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An die Nachgeborenen - Bertolt Brecht



I

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn

Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.
Was sind das für Zeiten, wo

Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde

   Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
      Zufällig bin ich verschont. eine Art Lähmung unter Antifaschisten und mit ihnen sympathisierenden Arbeitern und Intellektuellen verbreiteten.
      Die vorletzte Strophe des dritten Teils bedeutet in der Diktion Brechts wahrscheinlich nicht nur wörtlich die Verzerrung der Gesichtszüge und das Heiserwerden der Stimme, sondern auch die Entstellung von Wesenszügen und Sprache und die Erklärung dieser Erscheinungen, die durch diese Erklärung keineswegs ganz entschuldigt, sondern nur der Nachsicht der Nachgeborenen empfohlen werden sollen.
      Abschließend möchte ich diese Betrachtungen mit einigen Versen, die ich fast vier Jahrzehnte nach dem Entstehen von Brechts An die Nachgeborenen geschrieben habe und die vielleicht deutlicher als Prosakommentare zeigen können, wie nahemir und vielen, denen ich Brechts Gedicht vorgelesen habe, diese Dichtung heute noch ist:

Noch vor der Zeit
Ich lese den Nachgeborenendas Gedicht Bertolt Brechts
AN DIE NACHGEBORENEN voraus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg
Schon den ersten Teil der anfangt und aufhört mit den Worten »Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!« muß ich den Nachgeborenen nicht erklären
Sie nicken voll Verständnis bei jeder Einzelheit mit der der Dichter die Finsternis seiner Zeiten beschrieben hat. Sie finden sein Gedicht ihrer eigenen Zeit auf den Leib geschrieben
Diese unmittelbare Verständlichkeithätte den Dichter, obwohl er sonst immer bestrebt war,verstanden zu werden,eher traurig macht.

 Tags:
An  Nachgeborenen  -  Bertolt  Brecht    


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