Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

Index
» Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen
» Vereinsamt - Friedrich Nietzsche

Vereinsamt - Friedrich Nietzsche



Die Krähen schrein

Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. -

Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!
5 Nun stehst du starr, Schaust rückwärts, ach! wie lange schon! Was bist du Narr Vor Winters in die Welt - entflohn?

Die Welt - ein Tor 10 Zu tausend Wüsten stumm und kalt! Wer das verlor, Was du verlorst, macht nirgends halt.
      Nun stehst du bleich, Zur Winter-Wanderschaft verflucht, 15 Dem Rauche gleich,

Der stets nach kältern Himmeln sucht.
      Flieg, Vogel, schnarr Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! -Versteck, du Narr, 20 Dein blutend Herz in Eis und Hohn!
Die Krähen schrein

Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
- Bald wird es schnein,
Weh dem, der keine Heimat hat!
Aus dem ungeheuren Vorrat an Bildern und Zeichen, über den die Natur verfugt, hat Nietzsche ein eindrucksvolles Bild herausgegriffen. Die ersten drei Zeilen dieses Gedichts stellen ein Äußerstes an knapper »Naturzeichnung« dar. Wenige Striche, kühn hingesetzt, sind es nur, doch das Ganze leuchtet daran auf: die Landschaft, der Winter, die Kreatur, die sich eilig zu bergen sucht. Es ist nicht gleichgültig, welches Tier vom Dichter — ob bewußt oder unbewußt — beschworen wird. Hier sind es die Krähen, »unlyrische« Vögel zweifellos, solange man unter dem Lyrischen das versteht, was Gemüt und Sinnen schmeichelt. Krähen widersprechen den naiv-pantheistischen Trieben des Spaziergängers. Mit ihrem schwarzen Gefieder scheinen sie den Tod und Vergänglichkeit, an Einsamkeit und Schmerz zu erinnern, kurz: sie wiederlegen den optimistischen Mythos von der mit dem Lebendigen sympathisierenden Natur —, die eben nicht immer auch schon »Heimat« ist.

     
Diese Vögel »schrein«. Nietzsche setzt das mit menschlichen Assoziationen bela-dene Verb an die erste Stelle. Dann erst bezeichnet er den Hauptvorgang: daß die Vögel »schwirren Flugs« zur Stadt »ziehen«. Eine solche Anordnung ist nicht unwichtig; sie »bedeutet« etwas. Das Gedicht hebt mit einem dunklen, schweren, klagenden Akkord an. Substantiv, Verb: das ist alles. Ein lapidarer, knapper Satz, der nackte Hauptsatz, der das Thema des Gedichts im Bilde vorwegnimmt. Nicht nur im Bild, auch im Klang: die langgezogenen Laute ä und ei, an das r gebunden, sind ungemein suggestiv, ohne daß sie im geringsten arrangiert wirkten.
      Die Kreatur ist dem Menschen im »Wissen« um die Gefahr voraus. Tiere sind Mahner und Warner, wie die Krähen des Gedichts, die in ängstlichem, hastigem Aufbruch zur Stadt ziehen, weil es bald schneien wird: der Winter, die jährliche Katastrophe der Natur, kommt heran und bedroht alles Lebendige mit seiner Starre. Das kühn gebildete Adjektiv »schwirr« prägt sich dem Gehör und der Phantasie des Lesers besonders ein. Dieser Ausdruck, ein Stück Laut- und Bewegungs-Malerei auf den ersten Blick, vom Verb »schwirren« hergeleitet, tönt doch auch an Wörter wie »irr« oder »irren« an, geht also unmerklich über den akustischen und optischen Vorgang hinaus. Ein zweites Lesen des Gedichts jedenfalls, das die sinnbildliche Funktion des ganzen »Natureingangs« über allen Zweifel erhebt, schärft das Ohr für die symbolische Qualität solcher Details.
      Ein Gedankenstrich — Nietzsche, der Philosoph und der Lyriker, ist ein Freund des Gedankenstrichs — beschließt das konkrete, überaus schlichte Bild des Gedichtanfangs. Die folgende Zeile, die letzte der ersten Strophe, greift dann überraschend ins Allgemeine aus. Fast sentenziös mutet sie an in der Abstraktheit ihrer Wendung. Nun steht das Bild der dahinziehenden Krähen, obwohl es in seiner Eigenständigkeit und seiner Intensität um nichts gemindert wird, plötzlich in einem anderen Licht. Es ist »gedeutet« — wie, das kann endgültig nur vom Ganzen des Gedichts, von der Struktur her, gesagt werden. Nietzsche schlägt am Ende der ersten Strophe das Thema »Heimat« an. Er tut es mit Emphase. In der Form des Ausrufs preist er den, der angesichts kommender Unbill noch Heimat hat.
      Die zweite Strophe bringt eine neue, überraschendere Wendung. Statt das in der sentenziösen Unbestimmtheit des Ausrufs beschworene Thema »Heimat« in abstrakten Paraphrasen »auszuarbeiten«, hebt Nietzsche nunmehr das Gedicht ins Persönliche. Dieser Wechsel, dieser Sprung ist höchst dramatisch. Die elegische Ruhe des Bildes am Anfang — ruhig ^irkte jenes Bild trotz seiner unheilschwangeren Stimmung und trotz des schwirrenden Vogelflugs —, die quasiphilosophische Anmerkung der vierten Zeile femer: das alles wird abgelöst durch jähe Bewegung. Jetzt wird es ernst, jetzt kommt das Eigentliche! — dieses Gefühl hat jeder, der das Gedicht liest oder hört. An diesem Punkt eben geschieht es, daß Nietzsches Gedicht »Vereinsamt« durch die Verallgemeinerungen, die »Objektivierungen« des Bildes und der Rede hind urch auf Existenz stößt: Der Dichter spricht von sich selbst.
      Entscheidend für die innere Form des Gedichts nun ist die rollenähnliche Inkan-tation des eigenen Wesens, der man übrigens oft im Werk Nietzsches begegnet: auch

Zarathustra spricht die eigene Seele mit »Du« an. Nietzsche redet hier von sich selbst nicht, indem er »Ich« sagt, sondern indem er »Du« sagt. Das Gedicht ist Zwiesprache, genauer: Es ist in der Zwiesprache realisierte, unsentimentale Ich-Aussage. Das Ich tritt dem Ich gegenüber. Die eine Stimme sagt zu der anderen, die durch das gesamte Gedicht hindurch stumm bleibt, — »Du«. Es hat etwas Ergreifendes, dieses Stummbleiben der anderen Stimme Nietzsches; sie gehört jedoch mit ins Gedicht, ist verschwiegen anwesend als eine Stimme, die zählt
— was allein daraus hervorgeht, daß die redende Stimme im ganzen Gedicht gewissermaßen vergeblich redet: Das andere Ich ist nicht mehr zu beeinflussen von dem, der es hier ebenso intim wie rücksichtslos anspricht. Es ist bereits auf vorbestimmtem Weg; die versteckten Vorwürfe und Mahnungen kommen zu spät. Jener Weg aber führt nicht in die Heimat: Die zweite Strophe enthüllt, daß das Gedicht »Vereinsamt«, dieses Gespräch Nietzsches mit sich selbst, im Grunde — Klage ist.
      Das »Ach« der zweiten Strophe steht zentral. Es intoniert die Klage mit Nachdruck. Der Dichter ist »vor Winters« in die Welt »entflohn«. Nun steht er starr und blickt zurück. »Narr«, so redet der Dichter sich selber an. Es ist klar
— warum. Die Krähen sogar wissen, was es heißt, einen Winter wie den kommenden ertragen zu müssen, und ziehen nach der Wärme der Stadt, in der die Menschen leben. Der Dichter aber verhält sich genau umgekehrt. Da es Zeit ist, sich in Sicherheit zu bringen, eben da bricht er ins Unvertraute auf. Er weicht der Katastrophe nicht nur nicht aus; er geht ihr sogar entgegen. Allerdings — und damit gerät er in Widerspruch mit sich selbst, gibt er der anderen Stimme das Recht, zu schelten und zu klagen — allerdings handelt er nur mit halbem Herzen. Er hat sich nicht wahrhaft frei gemacht. Der »Narr« hat getan, was er nicht wahrhaft tun wollte.
      Offenbar hat er in seiner Torheit die »Welt« unterschätzt . Jetzt, da es zu spät ist, umzukehren, stellt sich die Welt als das dar, was sie ist: »ein Tor / Zu tausend Wüsten stumm und kalt«. — Die »Welt« gerät hier bei Nietzsche in begriffliche Nähe zur »Wüste«. Wer sich auf die »Welt« einläßt, der gelangt dem Gedicht zufolge in die »Wüste«, und zwar um so tiefer, je weiter er geht: denn es sind »tausend Wüsten«, die ihm entgegengähnen. Was »Welt« und »Wüste« meinen, erhellt genauer aus der entgegengesetzten Wirklichkeit, die das Gedicht nennt, der Heimat: Die Heimat schützt den Menschen, auch wenn sie ihn durch Enge und Stumpfsinn bedrängen mag; dort ist der Mensch bekannt, dort kennt er sich aus; das Gespräch mit den Freunden spendet dem Geist, der häusliche Herd spendet dem Körper Wärme. Die »Welt« aber ist stumm und kalt, weil all dies dort fehlt; sie ist der totale Widerspruch zu dem, was Heimat heißt.
      Auf die Frage der zweiten Strophe »Was bist du Narr / Vor Winters in die Welt entflohn?« — eine Frage übrigens, die einem Ausruf gleicht — gibt der zweite Teil der dritten Strophe eine Art Antwort. Richtiger: sie enthüllt jene Frage als Ausruf. Nun ergeht sich das Ich, das im Gedicht spricht, keineswegs mehr in vorwurfsvoll scheltender Frage. Es trifft, resigniert und voll geheimen Mitleids, eine Feststellung.

     
Es verwendet sich gleichsam brüderlich dem stummen, erstarrten Ich zu; es erweist seine verborgene Identität mit diesem Gesprächspartner: »Wer das verlor, / Was du verlorst, macht nirgends halt«. —
Die Flucht, von der die zweite Strophe sprach, wird jetzt näher als Verlust bestimmt, und zwar als Verlust besonderer, gewichtiger Art . Immer deutlicher entfaltet sich das Gedicht. Wo das Dichten Klage ist, da geht es ja seit alters um einen Verlust. Auch bei Nietzsches Gedicht »Vereinsamt« handelt es sich um Klage in diesem ursprünglichen Sinn. Der Dichter hat die »Heimat«, aus der er »entflohn« ist, verloren. Das schmerzliche Bewußtsein des Verlusts kann, logischer Weise, nur im Rückblick manifest werden. Wenn die zweite Strophe ganz konkret einen Menschen vergegenwärtigt, der zurückblickt , so ist damit zugleich die Gestimmtheit des gesamten Gedichts bezeichnet : Nicht in der tätig ergriffenen Gegenwart und nicht in der vorweg geplanten Zukunft gründet das Gedicht, sondern in der Vergangenheit. Die im Schmerz erinnerte Vergangenheit ist der wesentliche Zeitaspekt des Gedichts, das sich damit, etwa im Sinn der Staigerschen Poetik, als typisch »lyrisch« ausweist. Die Form der Vergangenheit, die hier vorwaltet, ist näher zu bestimmen: Vergangenheit kann im Zusammenhang des Lebens eine durchaus versöhnliche Kraft haben. Sie braucht nicht unbedingt »vorbei« zu sein; der Mensch kann auch auf das Vergangene zurückkommen; der geheime Sinn der Zukunft kann sich als Ankunft der Vergangenheit enthüllen . In Nietzsches Gedicht »Vereinsamt« aber hat die Vergangenheit ein tragisches Gesicht. Sie ist unwiderruflich dahin. Der Mensch, der hier so verzweifelt klagt, ist zur Zukunft verurteilt. Es gibt keine »Religion« für ihn. Was er besaß, hat er endgültig verloren. Statt in glorreiche Freiheit scheint er in ein weltweites Gefängnis entlassen. Er kann nirgends mehr haltmachen. Das starre Dastehen und die Flucht immer tiefer in Wüsten hinein sind im Grund ein und dasselbe — ein schwindelnder Fall in die bodenlose Zeit: die Zukunft. Was Nietzsche räumlich ausdrückt: Die Welt ist eine Wüste, kann man auch zeitlich ausdrücken: Die Zeit ist eine Wüste, für den nämlich, der die Heimat der Vergangenheit verloren hat. Aus diesem Verlust resultiert eine tiefe, kreatürliche Angst. Der Unterton dieser Angst ist nicht zu überhören in dem Gedicht. — Daß der Zeit-Aspekt bedeutsam ist, beweisen übrigens auch die verhältnismäßig zahlreichen Zeit-Adverbien: »bald«, »jetzt noch«, das zweimalige, sehr betonte »nun« am Anfang der zweiten und vierten Strophe, »lange schon«, »vor Winters«. Die vierte Strophe wirft ein neues Licht auf den beschriebenen Tatbestand. Der Dichter ist, wie Nietzsche mit einer an Wagner erinnernden, stabreimenden Wortprägung sagt, »zur Winter-Wanderschaft verflucht«. Nietzsche zieht ein eindringliches Bild heran: Wie der Rauch in stets kältere Himmel aufsteigt, so verliert sich der wandernde Dichter in immer sinnlosere Höhen, in eisige Leere. Es braucht nicht ausgeführt zu werden, daß in diesem Bild jegliche Verbindung zwischen dem Rauch als Sinnbild des Gebets und des Opfers und einem von Gott durchwalteten Himmelaufgegeben ist. Hier liegt auch nicht etwa eine bewußte Pervertierung des vertrauten Bildes vor. Der Himmel des Gedichts wird ganz selbstverständlich als kalt und stumm vorgestellt; nur noch Höhe besitzt er, die von der Erde entfernt; er ist gleichsam eine neue Wüste, senkrecht auf die Wüste der Welt gestellt. Der Interpret gebrauchte an anderer Stelle den Ausdruck »zur Zukunft verurteilt«. Nietzsche drückt sich schärfer aus. In Strophe vier heißt es: Der Heimatlose ist zur Winter-Wanderschaft »verflucht«. Ohne eine Ausdrucksnuance überfrachten zu wollen, darf man doch von diesem Wort sagen, daß es eine besondere Wucht besitzt, die aus der personalen Sphäre stammt, der es von Haus aus zugehört. Ein Urteil ergibt sich aus einer abstrakten Ordnung und trifft einen Fall unter anderen. Der Fluch aber ist in seinem Wesen individuell; er haftet am Kern der Person und läßt sich allein von dem, der den Fluch verhängt hat, lösen. Nietzsche schildert die Wirkung des Fluchs ganz konkret — mit herkömmlichen Worten: »Nun stehst du starr«, »Nun stehst du bleich«. — Ist es etwa, so möchte man fragen, ein solcher Fluch, der den Dichter mit »Schuld« belädt und ihn hindert, zurückzukehren? Oder ist es todesmutige Verantwortlichkeit einer immer anspruchsvolleren Aufgabe gegenüber ? Ist es zwanghafte Lust am Untergang? Oder irgendein unverschuldetes Geschick?
Angesichts solcher Fragen taucht die Gefahr auf, mit vorgefaßten Meinungen über Nietzsche zu operieren. Es ist zweifellos ein hoher Reiz dieses Gedichtes, daß es von Nietzsche verfaßt wurde und von keinem anderen. Aber gerade deshalb fragt es sich, ob man bei der Deutung der Verse von dem erdrückenden Mythos »Nietzsche« nicht einmal absehen sollte. Das vorliegende Gedicht leistet am ehesten Hilfestellung bei der Gesamtinterpretation Nietzsches, wenn es vorweg aus sich selbst heraus verstanden worden ist.
      Wichtig im Zusammenhang der obigen Fragen scheinen die Ausdrücke zu sein, die der Dichter Nietzsche hier verwendet, um seinen Aufbruch aus der »Heimat« zu umschreiben. Fliehen , Verlieren , Verflucht-Sein — das alles sind Wörter mit einer negativen Bedeutungs- und Gefühlsnuance. Wer flieht, macht sich mit Gewalt frei; er muß Angst vor der Verfolgung haben; eine stärkere Macht sitzt ihm im Nacken, und seine Freiheit bleibt weiterhin bedroht. Es ist etwas anderes, ob man flieht oder ob man etwas niederstößt, wegwirft usw. Verlieren weist auf Besitz. Es geschieht unfreiwillig; man merkt es nicht, wenn man etwas verliert; oft trauert man dem Verlorenen nach oder findet sich in solcher Trauer immer schon vor. Das Verfluchtsein stellt die Freiheit des Ichs am nachdrücklichsten in Frage. Der Fluch lähmt den Willen. Das Ich erstarrt, oder, wie es im Gedicht heißt, es steht starr. Aus dieser Wortanalyse erhellt sich bereits: Der Aufbruch des Ichs aus der »Heimat« ist im Zwielicht von Zustimmung und Widerstreben, von Handeln und Erleiden, von Schuld und Unschuld erfolgt, wobei die negative, passivische Komponente entschieden überwiegt. Der Zwiespalt durchzieht das ganze Gedicht. Nicht zuletzt das Zwiegespräch, das, wie aufgewiesen, charakteristisch für die innere Form der Verse ist, spiegelt dieses Grundverhältnis wider: Weil der Dichter uneins mit sich selber ist, vermag er sich im Gedicht anzureden als »Du«.

     
Schneidend, mit einem grellen, rhythmisch besonders beschwerten Auftakt setzt die fünfte Strophe ein. Der harte, lieblose Imperativ »schnarr«, der sich mit dem schrillen I des »flieg« und dem hohlen O in der Versmitte zu schockierender, kontrastreicher Vokalmusik verbindet, beherrscht den Strophenanfang. Der erstarrt dastehende Dichter ruft sich selber in bitterer Ironie zu: Schwing dich nun auf in die Lüfte, wie du ja wolltest, und sing dein Lied! Sei der freie Vogel, der du bist, und genieße das neue Dasein außerhalb des Käfigs, aus dem du geflohen bist! Blutet dein Herz? Versteck es in »Eis und Hohn«! Geh zugrunde; denn zugrunde gehen wolltest du doch, da du ja hierher gewandert bist!
Der Dichter, der in der Einsamkeit singt, der »Freigeist« wird hier mit dem »Wüstenvogel« verglichen, dessen hungriger, heiserer Schrei ins Leere tönt. Anders interpretiert: Da es sinnlos ist, in der Wüste ein Lied zu singen, wird dem Dichter bedeutet, es zu schnarren — wie die Wüstenvögel. Denn Sinn und Schönheit werden überflüssig, wo es den Widerhall lebendiger Sympathien nicht mehr gibt. — Wie sehr das Ich des Mitgefühls bedarf, wie sehr es seine Existenz aus dem Gefühl speist, das sagt das Gedicht in einer volkstümlichen Wendung aus, die zum symbolischen Grundbestand der Poesie gehört und fast schon ans ästhetisch Primitive grenzt: »Versteck, du Narr, / Dein blutend Herz« — Das Herz ist seit eh und je Sinnbild der privatesten menschlichen Wirklichkeit. Wo das Herz »blutet« in der Poesie, da ist das kreatür-liche Zentrum der Person betroffen, da hat der Schmerz die Tiefen aufgegraben: Der Mensch leidet.
      Woraus quillt das Leiden des Ichs in diesem Gedicht? Die Frage kann nicht eindeutig beantwortet werden. Sie soll es auch nicht. In der Gestimmtheit des Gedichts fallen die Widersprüche der Vernunft zusammen. Das Herz des Dichters, so kann man den »gedichteten« Tatbestand immerhin rational zu umschreiben versuchen, das Herz blutet, weil es die Wüste nicht ertragen kann. Der stumme Protest des warm pulsierenden, sehnsüchtigen Lebens gegen die Eiseskälte der Winterlandschaft, die hoffnungslose Klage um den Verlust der Heimat sprechen sich darin aus. Das »konservative« Herz widersetzt sich dem Narren-Entschluß zur Freiheit der Wüste. Zur gleichen Zeit kann das »blutend Herz« des Gedichts aber auch das Leiden bedeuten, durch welches der Dichter als Dichter immer schon gezeichnet und zur Einsamkeit »verflucht« war. Das Leiden würde dann als Ursache, nicht als Folge der Flucht erscheinen: Der Dichter, um das Tiefste, Wirklichste bekümmert, gerät eben infolge dieser Bekümmernis in die »Wüste« und findet nichts als »Eis und Hohn«; er »vereinsamt«. Es ist bedeutungsvoll, daß an dieser Stelle zum zweitenmal das Wort »Narr« auftaucht: diese Grundvokabel Nietzsches für eine zur Nutzlosigkeit verurteilte Existenz.
      Die Begriffe Herz und Heimat stehen hier im innigsten Bezug zueinander. Weil das Ich seine Heimat verlassen hat oder weil es, zur Fremde verflucht, nie eine besaß, deshalb blutet das Herz. Nietzsches Gedicht »Vereinsamt« stammt zweifellos nicht aus dem Intellekt. Trotz einiger rhetorisch anmutender Wendungen, trotz kühner Wortbildungen wie »Wüstenvogel-Ton« und »Winter-Wanderschaft«, in denen für einen Augenblick der Hang Nietzsches zum metaphorischen Esprit sichtbar wird,hat das Gedicht nichts mit lyrischer Spielfreude zu tun. Es wurzelt im Herzen, im Gefühl. Der tiefe, in der Selbstanrede zugleich distanzierte und verdichtete Schmerz, der wie ein scharfer Luftzug die Verse durchweht, erhebt dieses formal ganz herkömmliche Gedicht auf die Ebene großer, moderner Lyrik.
Die letzte Strophe greift das Bild des Anfangs wieder auf. Das Gedicht ist von imponierender Schönheit. Doch es steht und fällt mit diesem Bild, das sich unvergeßlich einprägt. Die Wiederholung hat ihre besondere Bedeutung in der Struktur des Gedichts: Die Anfangsstrophe und die Schlußstrophe sollen das »Objektive« sagen. Diesem »Rahmen« gegenüber wirken die Strophen zwei bis fünf, mit der plötzlichen Wendung ins Persönliche bei Strophe zwei, »subjektiv«; die Klage wird da unmittelbar ausgesprochen; etwas Räsonierendes liegt sogar darin. Das Bild der Krähen aber, die vor Winters zur Stadt schwirren, ruht in großartiger Objektivität. Das ist Klage, ins Symbol gebannt. Das gesamte Gedicht tönt hier bereits an: in der Wüste des Daseins die Not der Kreatur und ihre rechtzeitige, instinktsichere Flucht nach der Stadt; der bittere Zwang selbst für das Tier, um so mehr also für den Menschen, Heimat zu haben.
      In der ersten Strophe folgt auf das Naturbild der Satz »Wohl dem, der jetzt noch — Heimat hat!« In der letzten Strophe heißt es abgewandelt »Weh dem, der keine Heimat hat!« Beides sind allgemeine Wendungen. Während die erstere noch vergleichsweise harmlos lautet, ist die letztere lapidar und ausschließlich formuliert. Mit ihrem urtümlichen »Weh dem«, in dem das Thema des Verfluchtseins noch einmal anklingt und das an Nietzsches berühmtes »Weh dem, der Wüsten in sich birgt!« erinnert, hat sie einen allgemeinen und einen persönlichen Sinn. Die Schlußzeile spricht eine abstrakte Wahrheit über die heillose Verfassung des Menschen ohne Heimat aus, und sie ist zugleich Gipfel der Klage dieser einen konkreten Existenz, die hier im schmerzlichen, gramvollen Streit mit sich selber liegt. Der Gedichttitel, zu dem Nietzsche sich entschloß, nachdem er eine ganze Anzahl anderer Titel versucht hatte, ist von fast rührender Schlichtheit. Eine sehr »lyrische« Ãœberschrift, dieses »Vereinsamt«. Und ebenso »lyrisch«, d. h. einfach, liedhaft, ohne Gedankenfracht oder Stilspannungen, ist die äußere Form des Gedichts. Nichts lebt da von der formzersprengenden Gewalt der Dionysos-Dithyramben. Alle Strophen sind gleich gebaut. Jede besteht aus vier jambischen Verszeilen. Auf einen zweihebigen Vers, die Anbewegung, folgt im Wechsel ein vierhebiger Vers, die elegisch verströmende Abbcwegung. Beide Verse verbinden sich jeweils zu einem festen Teil im Ganzen der Strophe, so daß fast durchweg ans Ende der zweiten Zeile, in die Mitte jeder Strophe also, ein syntaktischer Einschnitt fällt. Der Kreuzreim aber, der dafür sorgt, daß die Zeilen eins und drei bzw. zwei und vier an ihrem

Ende miteinander reimen, leistet die musikalische Bindung über die syntaktische Trennung hinaus. Ein schlichtes metrisches und reimliches Schema. Es ist das angemessene Gefäß für das einfache, wuchtige Thema des Gedichts. Abgesehen von der fünften Strophe, in der ein jäher Tempowechsel erfolgt und in der auch der Ton ins Grelle angehoben wird, müssen die Verse langsam, getragen gesprochen werden. Weder Geistreichigkeit noch forcierte Assoziationen mindern in diesem Gedicht die lyrische Intensität. Kein Denkschema steht im Hintergrund, nach dem »dichterisch« gearbeitet worden wäre. Das Gedicht entfaltet sich aus einem Kern. Die ganze Klage quillt aus jeder Strophe, wiederholt sich, in Abwandlungen, von Mal zu Mal. Hinter den unprätentiösen, ineinander übergleitenden Bildern und Wendungen öffnet sich die dunkle Tiefe der Existenz: Das Gedicht »Vereinsamt« besitzt »Transzendenz« in hohem Maß. Hier wurzelt auch Nietzsches ureigener, in der Schwermut noch seltsam kühn und nobel wirkender Rhythmus. Er materialisiert sich nur in den Versen. Er macht das metrische Schema erst wahrhaft suggestiv und ist im Grunde wissenschaftlich nicht zu fassen. Zwangsläufig führte die vorliegende Interpretation mit ihren Wort- und Bildanalysen immer wieder in jene Zone der Widersprüche, in der die rationalen Aussagen das schwankende Gesicht von Konjekturen annehmen und in der auch das Gedicht sich selber nicht mehr »versteht«.
     

 Tags:
Vereinsamt  -  Friedrich  Nietzsche    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com