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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Stufen - Hermann Hesse



Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. 5 Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,


Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
      Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, 10 Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
      Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf um Stufe heben, weiten. 15 Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
      Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde 20 Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
      Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Dieses Weltanschauungs- und Selbstdeutungsgedicht von hohem ästhetischem Rang läßt sich auf verschiedene Weise interpretieren: als Gedicht einer zeitlosen Lebensschau und Lebensdeutung, als biographisch-lebens- und werkgeschichtliche Aussage und als Textdokument innerhalb des literarischen und entstehungsgeschichtlichen Kontextes des großen Romans Das Glasperlenspiel. Dort steht es unter den 13 »Gedichten des Schülers und Studenten« an vorletzter Stelle des Zyklus. In Wirklichkeit ist das Gedicht am 3. Mai 1941 entstanden und unter den dortigen Gedichten eines der spätesten. Wie eng man auch immer den Zusammenhang mit dem Roman sieht, es bleibt das Gedicht eingebettet in Hesses Entwicklung in den dreißiger und frühen vierziger Jahren, und es erscheint auf dem Hintergrund zweier bekannter Äußerungen Hesses aus dem Umfeld des »Glasperlenspiels« keineswegs nur abstrakt-theoretisch und »unzeitgemäß«, sondern eminent politisch, nur nicht auf eine vordergründige Weise. Die eine Äußerung lautet: »Wenn die äußere Welt uns eine Heimat und ein Gedeihen nicht erlaubt, müssen wir uns eben die Atemluft selber schaffen ...«; bereits von hier aus lassen sich einzelne Aussagen des Gedichts wesentlich konkreter bzw. auch wohl problematischer deuten , und auch der so rätselhaft und befremdlich erscheinende Weltgeist stellt sich uns viel weniger als eine

Zitation des Hegeischen Weltgeistes dar als vielmehr jenes Goetheschen Daimo-nion, das den Menschen auf allen Stufen »hält« — Goethes Geist atmet das Gedicht ja auch sonst, einzelne Verszeilen klingen auch in ihrer lyrischen Harmonie an Verse des späten Goethe an . Auch andere Wendungen und symbolische Wortverbindungen wie »des Lebens Ruf«, »das Herz« lassen es ratsam erscheinen, den Weltgeist nicht als abstrakt-theoretisches, sondern als ein »zauberhaftes Wesen«, im Sinne des Goetheschen Fas/inosums, mit zu verstehen. Aber auch jene andere und direktere Äußerung Hesses vermag uns Deutungshilfe zu sein: »Die Luft war wieder giftig, das Leben in Frage gestellt, dies war der Augenblick, in dem ich alle rettenden Kräfte in mir aufrufen mußte, um einen Atemraum zu schaffen inmitten der Giftgase . . .« . Ganz in diesem Sinne enthalten die »Stufen« einen Appell an das Leben, an stete Verjüngung, wie es wiederum Goethe benennt, an die Kraft der Ablösung, um auf anderer Stufe »neues Leben« zu gewinnen. Hier schließen sich auch die lebensgeschichtliche und die allgemeine Interpretation enger zusam men, während die Deutung der weltanschaulich am wenigsten eindeutigen vier Schlußverse — in der Fassung des Romans sind sie signativ von den übrigen abgehoben — erneut die Frage nach der interpretato-rischen Adäquanz herausfordern. Versteht man sie nämlich nicht nur allgemein als eine bis in die Transzendenz geführte Variation des »Stirb und Werde«, sondern bezüglicher, auf den voraufgegangenen Tod Josef Knechts hin vorausschauend gesprochen, wird doch ein erheblicher Unterschied in der interpretatorischen Reichweite sichtbar. Unabhängig von solchen methodologischen Fragen erstellt sich aus diesem Gedicht des gut sech/igjährigen Dichters das Phänomen, das sich jedem Leser Hesses mitteilt, seine unzerstörbare Jugendlichkeit, sein unerschütterlicher Glaube an die Entelechie, daß in jeder »Entwicklungs«stufe — der Begriff sollte nur mit Vorsicht hier verwendet werden — bereits die neue und folgende angelegt ist, daß »Abschied» und »Neubeginn«, »Aufbruch« und »Reise« die aufeinander bezogenen Spannungsbögen sind, aus denen heraus sich Leben bildet; nicht zufällig wird der Leitbegriff »Lebensruf« zweimal — in schöner ästhetischer Variation als »des Lebens Ruf« — aufgenommen und reimlich mit dem Leitmotiv »Stufen« zusammengebunden . An diesem »energetischen Moment«, der Widerstandskraft gegen alle Verhärtungen, Restauration oder auch nur private Resignation, die diese Verse vermitteln, sollten sich alle methodischen und strukturanalytischen Verfahren orientieren. So sollte vor einer Strukturbeschreibung - Bauform , symbolische Leitworte , Satzbögen und Vers-, Reimbindung — ein ausführliches Wirkungsgespräch stehen; beim Vortrag I Vorlesen / Erlesen sollten die Musikalität, die innere Gestimmtheit und Stimmigkeit des Gedichts und der Verse, zum Ausdruck kommen. Vielleicht wird man auch auf die »klassische Prägung« einzelner Vers- und Satzverbindungen bzw. auch auf Wortverbindungen aufmerksam machen .

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