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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Morgenandacht - Christian Knorr von Rosenroth



Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschöpften Lichte, Schick uns diese Morgenzeit Deine Strahlen zu Gesichte 5 Und vertreib durch deine Macht Unsre Nacht.
      Die bewölkte Finsternis Müsse deinem Glanz entfliegen, Die durch Adams Apfelbiß 10 Uns, die kleine Welt, bestiegen, Daß wir, Herr, durch deinen Schein Selig sein.

      Deiner Güte Morgentau Fall auf unser matt Gewissen: 15 Laß die dürre Lebensau Lauter süßen Trost genießen Und erquick uns, deine Schar, Immerdar.
      Gib, daß deiner Liebe Glut 20 Unsre kalten Werke töte
Und erweck uns Herz und Mut Bei entstandner Morgenröte, Daß wir, eh wir gar vergehn, Recht aufstehn.
      25 Laß uns ja das Sündenkleid
Durch des Bundes Blut vermeiden, Daß uns die Gerechtigkeit Mög als wie ein Rock bekleiden Und wir so vor aller Pein

30 Sicher sein.
      Ach! du Aufgang aus der Höh, Gib, daß auch am Jüngsten Tage Unser Leichnam auf ersteh Und, entfernt von aller Plage, 35 Sich auf jener Freudenbahn Freuen kann.
      Leucht uns selbst in jener Welt, Du verklärte Gnadensonne; Führ uns durch das Tränenfeld 40 In das Land der süßen Wonne, Da die Lust, die uns erhöht, Nie vergeht.
      Dieses Gedicht stammt von einem Autor, der in meiner Geburtsstadt vor dreihundert Jahren lebte, dort Kanzler am Herzogshof war, ein protestantischer Mystiker in einem kleinen inselhaften Territorium inmitten bayerisch-katholischen Gebiets, der die alchimistisch-kabbalistischen Neigungen des Herzogs unterstützte. In diesem Gedicht spiegeln sich für mich: ausgedehnte Wälder, Steinhalden, Erzgruben, der Feuerschein der Hochöfen über mittelalterlichen Mauern, die Idylle der Obstgärten, die unbeirrte Dickschädligkeit eines Menschenschlags. Das Gedicht hat von der ersten Zeile an den seltenen Klang, den auch die angriffslustigste Ironie anerkennt, den sie sich sogar zum Verbündeten sucht: den der Ãœberzeugung. Es ist ein Sehnsuchtsgedicht, das beste Schnsuchtsgedicht, das ich kenne. Es ist ein Ausblick aus einem Arbeitszimmer am Morgen; ein auffliegendes Gedicht, ein weises Gedicht und ein unbeugsames Gedicht. Ich gebe zu, ich wähle es aus privaten und vielleicht sogar lokalpatriotischen Gründen; aber ich bin nach »meinem Gedicht« gefragt worden — und das ist keine Frage an den zur Objektivität neigenden

Literarhistoriker, sondern an mich. Dieses Gedicht hat mich angeregt, Gedichte zu machen, es war das erste Gedicht, das ich als großes Kunstwerk empfand. Es ist für mich ein großes Gedicht geblieben — auch nachdem der Mythos, dem es dient, für mich verflogen ist. Denn der Drang und die Wahrheit eines Gedichtes bleiben, wenn auch das Kleid, und sei es ein so hautnahes wie hier, verblaßt. Seine Ãœberzeugungskraft liegt in jeder einzelnen Formulierung und in seinem Rhythmus begründet. In einem Verspaar wie
Daß wir, eh wir gar vergehn, Recht aufstehnliegt für mich mehr an Anruf und Aufforderung, als in den Pamphleten der Expressionisten und in den Appellen der Beat Generation: und zwar deswegen, weil der knappe Ausdruck jede weitere Erklärung überflüssig macht — ohne daß er simpel wäre; es ist, in seiner Grammatik und in seinem Reimbau, sogar höchst diffizil. Abgesehen von einigen Prosasätzen von Jean Paul finde ich den Moment der Befreiung nirgends besser ausgedrückt als in den Zeilen
Die bewölkte Finsternis

Müsse deinem Glanz entfliegen . . .
      Nie habe ich eine anregendere Metapher für die Querulanz des Daseins gefunden als jene von Adams Apfelbiß; und ich kenne keinen strahlenderen Schluß eines Gedichts. Erst später wurde mir klar, daß dieses Gedicht in seiner Bewegkraft sowohl christlich ist wie heidnisch, sowohl mystisch wie faktisch; daß es trotz Sündenkleid und des Bundes Blut ebenso den ägyptischen Sonnengott des Königs Echnaton ehren könnte wie Helios wie den Gott des Neuen Testaments; daß es so viel an skeptischer Erfahrung und so viel an unbesiegbarer Utopie, so viel an Erinnerungsschatten und an Hoffnungslichtern behält, wie ein insistierendes Leben behalten wird. Adams Apfelbiß und die Lust, die uns erhöht, die bewölkte Finsternis und der Glanz sind alte, nie veraltende Beschwörungen, die die Jahre begleiten. Sie sind nicht zufällig — ich finde sie wieder in anderen geliebten Versen von Johann Christian Günther und Jakob Michael Reinhold Lenz, von Clemens Brentano und Arthur Rimbaud, von Hans Arp. — Aber seit langem tauchen jedesmal, wenn ich mich dieser Gesangbuch-Verse erinnere, Verse jüngeren Datums auf, französische, von Baudelaire geschriebene Verse. Es scheint fast so, als seien sie als der unumgängliche Gegenpart für das Morgenlied meines barocken Herzogs-Kanzlers in die Welt gesetzt:
Doch von nun bist du nur, o Materie, die lebt, Ein Granit, von der bangen Woge umschwebt, Eingesenkt in den Grund der Sahara, verweht, Sphinx, um die sich die sorglose Welt nicht dreht, Auf der Karte vergessen, und die man vernimmt, Ihren wilden Humor, wenn die Sonne verglimmt.
     

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