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Gedichte aus unserer zeit - interpretationen

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Chopin - Gottfried Benn



Nicht sehr ergiebig im Gespräch, Ansichten waren nicht seine Stärke, Ansichten reden drum herum, wenn Delacroix Theorien entwickelte, 5 wurde er unruhig, er seinerseits konnte die Notturnos nicht begründen.
      Schwacher Liebhaber; Schatten in Nohant, wo George Sands Kinder 10 keine erzieherischen Ratschläge von ihm annahmen.


      Brustkrank in jeder Formmit Blutungen und Narbenbildung,die sich lange hinzieht; 15 stiller Todim Gegensatz zu einemmit Schmerzparoxysmenoder durch Gewehrsalven:man rückte den Flügel an die Tür 20 und Delphine Potockasang ihm in der letzten Stundeein Veilchenlied.
      Nach England reiste er mit drei Flügeln:
Pleyel, Erard, Broadwood, 25 spielte für 20 Guineen abendseine Viertelstundebei Rothschilds, Wellingtons, im Strafford Houseund vor zahllosen Hosenbändern;verdunkelt von Müdigkeit und Todesnähe 30 kehrte er heimauf den Square d'Orleans.
      Dann verbrennt er seine Skizzen und Manuskripte,nur keine Restbestände, Fragmente, Notizen, 35 diese verräterischen Einblicke —, sagte zum Schluß:
»meine Versuche sind nach Maßgabe dessen vollendet, was mir zu erreichen möglich war.«

Spielen sollte jeder Fingermit der seinem Bau entsprechenden Kraft

   der vierte ist der schwächste
.
      Wenn er begann, lagen sieauf e, fis, gis, h, c.
      Wer je bestimmte Präludien

   von ihm hörte,sei es in Landhäusern oderin einem Höhengeländeoder aus offenen Terrassentürenbeispielsweise aus einem Sanatorium,

   wird es schwer vergessen.
      Nie eine Oper komponiert,keine Symphonie,nur diese tragischen Progressionenaus artistischer Ãœberzeugung

   und mit einer kleinen Hand.
      Dieses Gedicht hat in der deutschen Lyrik einen neuen Typus begründet: das biographische oder Porträt-Gedicht, das in der europäischen Literatur seine Vorbilder hatte bei Perse, Auden, Lautreamont, Hughes, Vittorini, Majakowski. Benns Porträtgedicht hat in der modernen deutschen Lyrik entscheidend weitergewirkt: fast alle modernen Lyriker haben sich in dieser Art von biographischen Gedichten versucht, z. B. Huchel, Krolow, Fritz, Piontek, Bobrowski, Rühmkorf, Wolken, Schnurre, aber auch viele poetae minores prägen ihre Münzen mit dem gleichen Prägestock. Brechts Absicht war die Darstellung einer entscheidenden Episode aus dem Leben des Lao Tse, das Porträt-Gedicht vom Typ des Bennschen Gedichts »Chopin« dagegen kombiniert einige wichtige Szenen aus dem Leben eines Künstlers in der Weise, daß durch diese Verbindung der Ausdruck einer Wesenstotalität erreicht wird. Nicht eine Geschichte aus dem Leben einer Person, sondern die individuelle Eigenart eines Menschen rückt in den Blickpunkt. Das Gedicht besteht aus sieben verschieden langen Versabschnitten, die Sprache ist prosanahe »parlando«, ohne Nachdruck, kühl, ohne besonderen Gefühlsauf-wand, sachheh-benchtend. In betontem Kontrast zu dieser Sprechweise stehen einige Sätze, die stark mit Emotionen geladen sind, z. B. »verdunkelt von Müdigkeit und Todesnähe / kehrte er heim« oder »[...] Delphine Potocka / sang ihm in der letzten Stunde / ein Veilchenlied«. Das Gedicht, das auf den ersten Blick so einfach wirkt, zeigt nicht nur in seinem Sprachbestand ein genau kalkuliertes Gefälle, es istin seiner ganzen Machart ein sehr komplexes Gebilde, das aus der Spannung zwischen den einzelnen Teilen, aus Kontrasten und überraschenden Ãœberschneidungen lebt.
      Ãœber den modernen literarischen Stil sagt Benn einmal: »Der Stil der Zukunft wird der Roboterstil sein, Montagekunst. Der bisherige Mensch ist zu Ende, Biologie, Soziologie, Familie, Theologie, alles verfallen und ausgelaugt, alles Prothesenträger«1. Selbst wenn man diesen Pessimismus heute als ein wenig wohlfeil empfindet, so bleibt doch die Tatsache, daß viele Gedichte Benns ihre Faszination durch die überraschenden Kombinationen und erregenden Synkopierungen der Elemente gewinnen, »[...] da es für den inneren Menschen Raum und Zeit und Ãœbergänge nicht gibt [...]«, stellt der Schriftsteller der Moderne »die einzelnen Sätze und Absätze ohne Motivbezeichnung« hintereinander, er verfährt »blockartig«2. Diese Technik wendet Benn in seinem Gedicht »Chopin« an. Im ersten Block werden die Pariser Jahre und die Freundschaft Chopins mit dem Maler Delacroix dargestellt, ohne sprachliche oder thematische Verbindung mit dem Vorhergehenden folgt im zweiten Versabschnitt die Schilderung der Jahre, die der Musiker mit George Sand abwechselnd in Paris und Nohant zubrachte. Dann erscheint auch schon Krankheit und Tod des Künstlers. Benn verfährt nicht linear chronologisch; nach der Schilderung »der letzten Stunde« erscheint Chopins Reise nach England, im nächsten Abschnitt richtet sich der Blick wieder auf den Todestag Chopins, den 17.Oktober 1849.
      In seiner »Totenrede für Klabund« sagte Gottfried Benn über den verstorbenen Dichter: »Oft auch sah ich Veilchen in seinem Zimmer, die Lieblingsblumen Chopins, eines anderen Krankheitskameraden. Einmal lasen wir zusammen die letzten Worte Chopins, die er an seinem Todestag schrieb, sie lauteten: »Meine Versuche sind nach Maßgabe dessen vollendet, was mir zu erreichen möglich war« — das Abschiedswort eines wahren Künstlers, der das Fragmentarische des Individuellen erlebt hatte, ein Wort von Stille und Zurückhaltung [.. .]3. Benn hat dieses Zitat in sein Gedicht ebenso »einmontiert« wie die Äußerungen des Künstlers über die Technik des Klavierspiels, selbst der Ausdruck »nur siamesisch zum Mittelfinger« stammt von Chopin. »Wer je bestimmte Präludiem / von ihm hörte [. . .]«, Benn wendet sich jetzt an seine Leser. Der Schlußabschnitt zieht ein Resümee: für Benn, in dessen Leben weder Gemälde noch Musik noch Theater eine bedeutende Rolle gespielt haben, ist der Musiker Chopin der Prototyp des Artisten, des Künstlers, ein weiteres Beispiel für seine These, daß die Kunst nicht von vitalen Naturen, sondern von gefährdeten, zerstörten Existenzen geschaffen wird. In dieser Hinsicht fühlt sich der Lyriker mit dem Musiker verwandt. Man wird an die erste Zeile des Gedichts erinnert, wenn Benn einmal von sich selbst sagt: »Unterhaltlich bin ich kein Matador, ging nie auf Feten [.. .]«
Durch den Wechsel der Tonarten, der Motive und Blickrichtungen, durch eine Zeitstruktur, die nicht den Gesetzen einer linearen Chronologie, sondern den Forderungen einer poetischen Gesetzmäßigkeit gehorcht, wird das Gedicht gleichsam in Schwingung versetzt. Medizinische Diagnostik kontrastiert mit dem Lied der Sängerin in der Todesstunde Chopins, das Schattendasein in Nohant mit seinen

Erziehungsversuchen, genaue Berichte über die Marke der Flügel, die er nach England mitnahm, über sein Honorar und die erlauchten Zuhörer stehen in einem kunstvollen Gegensatz zu den Todesahnungen des Künstlers, und die musiktechnischen Informationen überschneiden sich mit unmittelbar folgenden Erinnerungen an die melancholische Schönheit seiner Musik. Die Gegenführung von Vergangenheit und Gegenwart, von kühlem Sachverhalt und verhaltener Emotion, von Einzelnem und Allgemeinem, von mikroskopischer Genauigkeit und Gesamtperspektive, von Banalität und innerer Anpassung schafft die Komplexität, die prismatische Struktur des Gedichts. Obwohl der letzte Abschnitt eine Wesensdeutung Chopins versucht, ist das Gedicht nicht auf den Schluß hin angelegt. Es verweilt vielmehr ohne Hast bei den einzelnen Episoden, die schon durch die freie Behandlung der Zeitverhältnisse voneinander abgehoben und in ihrer relativen Selbständigkeit betont werden. Dies ist ebenso ein Kennzeichen des epischen Stils wie die Technik der Kontrastierung. »Denn auch der Kontrast will noch als vorzüglich episches Kunstmittel gewürdigt sein. Er ist, wie das Ãœberbieten, nicht durch das Kommende, sondern von rückwärts her, durch das eben Dargestellte bestimmt5.

     

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Chopin  -  Gottfried  Benn    





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