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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Schneider-Courage - Johann Wolfgang von Goethe



Das unter den »epigrammatischen« Formen zu findende kleine Lied dürfte selbst Goethe-Kennern wenig bekannt sein; Erich Trunz hat es nicht einmal in die repräsentative »Hamburger Ausgabe« aufgenommen. Entstehungsdatum dürfte 1776 sein, in der Sammlung steht es zwischen »Stoßseufzer«, »Perfektibilität« und »Katechisation«. Goethe hat, wohl wissend um die Verschiedenartigkeit seiner Lyrik, sowohl vom Formalen wie Gehaltlichen her, der Sammlung das Motto vorausgeschickt: »Sei das Werte solcher Sendung / Tiefen Sinnes heitre Wendung«, und man tut gut daran, dies auch für die Interpretation des kleinen Liedes zu beherzigen. So melodramatisch der Einsatz, so kalauerhaft beinahe schon der pointenhafte Schluß. Ohne Zweifel besitzt der »junge Jäger«, der seine Schießübungen im Hinterhaus macht, die ganze Sympathie »des lyrischen Protokolleurs«, und wie immer man sich diese Ãœbungen denkt, Erotisch-Unziemliches kann man ja nicht unbedingt ausschließen, die Düpierten und Dummen sind auf jeden Fall die Spatzen, was ja noch angehen mag , und das arme Schneiderlein , das sein Fett abbekommt. Freilich muß man sich fragen: Wie kommt der Schneider so mir nichts, dir nichts in der 2. Strophe ins Gedicht, entspricht der Schneider dem literarischen Zensor, au f den es der j unge Literat abgesehen hat, oder ist er der gehörnte Ehemann —? Wie dem auch sei, die Szenerie entwickelt sich ausschließlich aus der Situation in der 1. Strophe heraus. Und es ist zu vermuten, daß der »junge Jäger« schon noch andere Gründe haben wird, die Spatzen und den Schneider zu vertreiben, als den ihrer Mitesserschaft.

      Bleibt die Frage, was mit solcherart Lyrik anzufangen ist. Will man sie nicht ganz als unerheblich abtun und sich an der scherzhaft-hintersinnigen, leichten Form ergötzen, so bieten sich an gestaltender I 'ortrag mit besonderer Gestaltung der Pointe, Einübung in die Verslehre, in Reim und Kadenz; sicher böte das Liedchen auch Anlaß, Goethes damalige biographische und literarische Situation zu bemühen, vielleicht auch in dem Sinne, wie es Leo Kreutzer getan hat, mit dem Seufzer: Mein Gott — Goethe! Eine andere Möglichkeit bestünde im Motivvergleich mit »Jägers Nachtlied« aus den »Versen an Lida«.

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