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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Reisen - Gottfried Benn



Meinen Sie Zürich zum Beispiel sei eine tiefere Stadt, wo man Wunder und Weihen immer als Inhalt hat?
Meinen Sie, aus Habana, weiß und hibiskusrot, bräche ein ewiges Manna für Ihre Wüstennot?
Bahnhofstraßen und Ruen, Boulevards, Lidos, Laan -


   selbst auf den Fifth Avenuen fällt Sie die Leere an -
Ach, vergeblich das Fahren! Spät erst erfahren Sie sich: bleiben und stille bewahren 15 das sich umgrenzende Ich.
      Sehr verehrter Herr Benn,wenn Sie mich so fragen : nein. Ich meine nicht, Zürich sei eine tiefere Stadt. Das Wort tief"im Zusammenhang mit egal welcher Stadt erscheint mir überhaupt unpassend. Wunder und Weihen, gar ständige, vermute ich in dieser Bankenmetropole schon gar nicht. Bei Wunder und Weihen fiele mir eher Lourdes ein, und die dort praktizierte Tiefe ist mir so wenig geheuer, daß ich den Ort immer sorgsam gemieden habe.
      Was Habana angeht: wenn auch kein ewiges Manna, so doch Ermutigungserlebnisse haben einige dort letzthin gesucht; aber daß keinerlei Wüstennot dort gelindert würde, hätte ich gleich gewußt. Am stärksten aber mußte ich einmal auf der 5th Avenue an Ihre Frage denken: Wie kamen Sie zu der Vermutung, ausgerechnet dort falle einen Leere an? Ich weiß schon, Sie meinten die andere, die innere; aber so leer kann sich einer allein gar nicht fühlen, daß er dort nicht vor allem den Eindruck hätte, von Fülle überfallen zu werden.
      Darum, möchte ich jetzt sagen, war die Frage nicht ganz die richtige, und auf unrichtige Fragen gibt es selten richtige Antworten. Unsereins reist nicht, weil er ein ewiges Manna sucht, sondern weil die Welt voll ist von Unterschieden, auch unterschiedlichen Anblicken. Wer inmitten der endlosen grauen Wochen beispielsweise am Bayerischen Platz in Berlin zu leben gezwungen ist , könnte doch auch ganz ohne Wunderhoffnungen das Bedürfnis verspüren, seinen Sinnen einen anderen, einen heftigeren, einen ansprechenderen Eindruck zuzuführen.
      Sie wußten das natürlich ganz genau. Sonst hätten Sie, damals in den fünfziger Jahren, als das Volk nach den Capri-Fischern schmachtete und die große Reiseraserei anhob, sich und uns nicht so gebieterisch dieses »Hiergeblieben« zugerufen. Schon die Art, wie Sie die Bahnhofstraßen und Ruen, die Boulevards, Lidos, Laan in aller Welt so genußvoll und kosmopolitisch aufzählen, zeugt von langen touristischen Gedankenspaziergängen in den armseligen Jahren großdeutschen Eingesperrtseins, und weiß und hibiskusrot war und ist Berlin-Wilmersdorf nun wahrhaftig nicht. Es war gewiß nicht notwendig, eine simple Fahrt nach Zürich zu einer Alles-oder-nichts-Angelegenheit zu machen, sich den zwar nicht alle Seelennot behebenden, aber in dem einen oder anderen Licht doch wohltuenden Anblick des Limmatquais zu versagen.
      Kurz, Ihr Gedicht hat niemanden und auch mich nicht aufgehalten, und doch ist es mir überallhin nachgegangen. Immer, wenn ich es mir wiederhole, kriecht mir eine tiefe Rührung am Brustbein entlang in die Kehle. Nach all den lyrischen Ichs und Dus diese unvertrauliche 57'e-Anrede: die mußte einmal gefunden sein! Dann diese leichten Imperfektionen, die Ruen und diese sonderbaren deutsch-französisch-amerikanischen Fifth Avenuen bei Ihrem sonst so hochentwickelten Sinn für unpeinliche Reime, auch Ihre exzessiven Erwartungen ans Reisen: Es macht Sie sehr menschlich, es nimmt Ihnen einiges von dem Air des gestrengen Hüters von Zucht und Form, als der Sie sich sonst so oft jede Anteilnahme verbitten . Und wenn ich auch meine, daß Sie all den fremden Straßenzügen Unrecht taten, als Sie sie von vornherein verschmähten, so hatten Sie doch auch wieder recht. Mit uns fremd gewordenen Vokabeln deuten Sie auf ein unbefriedbares Verlangen hin, das in der Tat den Motor unserer Ortsveränderungen bildet. Wir wissen nicht, worauf dieses Verlangen eigentlich hinauswill, wir gäben sofort zu, daß wir die eigene Haut auch an den fremden Orten nicht abstreifen werden ... und trotzdem, irgendwie ... wäre es nicht möglich, daß uns eine andere Umgebung geradezu wunderbar befreite von den zuweilen so schwer erträglichen Festlegungen zu Haus? Ohne den beharrlichen Druck dieses Verlangens: Wir studierten kaum je einen Fahrplan, eine Straßenkarte.
     

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Reisen  -  Gottfried  Benn    





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