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Gedichte aus unserer zeit - interpretationen

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An alle Fernsprechteilnehmer - Hans Magnus Enzensberger



etwas, das keine färbe hat, etwas,das nach nichts riecht, etwas zähes,trieft aus den Verstärkerämtern,setzt sich fest in die nähte der zeitund der schuhe, etwas gedunsenes, kommt aus den kokereien, blähtwie eine fahle brise die dividendenund die blutigen segel der hospitäler,mischt sich klebrig in das getuschelum professuren und primgelder, rinnt,


   etwas zähes, davon der salm stirbt,in die flüsse, und sickert, farblos,und tötet den butt auf den bänken.die minderzahl hat die mehrheit,die toten sind überstimmt.

   in den Staatsdruckereienrüstet das tückische blei auf,die ministerien mauscheln, nach phloxund erloschenen resolutionen riechtder august. das plenum ist leer.

   an den himmel darüber schreibtdie radarspinne ihr zähes netzt.die tanker auf ihren helligen wissen es schon, eh der lotse kommt, und der embryo weiß es dunkel

   in seinem warmen, zuckenden sarg: es ist etwas in der luft, klebrig und zäh, etwas, das keine färbe hat : gegen uns geht es, gegen den seestern 30 und das getreide, und wir essen davon und verleiben uns ein etwas zähes, und schlafen im blühenden boom, im fünfjahresplan, arglos schlafend im brennenden hemd,

   wie geisein umzingelt von einem zähen, farblosen, einem gedunsenen Schlund.

     
»etwas, das«. Der Schreiber findet sich nicht damit ab, das Unbekannte unbekanntsein zu lassen. Er versucht es zu qualifizieren, sich seiner zu bemächtigen, indem er Worte dafür sucht, die ihm noch nicht zur Hand sind. Er stellt dem namenlosen Etwas eine Falle, indem er einen Relativsatz anhängt.
      Der erste Halbsatz ist pleonastisch. [...] Dagegen ist der zweite Halbsatz ein kleiner Schritt voran. »Etwas« verliert seine Leere. Es wird aus einer nichtssagenden Abstraktion zu einem Gegenwärtigen. Man kann es anfassen. Keinem Sinn glauben wir unbedenklicher als dem Tastsinn. Er meldet: »Etwas Zähes«. Das ist schon eine Art von Gewißheit. Sie nimmt freilich der Erscheinung das Beunruhigende nicht. Zwar hat sie eine Eigenschaft gewonnen, aber immer noch keinen Namen. Und die Eigenschaft, die ihr zugeschrieben wird, macht sie faßlicher, aber nicht angenehmer; ja sie erweckt sogar Ekel. Wer das Zähe anfaßt, beschmutzt sich die Finger. Er verwickelt sich in die Fäden, welche das, was zäh ist, zieht. Es ist schwierig, sich vom Zähen zu befreien. Das haftet und klebt. Fast könnte man sagen: Man ist sein Gefangener, wenn man es berührt.
      Das Etwas breitet sich aus, und da es zäh ist, bröckelt es weder, noch rinnt es, sondern es »trieft«. Auch dieses Verbum rührt, nebenbei bemerkt, an die Sphäre des Ekels. Und nun legt der Schreiber es darauf an, sein Etwas zu lokalisieren. Ein Verstärkeramt ist eine Einrichtung, deren sich jedermann bedient, ohne sich ihrer Existenz und Funktion bewußt zu werden. Jedes Ferngespräch, das wir führen, geht über ein solches Amt. Es läuft über eine Zentrale, wo die Schwachstromimpulse elektronisch verstärkt werden. Solche Zentralen liegen gewöhnlich irgendwo auf dem Land, unscheinbare Gebäude, in deren Kellern die Automaten ihre Arbeit verrichten. Aus ihnen soll nun, dem Gedicht zu glauben, etwas Zähes triefen. Dieses Etwas ist offenbar in der technischen Zivilisation, und zwar in ihren verborgenen Nervenzentren zu Hause: mithin kein ahistorisches Gespenst, sondern etwas, das sich in der Geschichte, in unserer Geschichte ausbreitet, ohne daß wir es auf Anhieb beim Namen nennen könnten. Die Folgen dieser Ausbreitung sind verhängnisvoll, wenigstens für jene Ordnung der Welt, die ihrer technischen Organisation vorausgeht, also die kreatürliche; denn es stirbt daran, wie der Text sagt, »der salm in den Aussen« und »der butt im meer«.
      Auch die Radarspinne gehört zum Inventar der Technik. Ihr Begriff stammt aus der Funk-Navigation. Dort bezeichnet sie ein Koordinatensystem, das den Radarschirm nachbildet - ein sogenanntes Nomogramm, das in der Tat einem Spinnennetz gleicht. Der Schreiber des Textes verwendet das Wort »Radarspinne« nicht in seinem terminologischen Verstand, so wie es in einer technischen Abhandlung erschiene; er nimmt es buchstäblich, er nimmt es beim Wort, er zitiert es gewissermaßen. Jedermann weiß, daß ein unsichtbares Netz von Peilstrahlen und Koordinaten unsern Himmel überzieht, ein Netz, das auf den aeronautischen Karten erscheint und für jeden Piloten unentbehrlich ist, obschon wir von ihm sowenig Notiz nehmen wie von den Verstärkerämtern. Der Gedichtschreiber macht sich das Kunstwort zunutze. Er meint nicht mehr, oder nicht allein, das Nomogramm der Navigatoren, sondern eine wirkliche, wenngleich unsichtbare Spinne, die unsern Himmel zuwebt, und das heißt: ihn als das, was er eigentlich ist, verdeckt. In den

Fäden, welche die Spinne zieht, kommt übrigens das Zähe wieder zum Vorschein, das zu dem namenlosen Etwas gehört. Weil es so zäh ist, kann das Netz der Radarspinne nicht mehr zerreißen, sowenig wie das Telefonnetz. Und schließlich ist der Vorgang am Himmel verborgen wie die Verstärker in ihren Kellern. Niemand nimmt davon Notiz, sowenig wie vom Sterben des Salms. Das Leben geht weiter, es ist Sommer, der Phlox blüht, als wäre nichts der Fall, und es werden nach wie vor Resolutionen gefaßt; sie wuchern wie jene Sommerblumen, die so vorlaut duften.
      Mit dem Wort »Resolutionen« steuert der Verfasser des Textes die Sphäre der Politik an. Was hat das »zähe Etwas« des Gedichts mit ihr zu tun? Daß es geschichtlichen Wesens ist, nicht zeitlos wie Tod oder Schwerkraft, hat sich in den ersten Zeilen schon ausgesprochen. Aber auch die Politiker beschäftigen sich mit ihm. Das Zähe, das sich ausbreitet, geht alle an. Es ist keine private Sache. Ob ihm freilich mit Resolutionen gerecht zu werden und, falls nötig, zu wehren ist, bleibt offen. Die Grundbewegung des Gedichts ist deutlich: ein fortwährendes Suchen und Einkreisen. Wie aber soll diese Bewegung sistiert werden? Theoretisch scheint es auf eine Sammlung von immer neuen Attributen für sein Subjekt, das »Etwas« hinauszulaufen, von dem so viel die Rede ist.
      Der Schreiber tastet sich weiter vor in die technische, in die verwaltete Welt, in der sich »etwas« ausbreitet. Das Zähe steigt in den Kokereien auf und verunreinigt die Luft. Die Tanker auf der Werft sind bereits seine Mitwisser, ehe sie zum erstenmal auslaufen, »eh der lotse kommt«. Hier meldet sich von neuem die Navigations-Metapher an. Das Schiff befindet sich schon im Netz, dem Netz der Radarspinne, ehe es überhaupt von Stapel geht, will sagen: Es ist im Hinblick auf jenes Netz von vornherein gebaut, es ist auf unser Etwas ganz und gar angewiesen, nicht imstande, seinen Kurs ohne diese verstrickende Hilfe zu finden. Das Gemauschel der Ämter, die leere Gestikulation und der unverständliche Jargon antworten auf die Resolutionen der Politiker. Aber auch der Geist, die sogenannte Kultur, ist gegen das Zähe nicht immun, sondern handelt mit ihm, geht eine schwer durchschaubare Kom-plizität damit ein, knüpft heimliche Gespräche mit ihm an. Daher das Getuschel, das um die Professuren geht. Es ist etwas Tückisches an diesem halben Einverständnis des Geistes mit dem Etwas, das sich nicht benennen läßt. Wäre er nicht verpflichtet, dem, was sich namenlos ausbreitet, sein wahres Wesen zu entreißen, es ans Licht der Aufklärung zu rücken, es zu erforschen und zu exponieren, statt sich schlechten Gewissens mit ihm zu verabreden? In den Druckereien treten die Früchte dieser Verabredung ans Licht. Das Metall der Lettern enthält ein tückisches Gift. In den Druckereien, wo das zähe Etwas trieft, wird das Blei zu einem strategischen Rohstoff, dienstbar der geistigen, der ideologischen Aufrüstung. Mit dem Wort »aufrüsten« kehrt der Text zur Politik zurück und macht zumindest eine Ansicht jenes Etwas, von dem er ausgeht, dingfest. Gegenwärtig ist es überall, wo aufgerüstet wird. Jede Aufrüstung aber richtet sich beim gegenwärtigen Stand der Dinge nicht gegen einen abgrenzbaren Feind, sondern gegen »uns«, nämlich alle. Mit dem »wir« des letzten Satzgliedes erreicht der Text sein Ziel, ein zweites Subjekt, das dem ersten, dem »zähen etwas«, gegenübertritt. Dieses Wir widersteht dem Zähen, dassich ausbreitet, als sein Opfer oder als sein Herz und stellt es damit fest. Formal sisytiert es die suchende, aufzählende Bewegung des Textes und bewirkt sein Ende. Ich resümiere: Das Etwas [...] breitet sich unaufhaltsam aus, ist unsichtbar, für den gewöhnlichen Sterblichen nicht festzustellen, obwohl er direkt davon betroffen wird, obwohl täglich Resolutionen dagegen verfaßt werden. Das ist eine Beschreibung der Radioaktivität und ihrer Wirkungen - oder könnte es zumindest sein. Atomenergie treibt Tanker an, dient der Energieerzeugung, gefährdet Luft und Wasser, verseucht Himmel und Meer. Das Wort »aufrüsten«, das in dem Text vorkommt, scheint diese Auslegung zu besiegeln.
      Sie ist dem Schreiber willkommen, er bestreitet sie nicht. Dagegen bestreitet er, daß sie die einzig mögliche ist, daß sie den Text erschöpft.
      Gewiß, die Radioaktivität geht »gegen uns« - aber nicht nur sie. Sie tötet »den butt im meer« - aber nicht nur sie. Jenes Etwas des Gedichts ist umfassender als jede Qualifikation, jede Einzelbedeutung, die es annehmen kann. »Etwas, das« ist der Name oder vielmehr das Anonym dessen, was die einzelnen Bedrohungen, denen wir ausgesetzt sind, überhaupt erst ermöglicht. Bedrohungen übrigens, die sich nicht nur gegen uns, sondern auch gegen Tier und Pflanze richten, alles was lebt, »die austern und das getreide«. Wir begegnen ihnen schlafend. Ohne es zu wissen, sind wir bereits Gefangene des Zähen, seine »geisein«. Dieses Wort bezeichnet Menschen, die einer Gefahr besonders ausgesetzt sind und deren Möglichkeiten zur Gegenwehr besonders beschränkt sind. Geiseln werden über ihre wahre Lage gern im unklaren gelassen: man verbindet ihnen die Augen. Die Deutschen sind ja, freilich ganz allein durch eigene Schuld, heute so etwas wie die Geiseln der Weltpolitik: Sie werden, wenn überhaupt jemand, als erste erschossen. [...] Es ist also ohne Zweifel ein politisches Gedicht. [...] Ich glaube, und unser Beispiel scheint mir recht zu geben, daß die politische Poesie ihr Ziel verfehlt, wenn sie es direkt ansteuert. Die Politik muß gleichsam durch die Ritzen zwischen den Worten eindringen, hinter dem Rücken des Autors, von selbst. Er ergreift nicht Partei für diese oder jene Fraktion. Das Etwas, von dem er spricht, trieft über Partei-und Ländergrenzen, ebenso wie die radioaktiven Isotope in der Luft. Nachzutragen ist zu diesem Text die Überschrift. Ich halte den Titel für einen unentbehrlichen Teil des Gedichts. Er kann als Nenner oder Schlüssel, aber auch als Falle oder Siegel fungieren. [...] Im gegenwärtigen Fall habe ich mich für eine Überschrift entschieden, die als ironische Adresse wirkt. Wenn es in dem Gedicht heißt »gegen uns geht es«, so sind damit alle gemeint. »An alle« hätte die Anschrift zu lauten, mit der es zu versehen wäre. Ein lauter, bellender und undeutlicher Titel, kahl, ohne Mehrwertigkeit, ohne inneren Bezug auf den Text. Ich greife deshalb eine Phrase auf, die man zuweilen auf Postwurfsendungen liest, auf Massendrucksachen, mit denen dem Empfänger eine Seifenmarke, ein Weg zum ewigen Leben oder ein Abgeordneter empfohlen wird, und setze sie über das Gedicht. Mein Titel lautet: an alle fernsprechteilnehmer.
      Offen bleibt, was ein Gedicht eigentlich ist, ob es sich bei dem vorliegenden Text überhaupt um ein Gedicht handelt. Das ist ein Titel, den nicht der Autor zu vergeben hat.

Der Sinn des vorliegenden Gedichts erschließt sich dem Leser ohne große Schwierigkeiten. Es erübrigt sich daher, im einzelnen auf die Bedeutung einzugehen, selbst wenn sich darüber streiten läßt, ob es sich bei dem Unheilvollen und Bedrohenden, das im Gedicht zur Sprache kommt, um den Atomausfall, die Wirkungen der Bombe selber oder um alle von der moralisch indifferenten Findigkeit des Menschen heraufbeschworenen Vergiftungs- und Vernichtungserscheinungen handelt. Interessanter ist die Frage, wie das Bedrohende im Gedicht strukturiert, mit welchen Mitteln es zum Ausdruck gebracht wird. Die Untersuchung des Wie ist wichtiger als die des Was. Denn das Was ließe sich auch in einer Proklamation oder, um Enzensbergers Worte zu gebrauchen, auf »Plakaten« oder »Flugblättern« mitteilen. Die Erkenntnis des Wie aber ermöglicht eine Aussage über Wert und Wirksamkeit des Gedichts.
      Das Ganze des Gedichts, so will es die organologische Methode und das traditionelle Gesetz der Hermeneutik, ist induktiv aus seinen Teilen zu verstehen. Eine vorläufige, durch bestimmte Worte oder bestechende Bilderbedingte subjektive Resonanz bildet die Grundlage kritischen Verständnisses. Danach folgt die Erkenntnis. Das indefinite Pronomen »etwas«, dieser unbestimmte Mengenbegriff, steht syntaktisch als Subjekt der ersten und letzten, inhaltlich funktional aber auch als Subjekt der anderen Strophen. »Etwas«, das insgesamt achtmal vorkommt, bildet, als Unbestimmtes und Ungreifbares, das Leitwort des Gedichts. In der ersten Strophe wird in einem einzigen Satz versucht, das Eigentümliche dieses »etwas« zu fassen; es wird gesagt, wo und in welcher Form es auftaucht. Die ersten beiden Zeilen bringen es, von Nebensätzen umkreist, in dreifacher Wiederholung und fixieren es dann zum ersten Mal in einem appositionellen Attribut als etwas »zähes«. Dieses »Zähe« ist färb- und geruchlos, gedunsen, klebrig und fahl. Der Dichter sagt, es triefe, es setze sich fest, rinne, sickere und töte. Doch das unsichere Suchen nach einengender Bestimmung erzielt die gegenseitige Wirkung: größere Unbestimmtheit und völlige Verständnislosigkeit gegenüber diesem »etwas«. Es scheint so viele Eigenschaften zu besitzen, daß es im einfachen Wort nur andeutungsweise auszuhalten ist. Seine unheimliche Wirkung wird durch bestimmte Kunstgriffe, das concetto vor allem, suggeriert. Diesem Kunstmittel gewinnt Enzensberger erschreckende Uberraschungseffekte ab. Das concetto, also die concordia discors von Begriffen und Bildern, wendet er hier in der Fornrdes Zeugma an. Das triefende,zähe »Etwas«setzt sich fest in die nähte der zeitund der schuhe
Indem der konventionelle Genetiv »nähte der schuhe« durch den raffinierten Einschub »der zeit« gesprengt ist, wird durch die Heterogenität der so koordinierten Worte Überraschung und Spannung erzeugt und das Unpassende, das Unnatürliche ins Gedächtnis gerufen. Diese Figur verdeutlicht das hartnäckig Durchdringende dessen, was der Dichter zu fassen sucht. Die »zeit« charakterisiert er als ein künstlich Zusammengesetztes und durch die »schuhe« wird angedeutet, wie nahe uns dieses Etwas auf den Leib rückt. Dadurch aber nimmt es bereits hier Aspekte der letzten Strophe vorweg.

     
Das »semantisch komplizierte Zeugma« erscheint wieder in den Zeilen.
      [...] bläht wie eine fahle brise die dividenden und die blutigen segel der hospitäler
Ein außergewöhnliches, ein grauenerregendes Bild, das das vorhergehende verdeutlichend weiterführt und eine Verstärkung der erschreckenden Wirkung erzielt, wie sie sich prägnanter in zwei Zeilen wohl kaum darstellen läßt. Auffällig ist der Anklang an die Schlußstrophe von Trakls Gedicht Winterdämmerung:
Kirchen, Brücken und Spital Grauenvoll im Zwielicht stehen. Blutbefleckte Linnen blähen Segel sich auf dem Kanal.
      Um dieses Bild in seinen Einzelheiten zu deuten, wäre mehr Raum nötig, als mir zur Verfügung steht. In ihm ist das Fragliche und Ungeheuerliche des ganzen Gedichts in einem wichtigen Aspekt zusammengefaßt und der Schluß vorweggenommen oder doch zumindest angedeutet. Es lohnte sich, die von diesem Bild ausstrahlenden Assoziationen auf andere Teile des Gedichts zu prüfen und herauszufinden, wie sehr sie, vor allem in dem in diesen Zeilen verschwiegenen, ihre Entsprechung fanden. Denn auch das Verschwiegene, ja dies besonders, gilt es zu beachten, das mir, in vielleicht vereinfachenden Worten, im Heilen und Natürlichen zu liegen scheint. Im Grunde ist ja der Gegensatz zwischen Heilem und Unheilem, Leben und Zivilisation, Natur und Unnatur das eigentliche Thema des Gedichts. Deutlich ist dies angeschlagen in der mesozeugmatischen Figur der dritten Strophe:
[. ..] nach phlox und erloschenen resolutionen riecht der august [...]
Diesmal steht der überraschende Teil der zeugmatischen Figur in der Mitte. Ganz offensichtlich ist die Antithese zwischen »phlox« und »erloschenen resolutionen«. Letztere werden durch die knappe Feststellung: »das plenum ist leer« erweitert. Beide Formulierungen sind Ausdrücke des gegenwärtig Zivilisatorisch-Politischen und deuten unmittelbar auf den Bereich, wo die Verantwortung für das »etwas« zu suchen wäre. Antithesen im Sinne des Grundthemas finden sich auch in den nächsten Zeilen: zwischen »himmel« und dem »zähen netz der radarstrahlen«, zwischen den Tankern, noch vor ihrem Auslauf, und den Ungeborenen, die einen Gefahr in sich bergend, die anderen künftigen Gefahren ausgesetzt. Nachdem so das Ungeheuerliche am Ende der dritten Strophe abgesteckt, durch Anspielungen, durch paradoxe Äußerungen , durch Bilder, rhetorische Figuren und sonstige Stilmittel umkreist wurde und damit das Bedrohliche dem Leser stärker ins

Bewußtsein gerückt ist, beginnt die letzte Strophe mit zusammenfassend wesentlichen Worten aus der ersten Strophe, die jetzt jedoch auf die vorbereitete Bewußtseinsebene des Lesers treffen. Die thematischen, das Unheimliche bezeichnenden Schlüsselworte stehen in eindringlicher Betonung am Anfang und Ende der Strophe. Doch jetzt wird der an der Zivilisation teilhabende Mensch , nämlich wir selber, angesprochen. Das Ich des Gedichts tritt nun in der ersten Person auf. Die Dringlichkeit wird Sprache. Einfache Bilder, wie »seestern« und »getreide«, erscheinen als Sinnbilder des Lebens. In dem scheinbar ungeschickten und unpoetischen Wort »einverleiben« findet sich der Brennpunkt von Thema und Struktur. Der Mensch macht das Bedrohliche, das, was den »salm« und den »but« tötet, »arglos« und indifferent zu einem Teil seines Lebens. Man kann sich kaum treffendere Bilder für das den Menschen Bedrohende, für sein Ausgesetztsein und das unabänderlich Hoffnungslose seines Lebens vorstellen als die Bilder dieser letzten Zeilen. Ein farblos gedunsener »Schlund« »umzingelt« ihn. Hier sind die überlieferten Bilder des Abgrundes seit Hölderlin, Jean Paul und Baudelaire um eine neue Dimension erweitert, nämlich die des Grauens, das durch die Hybris menschlicher Erfindungsgabe und die damit verbundene moralische Indifferenz hervorgerufen wird. Das Leben, die Natur, die eine thematische Komponente des Gedichts, wird vergiftet durch jene andere, das ungeheuerliche und nicht zu fassende Etwas, das sich ins Leben hineinfrißt. So gelingt, wenn man die thematische Struktur des ganzen Gedichts überblickt, dem alexandrinischen Stilvermögen des Dichters, das aus der Kombination disparater Elemente innerhalb des Gedichts überraschende Wirkungen erzielen will, eine wahrhafte discordia Concors.

     























Bildlich bewegt sich dieses Gedicht fast gänzlich im Naturbereich, ohne jedoch zu sein, was wir ein Naturgedicht nennen. Es verheimlicht nicht, wie viele Naturgedichte der Romantik, daß es ein Gleichnis ist, und zwar ein Gleichnis, das nicht, von der romantischen Methode ausgehend, in der Natur ewig gültige Gesetze zu erkennen meint, welche ihre Entsprechungen im menschlichen Dasein haben, sondern gesellschaftliche Bedingtheiten in das Kostüm der Natur kleidet, ihre Details benutzt, um das Abstraktum des Gedankens anschaulich zu machen. Dabei ist das Naturbild nicht konsequent verwirklicht; die erste Strophe enthält nur eine versteckte Anspielung: Natur ergibt sich durch eine aus dem Kontext zu erschließende Assoziation und kommt erst in der zweiten und allen weiteren Strophen ins Wort. Das möchte ich näher erläutern.
      Die erste Strophe bezieht ihren Inhalt wie ihren Ton direkt aus dem Märchen; ist, auf synekdochische Weise eine Partikel fürs Ganze setzend, das Märchen selber, und zwar eines von denen, wo Kinder sich im Walde verirren, etwa Hansel und Gretel oder das vom Däumling, Weinen und Greinen, letzteres als Negativform des Weinens, gehören zum Märchentopos; ein weiteres Märchen ist als verballhorntes Zitat vorhanden, nämlich Schneewittchen und die sieben Zwerge, wo, wie wir uns erinnern, die heimkehrenden Zwerge ihre Wohnstätte benutzt vorfinden und einander fragen: Wer hat von meinem Tellerchen gegessen, wer hat aus meinem Becherchen getrunken und so fort, doch hier dientdas Märchenhafte als Kontrast für eine ganz unmärchenhafte, realistische und gesellschaftliche Aussage. Durch den Widerspruch von Sprechweise und Gegenstand soll ein Spannungszustand hervorgerufen werden: technisches Unterfangen, welches sich für jedes Gedicht immer aufs neue als Aufgabe stellt. Aber ich will versuchen, meine Behauptungen von der Gesellschaftlichkeit nachzuweisen. Die beiden ersten Worte der ersten Zeile: »Echolos Erdenlos« besitzen beinahe programmatischen Charakter: sie leiten als Zustandsangabe das Gedicht ein, ihre semantische Bedeutung ist zumindest zwiefach; einmal, bezogen auf den Gedichttitel Verlaufen, setzen sie voraus, daß da jemand sich verlaufen, verirrt und gerufen hat, ohne Antwort zu erhalten, sich darum vorkommt, als hätte er die Erde verloren, als wäre er sie los, doch gerade das Wort »Erdenlos« hat es in sich; es verhält sich nicht nur attributiv, sondern vor allem substantivisch und wird dadurch ausgeweitet zum umfassenden Geschick, so daß sich die erste Zeile auch lesen ließe, es sei irdisches Schicksal, ohne Echo, ohne Antwort zu bleiben. Die assonante Reaktion daraufist »Weinen und Greinen«; einmal wirklicher Schmerz, das andere Mal mehr Selbstmitleid. Daß unsere wesentlichsten Fragen unbeantwortet bleiben, ist uns schmerzlich, kränkt uns aber auch, da unser Anspruch auf Antwort nicht erfüllt wird.
      Die nachfolgenden beiden Fragen sind eher erstaunte Feststellungen und bezeichnen den Moment, da das lyrische Subjekt des Gedichts, wenig scharf umrissen, eigentlich nur angedeutet, beunruhigt seiner augenblicklichen sozialen und gesellschaftlichen Lage inne wird, ohne sich gleichzeitig bewußt zu sein, wie es in diese Lage geraten ist. »Wo ist mein Fuß geblieben« enthält dieses Innewerden auf zweierlei Weise; erstens als erneute Frage: Wie denn bloß bin ich hierhergelangt, wo bin ich?, und zweitens als Erkenntnis: Ich habe während meines bisherigen Weges Verluste erlitten, die mir erst jetzt bewußt werden, wobei wiederum unbekannt bleibt, wodurch und wann sie eintraten: eine Offenstelle für den Leser, der seine Erfahrung, seine Selbstsicht in die Lücke einfügen kann.
      »Wer hat von meinem Mütterchen gegessen« - im scheinbar kannibalischen Akt spiegelt sich Ausbeutung, Ausnutzung, ergo die eigene Herkunft aus dem Bereich der Unterprivilegierten, aus der absoluten Majorität.
      Stand der Anfang im Zeichen des Märchens, so gelangt das Gedicht zur Natur über die logische Reihung, denn unausgesprochen und vermittelt war, wie ich sagte, bereits im ersten Vers Natur vorhanden: als der Ort des Verlaufens; der allein durch Märchen-Assoziation anwesende Wald, der sich jetzt konkretisiert durch »Rascheln in Büschen«. Die Konkretion der Umstände jedoch umschließt gleichzeitig eine Steigerung des inneren Zustandes unseres Subjekts. War vordem schon deutlich Bänglichkeit zu spüren, ruft nun das Rascheln in Büschen eine namenlose Bedrohung, eine Eskalation der Angst hervor. Und wie alle Angst, solange es sich um keine lähmende Todesangst handelt, enthält sie auch Hoffnung; noch besteht eine Alternative: falls der Angsterzeuger der Wind ist, wird die Angst grundlos und verschwindet wieder. Was aber, wenn es nicht der Wind gewesen; was wird dann befürchtet? Die Befürchung ist keine einfach-eindeutige, vielmehr eine kompliziert zusammen-gesetzte und vielfaltig motivierte. Kein Ur-Schauder, statt dessen eine vom Bedenken ausgelöste Furcht, und zwar nicht vor dem Tod selber, sondern vor seiner Auswirkung auf die weitere Entwicklung, die im folgenden unpersönlicher und allgemeiner wird durch den Wechsel vom Singular zum Plural des Gedichts. Dies geschieht in dem ebenfalls veränderten, parodistisch klingenden Schiller-Zitat . Aus dem I c h wird W i r, und zwar: Wir Menschen - durch den Rückbezug auf Schiller eben. Welche Entwicklung würde durch den Tod verhindert? Was ist der Kern der Befürchtung?
Daß wir eine hellere Zukunft nicht erreichen - wofür die Lichtung des dritten Verses das Symbol stellt. Das Symbol der besseren, freieren Welt jedoch präsentiert, gleich dem Vers davor, wiederum eine Alternative: zwischen Glauben und Zweifel, also erneut: Hoffnung und Furcht, jetzt aber keine, das Ziel möglicherweise zu verfehlen, sondern als Frage nach der Existenz des Zieles selber. Ist eine bessere Welt überhaupt erreichbar?
Die Antwort liefert wiederum ein Zitat, diesmal ein deutsches Sprichwort, das besagt, man sähe den Wald vor lauter Bäumen nicht. Im Gedicht besagt das: Vor lauter Einzellösungen erkenne man keine Gesamtlösung mehr. Zugleich gelangt das Gedicht im Naturbild an seine gegenständliche Klimax; nach Andeutungen, Hinweisen, Assoziationsauslösern endlich auch wörtlich: Wald und Bäume. Der Schluß wird intensiv alliterierend und assonant betont: »Verdecken welke Wahrheiten alle Wege«, damit der Leser dieses Bildes, mit dem ihn das Gedicht entläßt, sich besonders nachhaltig einpräge: weil es den Leser mit einem Denkauftrag versieht. Denn: aus diesem Zustand der Befürchtungen, der Angst und des Zweifels, der kaum begründbaren Hoffnungen hinauszugelangen und mit diesem Hinausgelangen auf jeden Fall in einen wünschenswerteren und angenehmeren Zustand, einen nicht so sehr individuellen als objektiven, einzutreten, existieren wohl Wege: das sagt die allerletzte Zeile, und gerade sie; doch sie sind von welken Wahrheiten verdeckt: überlebte Ideologien, veraltete Ansichten, irrelevant gewordene Theorien verhindern Lösungsmöglichkeiten: das ist die Quintessenz des Gedichts.
      Es verlockt nicht zur Kontemplation, zum kulinarischen Genuß, es aktiviert ein auf Aktivität gerichtetes Denken, indem es fast aphoristisch eine Barriere, eine Endsituation markiert, eine Grenze, welche das eigene Denken des Lesers überschreiten möge.
      Ich bin mir sicher, daß abweichende Interpretationen möglich sind: kein Gedicht ist mit einer Interpretation, und sei sie durch den Gedichterzeuger selbst vorgenommen, völlig ausgeschöpft und hat alles gegeben, was darinnen steckt. Interpretation ist ja Folge, nicht Ursache; also erweist sich auch die meine hier nicht als Erläuterung einer im Gedicht exekutierten Absicht, vielmehr als ein den Autor selbst überraschender Einblick in sein eigenes Gedicht; wobei diese Überraschung sich der Überzeugung verbindet, die gegebene Erklärung müsse nicht unbedingt die alleinseligmachende oder einzig richtige sein. Poetik beziehungsweise Schreibprinzip und die Produkte eines Lyrikers werdenniemals übereinstimmen. Das eine ist die Theorie, das andere die Praxis, und die Kluft zwischen beiden häufig derart groß wie die auf anderen Gebieten der Realität. Die Verbindung entsteht auf unterschwellige Weise, der gegenseitige Einfluß läßt sich nachweisen, trotzdem kann ohne Verlust der eigenen und eigentümlichen Spezifik nie das eine im andern aufgehen. Ein Gedicht, ausgehend von einer Theorie, bleibt Theorie in veränderter Formulierung; eine Theorie, welche die autonome Erkenntnismethode des Gedichts sich zu eigen machte, würde unverhofft zum Gedicht. Eine Vereinigung beider Bewußtseinsformen gibt es glücklicherweise nicht, selbst wenn sie von den unterschiedlichsten weltanschaulichen Positionen her angestrebt wurde. Und jeder künftige Versuch in dieser Richtung trägt sein Mißlingen in sich.

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