Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

Index
» Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen
» Sensible Wege - Reiner Kunze

Sensible Wege - Reiner Kunze



Sensibelist die erde über den quellen: kein bäum darfgefällt, keine wurzelgerodet werden
Die quellen könnten versiegen
Wie viele bäume werden gefällt, wie viele wurzeln gerodetin uns


   Das 1966 entstandene Gedicht ist zugleich Titelgedicht des ersten Gedichtbandes, mit dem der Autor bei uns bekannt wurde: >Sensible Wege< . Es ist nicht nur exemplarisch für das moderne Naturgedicht, das zwangsläufig zum >Warngedicht< werden muß , sondern auch für Kunzes verinnerlichtes und >zö'gerndes< lyrisches Sprechen. Das Gedicht spielt, typisch für die interne Literatur- und Lyrik-Situation in der DDR — Kunze lebte damals noch in Greiz, DDR —, den geheimen Verweisungszusammenhang , auf Peter Huchels bedeutendes politisches Naturgedicht »Der Garten des Theophrast« an; jenes Gedicht, das Huchels Abrechnung und Epitaph zugleich darstellte . Entscheidend ist der vorletzte Vers des Huchel-Gedichts »Sie gaben Befehl, die Wurzel zu roden« — aufgenommen bei Kunze — »keine wurzel gerodet werden«. Schon aus dieser Gegenüberstellung erkennt man, daß auch Kunzes Gedicht eine doppelte Lesart erfordert: die eher vordergründig-oberflächenhafte des Natur- und ökologischen Warngedichts mit dem schönen Einsatz , dann die in der zweiten Strophe ganz deutlich werdende politisch-historische Lesart bzw. Botschaft des Gedichts . Bereits die Mittelachse des Gedichts benennt den Doppelaspekt des Gedichts, die Warnung vor einer »Ausdörrung des Landes«, sprich der Unterdrückung der Stimmen der Kritik, der Gegenentwürfe und Utopien, mit einem Wort, der nicht-konformen Literatur und Kunst. So wird die Vokabel »versiegen« zum Schlüsselwort — bezogen auch auf das Phänomen des poetischen, lyrischen Verstummens als der dem Dichter und insbesondere dem Lyriker zu allen Zeiten und in allen Systemen von seiner Spracherfahrung und Sprachsensibilität, vom poetischen Material selbst her erwachsenden Bedrohung.

 Tags:
Sensible  Wege  -  Reiner  Kunze    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com