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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Vogelschau - Stefan George



Weisse schwalben sah ich fliegen Schwalben schnee- und silberweiss • Sah sie sich im winde wiegen • In dem winde hell und heiss.
      5 Bunte häher sah ich hüpfen • Papagei und kolibri Durch die wunder-bäume schlüpfen In dem wald der tusferi.

      Grosse raben sah ich flattern • 10 Dohlen schwarz und dunkelgrau Nah am gründe über nattern Im verzauberten gehau.
      Schwalben seh ich wieder fliegen Schnee- und silberweisse schar • 15 Wie sie sich im winde wiegen In dem winde kalt und klar!
Allein durch den Wortklang, nirgends durch Erlebnis- oder Weltabbild provozieren die drei ersten Strophen eine jeweils exemplarische »Schau« , die erinnerte Vision einer weißen, reinen Unschuldswelt, einer bunt-verwirrenden Urwald-Welt, schließlich einer düsteren Untergangswelt. Selten gewinnt die Lautung eines Gedichts soviel beschwörende Kraft. Das Wort allein als Klang ruft den gewünschten Eindruck herauf . Zudem fällt auf, wie ausschließlich die Vokale jeder Strophe dem zu gewinnenden Eindruck zugewiesen sind. Daß die i-e-ei der ersten, die Umlaute der zweiten, die o-a-u-au der dritten Strophe darüber hinaus mit raffiniert überlegten Konsonantengruppen in ihrer Eindringlichkeit unterstützt werden, entdeckt man wiederum am schnellsten von den Reimwörtern her. »wiegen — schlüpfen — nattern« z. B. entsprechen im Klang allein, nicht im Bild oder als kennzeichnender Griff, der zu erzielenden Wirkung.
      Wieweit dies Spiel mit dem »weltschaffenden Wort« reicht, erweist die letzte Strophe endgültig: sie — im Präsens — soll natürlich beglückende Bestätigung der ersten Vision erstellen; so müssen das aufreizende Eingangs- und das ebensolche Schlußwort der ersten Strophe fortgenommen werden, »schwalben« — beschwichtigend weiche Lautung — fliegen diesmal »in dem winde kalt und klar«: Nur die reine Unterkühltheit wird gesagt, als ein angenehmster Zustand. Deshalb kontrastiert die vorletzte vollständige Gleichklang-Zeile dem plastisch-knappen Einsilberschluß. So gewitzt, wird der Hörer schließlich glauben, daß kaum ein Buchstabe zufällig ist: »kalt und klar« ist selbstverständlich wie eine Metathese als feststellende Klammer geformt; die im Deutschen fremden Akzente von kolibri und Tusferi auf der letzten Silbe widersprechen den beiden anderen Reimen der zweiten Strophe; der regste Konsonantenwechsel in der zweiten Strophe, der Vorzug der Gutturalen in der dritten stammen aus der Klang-Absicht.

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