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Abenteuer mit Dichtung - Jürgen Theobaldy



Als ich Goethe ermunterte, einzusteigenwar er sofort dabei

Während wir fuhrenwollte er alles ganz genau wissen
Ich ließ ihn mal Gas geben und er brüllte: »Ins Freie!«und trommelte auf das Armaturenbrett
Ich drehte das Radio voll aufer langte vorn herumbrach den Scheibenwischer ab


   und dann rasten wir durch das Dorf
über den Steg und in den Ackerwo wir uns lachend und schreiendaus der Karre wälzten
Wer ist das eigentlich, mit dem sich Goethe, diesem Bericht zufolge, nach einem Verkehrsunfall johlend auf einem Acker herumgekugelt haben soll? Ich bin es, sagte der Dichter Jürgen Theobaldy, ich habe das Abenteuer selbst erlebt, ich berichte davon.
      Ganz schön respektlos und selbstbewußt dieser junge Mann! Ziemlich rüde plaziert er jedenfalls seinen großen Kollegen auf den Beifahrersitz seines Autos und läßt ihn dort — wen kann es wundern? — einigermaßen desorientiert und täppisch aussehen, während er selbst dem berühmten Mitfahrer gegenüber seine Routine im Umgang mit der seit Goethe fortgeschrittenen Technik stolz und überlegen ausspielen kann.
      Soll hier, wieder einmal, ein Denkmal vom Sockel gestoßen, ein Klassiker demontiert, Goethe als Trottel entlarvt werden?
Der Bericht über Goethes Verhalten während der Autofahrt rechtfertigt diese Vermutung bei näherem Zusehen nicht: Spontan folgte er, so wird erzählt, der Einladung zum Mitfahren, neu- und wißbegierig erkundigte er sich nach allen Funktionen des Vehikels und probierte sie risikobereit selbst aus, mit motorischer Begeisterung genoß er das befreiende und mitreißende Gefühl von Geschwindigkeit und Lautstärke. Dieser Goethe erwies sich bei der gemeinsamen Autofahrt gerade nicht als ein regungsloses Denkmal, sondern als ein höchst lebendiger, übermütiger Gefährte und Kumpan. Das sichert ihm die Sympathie des Berichterstatters. Mit diesem Goethe kann er sich identifizieren und am Ende verbrüdern. Sein Gedicht — selbst zwanglos formuliert, ohne einengende Reime und begrenzende Strophengliederung - rekapituliert den Vorgang, der zu dieser Verbrüderung führt, als abenteuerliche Befreiungsbewegung. Gegen alle Etikette, gegen gesellschaftliche Zwänge und spießbürgerliche Rücksichten drängt es Goethe hinaus »Ins Freie«. Ausder Kerkerszene des Ersten Teils der Faust-Tragödie stammt bezeichnenderweise dieses Zitat, und es signalisiert, hier wie dort, kein konkretes Ziel, zu dem die Befreiung führen könnte, sondern die Bereitschaft zu unbedingter Selbsterfahrung. Die Wegstrecke selbst, die Richtung »Ins Freie«, wohin die Fahrt geht, hat Vorrang vor jedem denkbaren Fahrtziel. Das gemeinsam bestandene Abenteuer wird unter solchen Umständen zu einem Abenteuer der Erfahrung der eigenen Subjektivität. In ihrem Zeichen kommt es am Ende zu der Verbrüderung der Gleichgesinnten. Mit »Dichtung« hat dieses Abenteuer insofern etwas zu tun, als Goethes Verhaltensweise für den Berichterstatter offensichtlich diejenigen Qualitäten demonstriert, die eine subjektive Poesie seiner Auffassung nach haben sollte: Umstandslos spontan soll sie sein und auf Neues aus, experimentierfreudig und an alltägliche Situationen anschließend, lustbetont und freiheitsoffen, also undogmatisch. Die Verbrüderung mit Goethe enthält das Bekenntnis zu einer solchen Dichtung.
      Man sieht: Goethe — natürlich der junge Goethe, der rebellische Stürmer und Dränger, nicht der herzogliche Geheimrat — wird hier bedenkenlos für das Programm der Neuen Subjektivität der siebziger Jahre in Anspruch genommen, als deren Exponent in Theorie und Praxis der 1944 geborene Jürgen Theobaldy gilt. Sein Goethe-Gedicht findet sich bereits in dem 1973 erschienenen Gedichtband »Sperrsitz«. Programmatisch eröffnete es dann den Band »Blaue Flecken« , wo es mit dem Motto Hölderlins korrespondiert: »Komm! ins Offene, Freund!«

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Abenteuer  mit  Dichtung  -  Jürgen  Theobaldy    





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