Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

Index
» Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen
» Was ist die Welt? - Hugo von Hofmannsthal

Was ist die Welt? - Hugo von Hofmannsthal



Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht, Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht, Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht, Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht
5 Und jedes Menschen wechselndes Gemüt, Ein Strahl ists, der aus dieser Sonne bricht, Ein Vers, der sich an tausend andre flicht, Der unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht.

      Und doch auch eine Welt für sich allein, 10 Voll süß-geheimer, nievernommner Töne, Begabt mit eigner, unentweihter Schöne,
Und keines Andern Nachhall, Widerschein. Und wenn du gar zu lesen drin verstündest, Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.
      Sechzehn Jahre alt war Hofmannsthal, als er dieses Gedicht schrieb. Gymnasiastenpoesie also, wenn auch nicht die übliche. Verse eines jungen Wieners, der sich das Leben lesend erschloß und die Schönheit nicht in der Tageshelle des Draußen suchte, sondern in den geheimen Dämmerwelten, die sich ihm in den Büchern auftaten. »Zum Traume sag ich: >Bleib bei mir, sei wahr!< / Und zu der Wirklichkeit: »Sei Traum, entweichet / Das Wort, das Andern Scheidemünze ist, / Mir ists der Bilderquell, der flimmernd reiche«, heißt es in einem gleichfalls 1890 entstandenen kunstvollen Ghasel. Was fangen wir mit dieser frühreifen Verskunst eines Dichters an, der es noch nicht gelernt hat, über den Rand der Bücher hinaus in die Erfahrungswelt zu blicken, was in einer Zeit, die der »süßgeheimen« Töne nun wahrlich entwöhnt ist?
Es sei nicht verschwiegen, daß dieses Sonett nicht zu meinen »Lieblingsgedichten« gehört. Auch häufiges Lesen und häufiger gedanklicher Nachvollzug haben es mir nicht leicht gemacht. Dennoch läßt es mich nicht los. Wäre das Wort für den Umgang mit Literatur nicht zu vollmundig, so könnte ich sagen, es hat sich eine Art Haßliebe zu diesen Versen entwickelt. Die Folge der Bilder, eine melodische Führung der Sätze, die Klangentsprechungen, eine rhythmische Bewegtheit, die uns das metrische Schema des fünffüßigen Jambus vergessen läßt, und die scheinbare Leichtigkeit, mit der die strenge Form des Sonetts erfüllt wird — alles dies nimmt mich gefangen, immer aufs neue. Aber die Haltung, aus der heraus dieses Gedicht geschrieben wurde, und die Lebensperspektive, die ihm zugrunde liegt, befremden mich.
     
So wird das Gedicht zum Beispiel dafür, daß Schönheit in der Kunst durchaus nicht nur Wohlgefallen auslösen und zu Bewunderung oder gar Begeisterung hinreißen muß, daß sie keineswegs volle Hingabe oder Versenkung des Aufnehmenden verlangt, keineswegs immer reinen Genuß gewähren muß. Es gibt eben auch eine poetische Schönheit, die Widerstände oder gar Widerspruch hervorruft, deren unaufhörlicher Reiz gerade darin besteht, uns immer wieder gereizt zu machen. Nennen wir sie das schöne Ärgernis.
      Aus der Metapher des ersten Verses entfaltet sich das ganze Gedicht. In die Vorstellung, daß die Welt ein »ewiges Gedicht« sei, mischt sich scheinbar das Echo auf Nietzsches Wort, Dasein und Welt seien nur als ästhetische Phänomene ewig gerechtfertigt oder zumindest erträglich. Im übrigen offenbart der Verlauf des Gedichtes auf sehr anschauliche Weise ein Gesetz symbolistischer Dichtung: daß nämlich die Metapher und die durch sie umschriebene Sache, das poetische Zeichen und das Bezeichnete ineinander übergehen, ja ununterscheidbar werden. In der ersten Strophe stehen Welt und Gedicht unter den Zeichen der Ewigkeit und der Trinität von göttlichem Geist, Weisheit und Liebe. Die zweite Strophe wendet sich vom Ganzen zum zeitlich begrenzten einzelnen, zum Menschen, zum Vers, der nur das Glied einer Kette ist. Gegen das zweite Quartett des Sonetts setzt der Beginn des ersten Terzetts sein entschiedenes »Und doch«. Der Begrenztheit und Vergänglichkeit hält nun die Autonomie des einzelnen als unberührter schöner Eigenwelt die Waage. Und abgerundet wird der Gedanke der Individualität in der Schlußstrophe durch den der Originalität.
      Die Ausgangsfrage »Was ist die Welt?« gerät über der prächtigen Ausfaltung der Gedicht-Metapher fast in Vergessenheit. Die lyrische Bildlichkeit des Sonetts, die ihrerseits wieder aus dem Bereich der Lyrik schöpft, verselbständigt sich, gewinnt Eigengewicht — jedenfalls in dem Maß, daß hier mit einer Ansicht der »Welt« gleichzeitig ein Dichtungsprogramm entworfen wird, auch wenn man die Metapher des unergründlichen Buches im Schlußvers auf die »Welt« zurückbezieht. Das Gedicht gibt also eine Weltdeutung und eine Poetik zugleich, und es kommt an einen Punkt, wo sich das Verhältnis von Bezeichnetem und Zeichen geradezu umzukehren scheint: nicht die Welt ist ein Gedicht, sondern ein Gedicht ist die Welt. Für den jungen Hofmannsthal war die Dichtung »die« Welt. Und eben diese Ästhetisierung der Welt, der die Dichtung nicht nur als Lebensbereicherung gilt, sondern als Lebensersatz, bringt mich gegen die Verse auf. Die Antwort auf die zunehmende »Poesielosigkeit« unserer heutigen Welt finden wir nicht in der Poe-siesüchtigkeit des jungen Hofmannsthal. Andererseits ist Literatur kein Stoff für Giftschränke. Hoffmannsthals »Was ist die Welt?« kann wie eine Droge sein, aber warum sollte man sich der Faszination nicht überlassen, wenn man sich zugleich mit Mißtrauen wappnet? Walter Hinck
Vergleich Hofmannswaldau, Die Welt — Hojinannsthal, Was ist die Welt?
Gleich ist bei beiden Gedichten die Frage am Beginn und die aus der breit entfalteten Antwort fließende Wendung an ein Du am Schluß. — Hofmannswaldau sprichtbarockes Lebensgefühl aus: Scheidung von Schein und Sein, die sich sprachlich in der Zweiteiligkeit und Antithetik der Fragen und Antworten spiegelt. Das Stilelement der abwandelnden Wiederholung bedeutet Intensivierung der Aussage. Vor allem wirkt eindringlich der gleiche Anfang und der gleiche grammatische und metrische Bau der fragenden und antwortenden Verse, die die erste Hälfte des Gedichts füllen. Der barocken Massigkeit der Antwort entspricht die Verdoppelung der Frage. Die zweite Gedichthälfte unterstreicht noch einmal wirkungsvoll die vorhergehende Antwort und widmet dann den Rest der Verse der Aufforderung, sich von der Hinfälligkeit der irdischen Welt ab- und der ewigen zuzuwenden, wo Schönheit nicht mehr Schein, sondern Wesen ist. So setzt der letzte Vers die beiden Abstrakta Ewigkeit und Schönheit als krönenden Abschluß gegen die Welt des kurzen Prangens.
      Hofmannsthal sieht die Welt als göttlich durchwirkte Einheit. Wiederholung und Abwandlung dient hier nicht der vereindringlichenden Häufung des Nämlichen, sondern der Entfaltung verschiedener Bezüge eines Unendlichen, Unergründbaren. Die sprachliche Form ist nicht wuchtig-einprägsam, sondern vielfältig-nachspürend. Dem entspricht eine andere Bildsprache: Nicht in klarer Anschaulichkeit gegebene Objekte zieht sie heran , sondern sie hält sich ans IJnanschauliche: Geist der Gottheit, Wein der Weisheit, Laut der Liebe ; die Metaphorik bewegt sich nicht im Raum der Gegenstände, sondern des sinnlichen Empfindens: Licht und Ton sowie des geistig Gestalteten : Gedicht, Vers, Buch . Die Welt ist nicht eine Summe von Gegenständen, die schroff der geistigen Wesenheit entgegengesetzt sind, sondern ein Gewirk sinnlich-geistiger Kräfte. Das Ewige, die Schönheit, der Geist Gottes ist in der Welt. So erscheint hier Ewigkeit und Schönheit nicht wie bei Hofmannswaldau am Ende des Gedichts, wo es ins Jenseits deutet, sondern ins Gedicht verflochten . Hofmannswaldaus Gedicht zerfällt in zwei gleichlange Teile, deren erster dem gewidmet ist, was das Fleisch für einen Abgott hält, während der zweite den Blick auf das lenkt, was die Seele jenseits des Zirkels dieser Welt erschaut. Die Trennung von Schein und Sein geht, wie durch die Welt, auch durch den Menschen hindurch: Fleisch und Seele. Bei Hofmannsthal muß sich das Problem anders stellen; und dem entspricht auch der Aufbau des Gedichts : ins Weltganze ist das Ich verwoben als eine seiner vielen schwindelnden Gestalten ; und doch ist das Ich zugleich ein Unwiederholbar-Eigenes , so unergründlich wie das Welt-Gedicht selbst .
     

 Tags:
Was  Welt?  -  Hugo  Hofmannsthal    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com