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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Sommergesang - Paul Gerhardt



1. Das Gedicht beginnt mit einer Anrede des Dichters an sein eigenes Herz; sie umfaßt die erste Strophe und stellt ein Exordium im Sinne der rhetorischen Tradition dar: es wird die Aufmerksamkeit angezogen und zugleich das Thema angeschlagen, das im weiteren Verlauf auszufuhren ist. Der Dichter fordert sein Herz auf, sich an der sommerlichen Natur zu erfreuen, denn — und damit wird die Strophe zur Definitio — die Welt ist Gottes Garten, ihre Schönheit Gottes Gabe an den Menschen. Diese Aussage wird in zwei Satzbögen entfaltet, die jeweils eine Halbstrophe umspannen. Das erste Satzgefüge ist allgemeiner formuliert, im zweiten wird variiert und präzisiert; diese Gedankenfigur erscheint wiederholt im Sommer- Gesang, sie wird durch den Bau der Strophe nahegelegt und ist am Parallelismus membrorum der Psalmen orientiert. Schon die Einleitung erinnert somit daran, daß das Vorbild der Kirchenliederdichtung zu allen Zeiten die alttestamentliche Psalmdichtung war. Die Anrede an das eigene Herz ist ein geläufiger Topos, der sich in der deutschen Lyrik von Friedrich von Hausen bis Christine Busta nachweisen läßt. Im Kirchenlied des 17. Jahrhunderts erfreut er sich besonderer Beliebtheit; hier tritt er vor allem — neben Anreden an den Geist, die Seele, das Gemüt und die Sinne — als Einleitungsformel auf, wobei wieder die Psalmen mit der dort verbreiteten Personifizierung des Herzens sowie der einleitenden Anrede an die eigene Seele Vorbild gewesen sein dürften. Sicherlich soll eine solche Anrede des Zentrums der Person neben einer Evozierung des Gemütskomplexes, der mit >Herz< traditionell verbunden ist, darauf aufmerksam machen, daß existentielle Dinge zur Sprache kommen — der Affectus cordis ist nach der altprotestantischen Dogmatik, in der Gerhardt zu Hause war, wesentliches Ziel aller Theologie.

      Der Imperativ »suche Freud« im ersten Satz wird durch »Schau an [...] Und siehe« im zweiten erläutert. Die Freude besteht demnach in der Betrachtung, und bei dieser muß es sich um ein kontemplatives Schauen handeln, falls jene nicht ganz äußerlichbleiben soll. Die reflexivische Konstruktion »Sich ausgeschmücket haben« ist im Sinne des biblischen Passivs zu verstehen: Gott als Urheber der Handlung soll möglichst nicht mit Namen genannt werden. Von der numinosen Scheu, die bei dieser Redeform früher im Hintergrund stand, ist hier nichts mehr zu spüren. Geblieben ist jedoch die Sprachfigur, die gegen den vordergründig aufgefaßten Wortlaut und in Ãœbereinstimmung mit Vers 3 anzeigt, daß die Natur nicht als autonomer Bereich, sondern als Schöpfung gesehen wird. Deren Ausschmückung gilt »mir und dir«; diese Wendung — eine der zahllosen zweigliedrigen Formeln Gerhardts — faßt Sprecher und Angeredeten zusammen, meint also den Menschen überhaupt. Dem Ich der Dichtungen Gerhardts fehlen hier wie anderswo nahezu alle subjektiven Züge. Es bezeichnet kein unverwechselbares Individuum, sondern jeder, der den Text liest oder singt, ist aufgerufen, sich mit ihm zu identifizieren. Der vielberufene Gegensatz zwischen den Wir-Liedern Luthers und den Ich-Liedern Gerhardts kennzeichnet nicht den Ãœbergang vom >objektiven Be-kenntnislied< zum >subjekti ven Erlebnislied

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Sommergesang  -  Paul  Gerhardt    





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