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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Willkommen und Abschied - Johann Wolfgang von Goethe



Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! Es war getan fast eh gedacht. Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht; 5 Schon stand im Nebelkleid die Eiche, Ein aufgetürmter Riese, da, Wo Finsternis aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah.

      Der Mond von einem Wolkenhügel 10 Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,

Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut: 15 In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!
Dich sah ich, und die milde Freude Floß von dem süßen Blick auf mich; Ganz war mein Herz an deiner Seite 20 Und jeder Atemzug für dich. Ein rosenfarbnes Frühlingswetter Umgab das liebliche Gesicht, Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter! Ich hofft' es, ich verdient' es nicht!
25 Doch ach, schon mit der Morgensonne

Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!

In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden 30 Und sahst mir nach mit nassem Blick:

Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!
Von zweierlei ist die Rede: Die Strophen 1 und 2 schildern den Ritt zur Geliebten, der durch die dunkelnde Landschaft führt, die Strophen 3 und 4 die Begegnung mit der Geliebten und den Abschied von ihr. Landschaft und Liebe — von beiden fühltsich der Erlebende gleich stark betroffen, wenn auch in jeweils anderer Weise: jene wirkt grauenerregend, diese befreiend. So führt das Gedicht aus der Umgebung des Grauens und des Wagnisses in den Bereich der Vertrautheit und der Erfüllung . Trotz der angedeuteten schuldhaften Verstrickung und des Abschiedsschmerzes , die diesen Bereich überschatten, endet es mit einem das Liebesglück bekräftigenden Ausruf.
      Die Natur ist nicht aus nüchterner Distanz beobachtete, sondern aus nächster Nähe erlebte Landschaft. Als eine Abfolge von Vorgängen geschildert, wird sie als bewegte und zugleich bewegende Umwelt empfunden. Aber so unheimlich sie auch den Erlebenden berührt, lediglich mit den Sinnesorganen wahrgenommen, ficht sie ihn letzten Endes nicht an. Vers 14, den die Konjunktion des Gegensatzes »doch« einleitet, verdeutlicht die Distanz zwischen Erlebendem und Erlebtem. Der »fröhliche Mut« in ihm kontrastiert den »tausend Ungeheuern« , die ihn von außen bedrohen. Mit dem Wechsel von außen nach innen, der zugleich den Ãœbergang vom Landschafts- zum Liebeserlebnis darstellt, knüpft der Schluß des ersten Teils ummittelbar an den Anfang des Gedichtes an. Die ins Unpersönliche gewendeten Sätze in den Versen 1 und 2 zeigen, daß der Sprechende seinem Gefühl wie einer unkontrollierbaren Macht ausgesetzt zu sein scheint. Der frohlockende Ausruf der Verse 15 und 16 hingegen deutet daraufhin, daß der Sprechende dieses Gefühl als eine befreiende Kraft bejaht. Identität von Person und Gefühl stellt sich schließlich in Vers 16 ein. Beim Anblick der Geliebten formuliert sich das von Liebe erfüllte Ich. Anstelle der Metaphern, vorherrschend im ersten Teil, häufen sich im zweiten Personalpronomen. Spannungsvoll aufeinander bezogen, korrespondiert das Du dem Ich in der Liebenden Begegnung. Trotz der zahlreichen gefühlsgeschwellten Wendungen bleibt die sprachliche Gestaltung dieser Begegnung im Vergleich zu der von Hyperbeln durchsetzten und dadurch vieldeutigen Naturbeschreibung einfach, d. h. eindeutig. Ein Passiv und ein Aktiv verdeutlichen in knappster Form das Wesen der empfundenen Liebe. Was im zweiten Teil des Gedichtes noch als Bewegung erfaßt werden kann, vollzieht sich als Wechsel zwischen dem Du und Ich. Verben der Bewegung finden sich nur an zwei Stellen, und zwar dort, wo die Liebenden einander begegnen und sich voneinander trennen . Den im ersten Teil wahrgenommenen äußeren Raum überlagert ein innerer, spürbar in Begri ffen wie »milde Freude«, »süßer Blick«, »Herz«, »Atemzug« usw. Der Unterschied wird auch im Wechsel des Rhythmus sichtbar. Die nach stakkatohaftem Einsatz gleichmäßig ansteigende und abfallende rhythmische Bewegung wird von Vers 13 ab zunehmend schneller und erreicht in dem stumpf endenden 16. Vers ihren Höhepunkt. Der Zusammenfall von Vers- und Satzeinheit sowie das Fehlen der Verben in den Versen 15 und 16 bewirken diese Beschleunigung. Demgegenüber verlangsamen die hebungsbeschwerten Versanfänge in Vers 16 bis 18 den rhythmischen Fluß. Die unregelmäßige Behandlung des Metrums vergrößert außerdem den Abstand zwischen den einzelnen Akzenten, so daß starktontragende Schlüsselwörter wie »Dich«, »milde«, »Freude« usw. um so deutlicher hervorgehoben werden.
     

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