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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Reklame - Ingeborg Bachmann



Wohin aber gehen wirohne sorge sei ohne sorgewenn es dunkel und wenn es kalt wirdsei ohne sorge 5 abermit musikwas sollen wir tunheiter und mit musikund denken 10 heiterangesichts eines Endesmit musikund wohin tragen wiram besten 15 unsre Fragen und den Schauer aller Jahrein die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorgewas aber geschiehtam bestenwenn Totenstille


20 eintritt
Schon durch die Druckanordnung sind Zeilen unterschieden, die Fragen stellen und andere, die, flüchtig der Versform angenähert, Fetzen von Reklamesprüchen laut werden lassen. Dabei integrieren sich diese Sprüche zu einer optimistischen Weltauffassung, die durch die Fragen des Gedichtsprechers als falsch enthüllt wird. Am Ende fließen beide Stimmen zusammen, indem der Superlativ »am besten« sowohl zu dem Reklameoptimismus als auch syntaktisch in die Fragen hineinpaßt. Sehr eindrucksvoll ist das letzte Wort, weil es den Vokal von »heiter« und das unbetonte i von »M usik« in sich enthält und so ein klangliches Echo zu dem Reklamesingsang bildet, der in der »Totenstille« zur Ruhe kommt. Das Wort »eintritt« erhält eine überraschende mythische Lebendigkeit. Die Totenstille bewegt sich auf uns zu.
      Die beiden Aussagen des Gedichtes, die Fragen und der Reklamesingsang, sind aber auch durch Vokalklänge miteinander verbunden. Die o-Laute von »ohne Sorge« klingen in »sollen« , »wohin« und in »Totenstille« wieder auf. Dieses Wort ist vokalisch auch mit dem kurzen i von »eintritt« verbunden und macht den klanglichen Verweis auf »Musik« geradezu zwingend. Der Sprecher sagt »wir«. Der Leser ist zur Teilnahme eingeladen, ein lyrisches Ich bildet sich. Die Struktur ist zu einem Teil der in Goethes Dämmerung senkte sichvon oben . .. ähnlich. An der Stelle der Landschaft steht der Reklamesingsang, der vom lyrischen Ich orientiert wird, und am Schluß findet eine Vereinigung statt. Aber auch die Protestsituation, wie sie der zeitgenössischen Dichtung vor allem vom Expressionismus her vertraut war, ist Teil der Struktur. Daher ist die Trennung zwischen dem lyrischen Ich und der Umwelt viel stärker als in Goethes Gedichten, es handelt sich jedoch weder um die Predigtstruktur noch um eine Schock-Intention. Das lyrische Ich fragt ganz schlicht: »wohin aber gehen wir«? Es ist dem modernen Treiben nicht so überlegen, daß es ein Urteil fällen könnte. Es weiß nichts besser; nur durch sein Fragen setzt es den optimistischen Singsang negativer Beurteilung aus, weil es auch dann nicht zu fragen aufhört, wenn ihm eine Schein-Antwort gegeben wird. Die Reklamezeilen standen anfangs beziehungslos den Fragen gegenüber. Dann fügen sie sich adverbial den Sätzen des Sprechers schlecht und recht ein, um in Vers 16 eine Antwort auf seine Frage zu versuchen. Die fortgesetzte Frage aber beschwört das Eintreten der Totenstille, worauf der Singsang verstummt.
      Die Fragen des lyrischen Ich sind weder Verse noch Prosa, sondern verlangen ein eindringliches rhythmisches Sprechen, wie es in moderner Lyrik üblich geworden ist. Es gibt eine deutlich spürbare rhythmische Gestalt: die meisten der Fragezeilen haben zwei Hauptbetonungen. Dieser rhythmische Haupttyp wird unterbrochen von zwei Zeilen mit nur einer Hauptbetonung und einer mit drei . Diese rhythmischen Variationen verhindern, daß ein Fluß zustande kommt, die Aussage behält etwas Zögerndes. Der Haupttyp ist aber stark genug, um die Betonung beider Silben im letzten Wort und Vers zu erzwingen.
      Es wäre wenig sinnvoll, die geradezu Uberdeutliche Struktur dieses Gedichtes im Ernst als Vorbild hinzustellen. Es ist aber sicher, daß sie zur Wirkung des Gedichtes beiträgt. Das Gedicht erschließt sich unmittelbar; es erlaubt, daß ein lyrisches Ich sich herstellen kann, der Leser also nicht vom Verständnis ausgeschlossen ist. Auf private Chiffren und Rätselsprache wird verzichtet, was in zeitgenössischer Lyrik und auch unter Ingeborg Bachmanns Gedichten selten ist. Dem lyrischen Ich steht eine »Gegenwelt« gegenüber, die gewissermaßen im Lichtkegel des lyrischen Momentes durch das lyrische Ich Sinn erhält, einen negativen in diesem Falle. Die Sinngebung wirkt auf das lyrische Ich zurück, es findet sich in der »Gegenwelt«. Das ist eine Grundstruktur, die wir in vielen Gedichten finden, von den Merseburger Zaubersprüchen an. Daß die Reklame hier an die Stelle von mythischer Erzählung oder Goethes Landschaft tritt, hat nichts mit Zersetzung zu tun. Es ist oft erstaunlich, wie blind manche Geschichtsschreiber der modernen Lyrik gegenüber der Tatsache sind, daß sich in der Literaturgeschichte in Variationen Altes dauernd wiederholt, daß der Glaube an einen notwendigen und endgültigen Gang der Formgeschichte irrig ist. Der Spielcharakter der Kunst bringt es mit sich, daß Strukturen, Aussagen, Bilder, auch Arten der sprachlichen Beschwörung, wiederholt, parodiert, karikiert, tabuiert und dennoch wieder aufgenommen werden. Parodie insbesondere ist ein normales Verhalten gegenüber einer Tradition.
     

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