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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Pfaffenhut - Günter Eich



Oktober tötet. Oh Blumenblut! Den Waldsaum rötet der Pfaffenhut.
      5 Es reißen die Pfeile des Sonnenlichts Blume wie Stunden ins blaue Nichts.
      Der Mond, das Messer, 10 von Tränen geätzt, am Stein der Leiden zur Schärfe gewetzt,so noch am Tage zielt er auf mich. 15 Die wuchernde Schrift der Ranken erblich.
      Den flammenden Wunden entfließt kein Blut. Es glüht unterm Pfeile 20 der Pfaffenhut.
      Der erste große und für die deutsche Nachkriegslyrik bedeutsame Gedichtband, Günter Eichs >Abgelegene Gehöfte< von 1948 gestaltet zwei lyrische Erfahrungs- und Erlebniskomplexe verschiedenartiger und an sich unvereinbarer, aus der historischen Situation aber koinzidenter Konstellation: ursprüngliche Naturerfahrung und Gefangenschaft, Lager. Daß beide Komplexe ästhetisch noch nicht im Gedicht selbst miteinander »verrechnet« werden, Naturgedicht und politische Welt noch relativ unverbunden nebeneinander stehen, Strophenbau und Versmaß der Naturgedichte weithin noch dem »schönen Stil« angehören, wohingegen in den berühmten Lager-Gedichten bereits eine neue Stufe lyrischer Notation und historischer Reflexion — vorerst noch in »harter Fügung« — erreicht oder doch erprobt wird, hängt wesentlich auch damit zusammen, daß die Naturgedichte zu einem Gutteil bereits zwischen 1930—1934 entstanden sind und noch ganz in der Tradition der Naturlyrik des »Grünen Gottes« der »Kolonne«, geprägt durch die Leitfiguren Oskar Loerke und Wilhelm Lehmann, stehen. Mag sich gerade in »Pfaffenhut« mit seiner schier

überwältigenden Lautsymbolik bereits das magisch-reale Naturgedicht Eichs, für das er dann in den 50er Jahren ästhetisch und poetologisch einsteht, ankündigen, so bleibt nicht erst aufgrund unserer gegenwärtigen ökologischen Situation — Naturlyrik berechtigt nur noch als »Fährgeld für die Endzeit« — die Anfrage an das Gedicht verpflichtende Aufgabe einer jeden Interpretation und Analyse. Sperrt nicht auch dieses so wirkmächtige poetische Gebilde in seiner säkularisiert religiösen Betroffenheitsstruktur den Leser aufgrund seiner nicht nachvollziehbaren eskapistischen oder doch privatistischen Neigung aus, überdeckt nicht die Bilder»flut« das Unabgegoltene, die im Gedicht nicht reflektierte »Zumutung« an die Natur, nämlich in und durch den lyrischen Umwandlungsprozeß, die »Spiegelungen«, die psychischen Verwundungen heilen zu können?
Man tut also gut daran, sich von der poetischen Fülle des Gedichts, das noch deutlich auf Hölderlin, die Romantiker, vor allem Clemens Brentano, zurückverweist, nicht überwältigen zu lassen. Das Mystisch-Geheimnisvolle, das dem im Gedicht wiedergegebenen Augenblick des Oktobers beigemessen wird, die durchgängige Tendenz zur lyrisch-poetischen Konzentration und Steigerung , die syntaktische Ausspartechnik , die Doppelspur in der Bilder- und Metaphernwelt des Gedichts alles weist in Richtung »Absolute Lyrik«. Absolut in diesem Sinne ist ja bereits Hölderlins Herbst- und Lebensgedicht »Hälfte des Lebens«, und auch in Trakls Herbstgedichten ist der Augenblick des »blauen Nichts«, jener Zustand absoluter Entgrenzung, kurz vor dem »Ãœberschießen« , festgehalten, evoziert: »Den flammenden Wunden / entfließt kein Blut.« Wieder ist es die bis ans Oxymoron genäherte Durchbrechung der realen Erfahrung, die dem Bild Bedeutung verleiht, während die expressiven und lyrisch-pathetischen Bildwendungen der Mittelstrophe in ihrer säkulan-religiösen Semantik und formalsprachlichen Engführung — es ist der Augenblick und Zustand der Bedrohung, Schuld kommt mit ins Spiel, Restbestände aus der nächtlichen »Trauerarbeit« — durchaus in den Bilder- und Chiffrenbestand der Naturlyrik gehören. Huchel wird vom Mond als der »blanken Hacke«, unter der er sterben wird, »ohne das Alphabet der Blitze / gelernt zu haben« sprechen, Brentano sprach von den »Dornenschlägen«, denen er sich angesichts der Rosen-Schönheit ausgesetzt sieht . Mit den beiden letzten Versen des Gedichts schließen sich Naturerfahrung und existentielle Betroffenheit zusammen: »Es glüht unterm Pfeile / der Pfaffenhut.« Das Geheimnis wird nicht entschleiert, es wirkt fort; daß es bedrohlich umschlagen kann, scheint der Dichter »bereits in diesem Gedicht« zu wissen, das freilich ansonsten eher noch sich in der prekären, gesellschaftlicher Praxis enthobenen Schwebe befindet, wo sich »Lyrik selbst als Natur mystifiziert« .
      Hinweise zur Analyse / Interpretation:
1. Inwiefern lassen sich Konzentration und Steigerung als die entscheidenden Elemente der ästhetischen Struktur / »der Konsistenz des Gedichts« ausmachen? Bereits das Titelwort / das Bezugsobjekt »Pfaffenhut« ist solcherart gesteigert; vgl. die Verben, die Syntax und den Strophen- und Versbau.
      2. Nachvollzug der Aussagestruktur des Gedichts anhand der Lautstruktur .
      3. Herausfinden der zwei miteinander verschränkten Bildfelder — Konsequenzen für die »Lesarten« des Gedichts?
4. Fragen zum Naturverständnis:

— »real-symbolisch«
— »hermetisch-eskapistisch«

— »ahistorisch-elegisch«
— »ideologisch-mythisch«?
5. Gedichtvergleich u. a. mit der Naturlyrik der 30er und 40er Jahre, besonders Oskar Loerke; Wilhelm Lehmann .
     
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