Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Gedichte aus unserer zeit - interpretationen

Index
» Gedichte aus unserer zeit - interpretationen
» Der Radwechsel - Bertolt Brecht

Der Radwechsel - Bertolt Brecht



Ich sitze am Straßenrand

Der Fahrer wechselt das Rad.
      Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
      Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
      Warum sehe ich den Radwechsel



Mit Ungeduld?
Wir können uns die Straße, an der dieser Wagen zu Bruch gegangen ist, in Dänemark, Finnland oder am besten in Kalifornien vorstellen, in einem Land jedenfalls, das für Bertolt Brecht in den Jahren der Hitler-Diktatur Exil war. Wir können uns etwa denken, daß Brecht unterwegs war von seinem kleinen Haus in Santa Monica, wo er eine wenig geliebte Bleibe gefunden hatte, in die unweit gelegene Filmstadt Hollywood, die er zutiefst haßte, im Gepäck den Entwurf zum Drehbuch für einen Film, den zu verwirklichen er für überflüssig hielt. Es sind aber auch viele andere Möglichkeiten denkbar, wie ein Leser dieses lakonische Gedicht, das von der Situation des Radwechsels nur das Nötigste sagt, mit Lebens- und Erlebnisstoff anreichern kann, es mag Brechts Leben oder auch sein eigenes sein. Es sollte aber immer, wenn dieses Gedicht nach seinen eigenen Gesetzen weitergedacht werden soll, eine Situation des Exils sein. Das verlangen insbesondere der dritte und der vierte Vers. Man kann diese Verse nämlich, wenn man sie aus dem Gedicht herauslöst, als Rätsel lesen, das etwa lautet: Ich bin nicht gern, wo ich herkomme; ich bin nicht gern, wo ich hinfahre — was ist das? Ich kann mir wenige Lösungen dieses Rätsels denken, die überzeugender wären als die Antwort: das Exil. Denn ein Exil, daraufhat Brecht mehrfach mit Nachdruck bestanden, ist keine Emigration. Man wandert als Exilierter nicht aus in ein Land, dem man den Vorzug gibt gegenüber dem Land, das man verläßt. Man ist vielmehr Verbannter, und alle Orte dieser Verbannung, so reizvoll sie vielleicht dem Bewohner oder dem touristischen Besucher erscheinen mögen, sind für den Verbannten Zeichen der Unfreiheit und des Unglücks.
      Es gibt also keinen eigentlichen Grund für den Reisenden, bei diesem Radwechsel ungeduldig zu sein. Die Ungeduld, die er dennoch zeigt und an sich bemerkt, muß einen tieferen Grund in jenem endlosen Warten haben, das die Zeit des Exils zu einer quälenden Geduldsprüfung macht. Wir können annehmen, daß der Reisende, der da am Straßenrand sitzt, mit seinen Gedanken gar nicht bei diesem Radwechsel ist, sondern bei einem ganz anderen Vorgang, der nach den Bewegungsgesetzen der Weltgeschichte, also viel zu langsam für den einzelnen, vor seinem inneren Auge abläuft. So nimmt er auch an dem Geschehen, das sich unmittelbar vor seinen Augen abspielt und seine Reise verzögert, nur spärlichen Anteil. Wir erfahren beispielsweise nicht, daß er etwa mit dem Fahrer ein Wort wechselt, ihn — wenn auch mit ungeschickten Worten — vielleicht berät oder ihm sogar zur Hand geht. Das paßt eigentlich gar nicht zu Brecht, der ja sonst zwischen den Denkenden und den Arbeitenden eine enge Solidarität herzustellen wünscht. Dieser Denkende isthier mit seinen Gedanken nicht bei der Sache, die der Titel als Thema des Gedichtes nennt. Er ist statt dessen mit allen seinen Sinnen bei einer anderen Sache, die ihm — und uns — mehr bedeutet. Man hat unser Gedicht deshalb ein emblematisches Epigramm genannt . Epigramm deshalb, weil es, ähnlich wie wir es von Lessing her kennen, einen Vorgang mit knappen Strichen so vereinfacht, daß dieser »transitorische Moment des Radwechsels« archetypischen Charakter annimmt. Emblematisch deshalb, weil die Straße und der Wagen und das Rad und der Radwechsel für diesen Reisenden — und für uns — Zeichencharakter haben. Dem ist sicher zuzustimmen, und diese, sagen wir kalifornische Straße ist gewiß ein Emblem des >Lebensweges< , dieser Reisende ist sicher auch der Mensch als Wandernder , und in diesem gebrochenen Rad dürfen wir zweifellos auch das Rad der Fortuna wiedererkennen. Denn der Straßenrand, der Fahrer, das Rad, der Radwechsel — alle diese Sprachzeichen sind in unserem Gedicht mit dem bestimmten Artikel eingeführt und werden dem Leser auf diese Weise als bekannt vorgestellt. Auch das Verb »sehen« in der zweitletzten Zeile paßt recht gut in diesen Zusammenhang. Denn dieses Gedicht vom Radwechsel, das in seinen Bedeutungsstrukturen so deutlich auf die Bedingungen des Exils verweist, ist nicht im Exil selber geschrieben, sondern viele Jahre später, im Rückblick, vielleicht im Tag- oder Nachttraum, aus dem Brecht in jenen Jahren gerne die Bilder seiner Gedichte schöpft und sie dann auch gerne durch eben dieses Verb »sehen« kennzeichnet . Wir wollen aber die Emblematik des Allgemein-Menschlichen, die wir eben angedeutet haben, nur als Horizont dieses Gedichtes verstehen. In seiner eigentlichen Substanz ist es ein geschichtliches Gedicht.

 Tags:
Der  Radwechsel  -  Bertolt  Brecht    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com