferstehen aus dem Staub. Zwar bleibt das vertraute Du und Dein, doch verdüstert sich für uns der Charakter der nachsinnenden Grabschrift: das unendliche und genau belegbare Leiden kann und soll auch durch Poesie nicht >aufgeho-ben

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Die  Tänzerin  -  Nelly  Sachs    





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