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Der Rauch - Bertolt Brecht



Das kleine Haus unter Bäumen am See.

      Vom Dach steigt Rauch.
      Fehlte er

Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See.
      Zunächst der bildliche Eindruck, Ausschnitt aus einer Landschaft, offenbar vertraut: das Haus, nicht ein Haus, genauer lokalisiert unter Bäumen am See; eine schöne Lage, scheint man folgern zu müssen, eine Idylle: die menschliche Behausung innerhalb der Natur, glücklich in sie eingebunden. Jedoch dieser erste Eindruck bleibt nicht bestehen. Der bereits in der Ãœberschrift annoncierte Rauch kommt hinzu: er steigt vom Dach. Das heißt: er steigt nicht in den Himmel. Dies zu betonen, ist deshalb nötig, weil der Rauch, der in den Himmel steigt, vielfache Bildmuster aufruft. Rauch kannte der antike Kultus; Rauch war in der christlichen Emblematik Zeichen für Vergänglichkeit; Rauch steht bei Nietzsche für den Nihilismus: er zieht in immer »kältere Himmel«, und Rauch war für den jungen Brecht Symbol für Trostlosigkeit, Sinnlosigkeit . Der Rauch gehört offenbar zum Haus, charakterisiert es, indem er den Bildbereich des ersten Eindrucks erweitert und erheblich modifiziert. Durch den Rauch kommt Bewegung ins zunächst ganz statische Bild, und Bewegung deutet auf Lebendiges, deutet darauf, daß das Haus bewohnt ist. Er steht nicht für Vergängliches, sondern für Leben.
      Der zweite Teil des Gedichts, der längere, besteht aus einer gedanklichen Hypothese, die ex negativo konstatiert, was der Rauch bedeutet: ohne ihn wären Haus, Bäume, See trostlos, wäre der ganze, doch Idyllik suggerierende Eindruck des Beginns ohne Hoffnung, ohne Zufriedenheit, ohne Glück, ohne Zukunft. Der Konjunktiv bringt Reflexion ins nur Geschaute, formuliert im strengen Wenn-Dann-Beziehungssatz eine Sprachhaltung, die an wissenschaftlich-logische Definitionen erinnert. Die Reflexion erweitert das Bild durch Sinngebung, Interpretation. Das Bild — anders gesagt — erfüllt sich nicht im bloßen Anschauen, sondern erst in der gedanklichen »Vermittlung«, um den Begriff Hegels aufzugreifen. Obwohl der Eindruck bereits »konkret« zu sein scheint, und zwar durch die genaue Lokalisierung des Hauses und durch die Ergänzung des aufsteigenden Rauchs, ist er erst ganz bestimmt durch die gedankliche Erläuterung. Wie das Haus ohne den Rauch »leblos« bliebe, so hätte auch die bloße Anschauung ohne die menschliche Vermittlung, ohne Bezug auf Menschliches, keinen Sinn. Wie das Haus, ohne bewohnt zu sein, ohne Vermittlung wäre, seine Lokalisierung also unsinnig, so gewährt erst die gedanklich reflektierte Anschauung den angemessenen, menschlich adäquaten ästhetischen Genuß. Ästhetik wird nicht durch bloßes Glotzen, sondern erst in der gedanklichen Vermittlung wahr.

     
Deshalb kann das Gedicht am Ende den ersten Eindruck noch einmal in bloßer Reihung wiederholen, eine Wiederholung, die bei einem so kurzen Gedicht geschwätzig scheint. Das Bild des Beginns hat sich im Vollzug des Gedichts, im Rezeptionsprozeß des Lesers, grundsätzlich gewandelt. Das wahre ästhetische Bild entsteht erst durch diesen Prozeß, der das Gedicht ist.

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