Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Gedichte aus unserer zeit - interpretationen

Index
» Gedichte aus unserer zeit - interpretationen
» Der Garten des Theophrast - Peter Huchel

Der Garten des Theophrast - Peter Huchel



Meinem Sohn
Wenn mittags das weiße Feuer Der Verse über den Urnen tanzt, Gedenke, mein Sohn. Gedenke derer, Die einst Gespräche wie Bäume gepflanzt. Tot ist der Garten, mein Atem wird schwerer, Bewahre die Stunde, hier ging Theophrast, Mit Eichenlohe zu düngen den Boden, Die wunde Rinde zu binden mit Bast. Ein Ölbaum spaltet das mürbe Gemäuer Und ist noch Stimme im heißen Staub. Sie gaben Befehl, die Wurzel zu roden. Es sinkt dein Licht, schutzloses Laub.«

Eine klare Intention Huchels läßt sich diesem Gedicht schwer entnehmen; es beeindruckt formal, besitzt jedoch keine scharf umrissene »Bedeutung«. Freilich gibt es drei Ebenen, auf denen man Bedeutung untersuchen kann: zunächst an der Oberfläche, wo die Klage eines Sterbenden über persönlichen Verlust und Verfolgung als Thema erscheint. Die zweite Ebene ist die der klassischen Bezüge: indem der Leser dem Leben der zentralen Figur, Theophrast, nachgeht, klären sich für ihn bestimmte rätselvolle Bilder und Motive des Gedichts, insbesondere die Dominanz von Begriffen aus dem pflanzlichen Bereich. Schließlich gibt es die persönliche Ebene: obgleich es beim Interpretieren ungemein helfen kann, wenn man die klassischen Anspielungen verfolgt, so scheint mir doch ein vollständig befriedigendes Verständnis des Gedichtes nur auf dem Weg über die biographische Untersuchung erreichbar. Zudem glaube ich, daß der Dichter die Suche nach einer persönlichen metaphorischen Ebene erwartete — daß er also die rätselhaften Bilder als Maske gebrauchte, um den Leser dazu zu verleiten, sich in die Tiefe der Bezüge unter der Oberfläche des Gedichts einzulassen.
      Leider hat bisher nur ein Kommentator klar erkannt, wie wichtig für das Verständnis von Huchel die Betrachtung der biographischen Umstände seines Werdegangs ist. Insbesondere entbehrt nicht der Ironie, daß selbst ein so hervorragender Literaturwissenschaftler wie Hans Mayer, der nicht nur ein naher Freund des Dichters war, sondern sogar selbst von »Doppeldeutigkeit« und »Geheimspräche« in der Literatur der DDR gesprochen hat, die klassische Fassade von Der Garten des Theophrast nicht durchdringen konnte1, und daß Michael Hamburger, der den Nachweis einer persönlichen Grundlage des Gedichts für sich geltend machte, es desungeachtet so allgemein behandelt, daß unersichtlich bleibt, wie er es interpre-tiert. Lediglich Robert Lüdtke hat mit Erfolg nach biographischen Bezügen geforscht; da er diese jedoch nur kurz skizziert und gewisse, meines Erachtens bedeutsame Punkte übergeht, dürfte eine ausführlichere Interpretation gerechtfertigt erscheinen.
      Der Garten des Theophrast beginnt mit einem rätselvollen Bild: Flammen der Dichtung erheben sich über Urnen. H ier mag eine literarische Anspielung intendiert sein, in jedem Fall aber eine unverständliche. Die Urne selbst ist natürlich ein traditionelles Symbol des Todes , aber an diesem Punkt muß eine solche Andeutung vielsinnig bleiben; sie läßt sich nur im Licht dessen, was folgt, interpretieren. Das Bild bewirkt, daß der Leser unverzüglich in die Welt des Dichters eintaucht — weder jetzt noch später erhält er irgendwelche Zugeständnisse; es wird von ihm erwartet, daß er sich ohne Hilfe in diesem persönlichen Zeugnis zurechtfindet, das noch obendrein an den Sohn des Dichters gerichtet ist.
      Der Vorgriff — »Wenn [...]« — und das Enjambement der ersten beiden Verse wecken im Leser ein Gefühl der Erwartung und leiten hinauf zu einem rhythmischen Höhepunkt in den ersten Wörtern von Vers 3. Die Kürze dieses Satzes steht in plötzlichem Kontrast zu der Länge des Vorhergehenden, während die Pause nach dem feierlichen Gebot »Gedenke« sowie die rauhen Laute »g«, »d« und »k« die Vorwärtsbewegung aufhalten; so fällt die steigende Kadenz der ersten beiden Verse schroff im Verlauf einer halben Zeile. Weiter verstärkt wird das Gewicht dieses Satzes durch den Kontrast zum Vorangehenden hinsichtlich der Verständlichkeit: seine Schlichtheit steht kraftvoll gegen das Dunkel des ephemeren Eröffnungsbildes. Die Wiederholung von »Gedenke« besitzt mehrfache Wirkung: Sie betont das Thema Erinnerung, indem sie unterstreicht, daß das Gedicht für die Nachwelt bestimmt ist; sie bringt einen würdevollen Ton hinein, der durch den ein wenig archaischen Charakter des Verbs »gedenken« noch verstärkt wird; vor allem aber dehnt sie den Höhepunkt bis auf die Schlußwörter von Vers 4 aus. Das Gewicht, das diesen Wörtern in ihrer Klimax-Stellung normalerweise zukäme, wird durch zwei Faktoren noch gesteigert: zunächst sind die durch die Wiederholung in Vers 3 aufgeschoben, die zur Folge hat, das man erst in der vierten Zeile zu dem Objekt von »Gedenke« vordringt; so kommt zu Beginn von Vers 3 eine steigerungsträchtige Spannung auf — wo das Verb ohne einen nachfolgenden Genitiv gebraucht ist —, die sich erst löst, wenn man die abschließende erläuternde Ergänzung erreicht. Und zweitens wird nach »einst« eine winzige Lesepause notwendig; so verleiht die Retardierung des Rhythmus den folgenden Wörtern mehr Nachdruck, und entsprechend ragt die Wortgruppe »Gespräche wie Bäume gepflanzt« als grammatische, rhythmische und folglich auch emotionale Klimax hervor. Beim ersten Lesen mag einem die Bedeutung dieser Wendung dunkel erscheinen, doch gerade die Qualität des Ungewöhnlichen, die der Metapher anhaftet, hilft beim Interpretieren. Der Leser kommt kaum umhin, sich an eine ähnlich ungewöhnliche Verknüpfung in Brechts Gedicht An die Nachgeborenen gemahnt zu fühlen, und der Vers bekommt eine ganz neue Bedeutung, wenn man ihn als Anspielung darauf erkennt:

»Was sind das für Zeiten, wo Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!« Diese Vermutung wird gestützt durch die Tatsache, daß An die Nachgeborenen zu Brechts bekanntesten Gedichten gehört, zumal in der DDR, wo sein Thema besondere Relevanz besitzt und die genannten Zeilen daraus am häufigsten zitiert werden. Huchel ist mit Brechts Werk wohlvertraut; die Dichter waren Freunde, solange Brecht lebte, und nach seinem Tod erschien in Sinn und Form wiederholt Material aus seinem Nachlaß. Und das Heft, in dem Der Garten des Theophrast erstveröffentlicht wurde, enthielt einen bis dahin unpublizierten Essay von Brecht, nämlich seine Rede über die Widerstandskraft der Vernunft. Die Nebeneinanderstellung so ungewohnter Wörter wie »Gespräche« und »Bäume«, die jedoch dem Dichter wie seinem Publikum aus einem andern Zusammenhang genau bekannt war, spricht deutlich für die Vermutung, es handle sich hier um eine bewußte Anspielung. Geht man einmal davon aus, so kehrt Huchel offen Brechts Wertskala um. Wo dieser »Gespräche über Bäume« verdammt, scheint Huchel auf seine Aufmerksamkeit für solche Gegenstände stolz zu sein. Jedenfalls läßt der ernste, durch den schwerfälligen Rhythmus noch verstärkte Ton den Schluß zu, daß der Dichter etwas zur Nachahmung empfiehlt. Eine weitere wörtliche Parallele zwischen An die Nachgeborenen und Der Garten des Theophrast deutet auf genau denselben Punkt hin: das Verb »gedenken«, das in beiden Gedichten thematisch zentral vorkommt. Während sich Huchel aus einem Gefühl des Stolzes und Märtyrertums heraus zubilligt, an die Erinnerung seines Sohnes zu appellieren, ist Brecht von Scham erfüllt, weil sein Werk der historischen Situation nicht angemessen ist; er bittet darum die Nachwelt, sich seiner Generation mit Nachsicht zu erinnern: »Gedenkt unsrer/ Mit Nachsicht.« Wie Huchel wiederholt Brecht dieses Verb und gebraucht es das erste Mal ohne nachfolgenden Genitiv, um eine Spannung zu erzeugen; so gehäufte Indizien beweisen praktisch, daß wir es mit einem kryptischen literarischen Zitat zu tun haben. Rhythmisch wie thematisch folgt darauf ein plötzlicher Bruch im Gedicht. Vers 5 ist förmlich ein Aufschrei, und das Schreckliche der Situation wird durch die ungewohnte Stellung des Wortes »tot« noch intensiviert; es ist zudem die einzige voll betonte Anfangssilbe im ganzen Gedicht. In der Kürze der folgenden Kola wie auch in ihrer parataktischen Anordnung spiegelt sich das Gefühl von Atemlosigkeit, auf das schon mit »Mein Atem wird schwerer« hingewiesen wird, jedoch scheint dieses neue Thema in keiner Beziehung zum vorangehenden zu stehen, und auch die folgenden Verse tragen kaum zu seiner Interpretation bei; sie dienen einzig dazu, eine Verbindung zum Titel herzustellen. Aber sie greifen das Thema der Erinnerung neu auf, wiederum mit einer leicht archaischen Wendung: »bewahre die Stunde«; wie »gedenke« hat auch »bewahre« einen biblischen Klang, und beide Verben erhalten durch ihre Stellung am Beginn des Verses Gewicht. Solch feierliche Gebote bewirken eine Verdichtung der Aura von Würde, die den Sprecher umgibt; ja im Verbund mit der Widmung, der strengen Form und der undurchsichtigen Bildwelt erheben sie ihn beinahe zum Seher.
     
Die Verse 7 und 8 kehren zum Thema des Gartens zurück und verdeutlichen die Stellung Theophrasts im Gedicht. Im Gegensatz zu der vorhergehenden Parataxe strömen diese Verse wieder Ruhe aus, eine Wirkung, die durch Assonanzen und Alliterationen unterstützt wird. Die entschiedenen »b's« in »binden« und »Bast« werden verstärkt durch die aneinander anklingenden »nd's« in »wunde«, »Rinde« und »binden«; dies rundet die Atmosphäre von Harmonie und sich sammelnder Kraft, die dem Vers eignet. Hierzu tragen weiter die entschiedenen Anfangs- und Endkonsonanten des einsilbigen Abschlußwortes »Bast« bei, während ein anderer Aspekt der Konvergenz im Reim »Bast« — »Theophrast« zu erblicken ist. Wie alle Reime befriedigt dies den Leser lautlich, spiegelt so den Gefühlsgehalt des Verses wider und vertieft die in dessen Bedeutung enthaltene emotionale Erfahrung. Ãœbrigens sind nur wenige der späteren Gedichte Huchels gereimt, doch das hier angewandte unorthodoxe Reimschema findet sich in verschiedenen seiner früheren Arbeiten.
      Eine weitere Zäsur folgt; im letzten Teil herrscht ein ruhigerer Ton und eine Spur von Bedauern. Die Bilder geben wieder Rätsel auf, und nur ein Faktum wird sogleich evident: der Befehl, den Olivenbaum zu entfernen, hat die innere Kraft des Dichters nachhaltig gebrochen. Mit dem »ist noch« in Vers 10 kommt ein leiser Hoffnungsschimmer auf, doch die letzten Verse lösen diese Spannung zugunsten eines eindeutig düsteren Tons. Der vorletzte Vers wirkt plötzlich hart — »sie gaben Befehl« ist brüsk, das Verb »roden« gemahnt an Gewalt, und der sozusagen theoretische Reim, der dieses Wort mit »Boden« verbindet, wird wegen des weiteren Abstandes kaum fühlbar. Der hier geschaffene Mißton löst sich in der Schlußzeile wenigstens auf der lautlichen Ebene: die dort dominierenden »s's« und »l's« haben im wesentlichen einen sanften Klangcharakter und, in diesem Rhythmus, eine mimetische Funktion. Der Gefühlswert des Verbs »sinkt« wird insbesondere untermauert durch den auf zwei Jamben folgenden Daktylus: das bedeutet, daß zwei Akzente an der Zäsur zusammenfallen, während die beiden folgenden unbetonten Silben im Vergleich dazu >wegsinken

 Tags:
Der  Garten  Theophrast  -  Peter  Huchel    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com