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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Lob des Ungehorsams - Franz Fühmann



Sie waren sieben Geißleinund durften überall reinschaun,nur nicht in den Uhrenkasten,das könnte die Uhr verderben,hatte die Mutter gesagt.
Es waren sechs artige Geißlein,die wollten überall reinschaun,nur nicht in den Uhrenkasten,das könnte die Uhr verderben,hatte die Mutter gesagt.


   Es war ein unfolgsames Geißlein,das wollte überall reinschaun,auch in den Uhrenkasten,da hat es die Uhr verdorben,wie es die Mutter gesagt.

   Dann kam der böse Wolf.
      Es waren sechs artige Geißlein, die versteckten sich, als der Wolf kam, unterm Tisch, unterm Bett, unterm Sessel, und keines im Uhrenkasten,

   sie alle fraß der Wolf.
      Es war ein unartiges Geißlein,das sprang in den Uhrenkasten,es wußte, daß er hohl war,dort hat's der Wolf nicht gefunden,

   so ist es am Leben geblieben.
      Da war Mutter Geiß aber froh.

      A. Analyse
Das Gedicht besteht aus fünf fünfzeiligen ungereimten Strophen. Nach der »Exposition« der ersten drei Strophen bildet ein Einzel vers: »Dann kam der böse Wolf«, den Wendepunkt zum überraschenden zweiten Teil des Gedichtes. Auch dieser Teil wird durch einen Einzelvers wie durch eine »Konklusion« abgeschlossen: »Da war Mutter Geiß aber froh.«


Wenn auch die feste Verklammerung der Verse durch Endreimbindung fehlt, so schafft doch der Dichter enge Beziehungen und Fügungen durch sprachliche und klangliche Mittel anderer Art genug:
A) die Gleichheit der Strophenanfänge:

Sie waren sieben Geißlein
Es waren sechs artige Geißlein

Es war ein unfolgsames Geißlein
Es waren sechs artige Geißlein
Es war ein unartiges Geißlein Durch den Wechsel von »unfolgsam« und »unartig« wird gegenüber den sechs »artigen« Geißlein die Unordnung des einen Geißleins zusätzlich herausgehoben.
      B) Die Gleichheit der Strophenschlüsse:hatte die Mutter gesagt hatte die Mutter gesagt wie es die Mutter gesagt

C) Die Stereotypik des sprachlichen Rahmens:
»reinschaun«, »Uhrenkasten«, »verderben«
Diese Stereotypik teilt sich auch dem rhythmischen Gefälle der Strophen mit. Dieses ist durch einen festen Zweiertakt bestimmt bei variabler Versfüllung. Die Sprache wirkt prosanah und ist au feinen kindertümlichen »Märchenton« gestimmt.
      D) Auch das Satzgefüge paßt sich durch alle Strophen hindurch dem Grundton an. jede Strophe bildet ein vollständiges Satzgefüge, am Ende jedes Verses gliedert ein Komma den Satzaufbau. So entsteht der Eindruck eines gleichmäßigen Erzähl-rhythmus, wie er Märchenerzählungen kennzeichnet. Spannung wird vorzüglich durch retardierende Pausen bewirkt. Sie ergibt sich zudem durch die überraschende Kadenz im zweiten Gedichtteil. Die Intensität des Vortrages steigert von Strophe zu Strophe die Aufmerksamkeit im Hörer, der den Zusammenhang zu kennen glaubt, aber die »Pointe« frühestens im Kulminationspunkt »Dann kam der böse Wolf« zu ahnen beginnt.
      Aber auch die Schlußzeile hat eine besondere formale Qualität. Das Gedicht könnte ohne jeden Rest im Erwartungshorizont des Hörers mit der letzten Zeile der fünften Strophe schließen. Durch die »Konklusion« »Da war Mutter Geiß aber froh« erhält das Gedicht eine neue Öffnung, die sich - über Rettung und Freude hinaus - als Anspruch erweist.
      B. Interpretation
Franz Fühmanns »Lob des Ungehorsams« darf als Märchen interpretiert werden. Der Dichter eröffnet im Horizont des jedermann seit früher Jugend bekannten Märchens vom Wolf und den sieben Geißlein einen Aspekt, der so nicht ohneweiteres im Kontext vermutet wird. In der »Ökonomie« des Grimmschen Märchens »muß« ein Geißlein übrigbleiben, damit die Mutter erfahren kann, was geschehen ist. Fühmann fragt, wie denn überhaupt ein Geißlein in den Uhrenkasten geraten sein könne.
      Die erste Strophe bietet ein »Familienpanorama«. So geht es zu: Die sieben Geschwister wollen spielen, wollen alles »ein-sehen« und »begreifen«, nichts ist vor ihrem Entdeckerdrang sicher. Aber die große Standuhr liegt der Mutter besonders am Herzen. Ihr Uhrwerk muß verdorben werden, wenn die unkundigen und unsorgsamen Hände der Kinder darübergeraten. Die sechs artigen Geißlein bestätigen durch ihr Wohlverhalten das »Tabu« der Mutter. Aber da ist nun auch ein unfolgsames Geißlein, das will überall reinschaun, kein Geheimnis anerkennen, nicht dem Wort der Mutter, sondern allein der eigenen Erkenntnis folgen. ». .. da hat es die Uhr verdorben, wie es die Mutter gesagt«.
      Die ersten drei Strophen wollen als eine größere Einheit im Zusammenhang interpretiert werden. Die Akzente der Deutung beziehen sich schon durch die Gleichförmigkeit des Strophenaufbaus auf die gleichen Gegenstände: Der Wissensdurst der Geißlein, die geheimnisvolle Qualität des Uhrenkastens, das Verbot der Mutter, die Ordnung des Gefüges im Gehorsam der sechs, das Verderben der Ordnung im Ungehorsam des einen Geißleins.
      Bis dahin entspricht jeder Einzelaspekt einer allgemeinen Voraussetzung: Die Mutter weiß mehr als die Kinder - Die Kinder wollen wissen, aber sie sind auch - als artige - bereit, in legitimem Vertrauen der Autorität der Mutter zu folgen. Sie besitzen so viele Spielsachen, daß es für sie keineswegs darauf ankommt, auch in den Uhrenkasten zu schauen .
      Anders in der dritten Strophe das eine unfolgsame Geißlein: Es will auch in den Uhrenkasten schauen. Dafür besitzt es keinen anderen Grund als seinen Willen . Und da es offenbar heimlich und hastig nachschauen muß - der Dichter spart in seinem lapidaren Darstellungsstil, einem »Zeitrafferstil«, solche Zwischenszenen aus -, verdirbt es die Uhr und bestätigt damit die Voraussage der Mutter. Nach durch-■ schnittlicher Familienordnung verdient das unfolgsame Geißlein wegen seines Ungehorsams Strafe. Es hat die Uhr verdorben, an der die Mutter sichtlich hing. Aber nun wird das ganze Geschehnis in eine Klammer mit grundsätzlich veränderndem Vorzeichen gefaßt:
»Dann kam der böse Wolf«.
      Die heile Ordnung der Familie wird von außen bedroht und zerstört. Die artigen Geißlein verstecken sich - wie sie es wissen und gewohnt sind - »unterm Tisch, unterm Bett, unterm Sessel«, an Orten also, wo der Wolf sie mit Sicherheit erwartenund suchen kann. »Und keines im Uhrenkasten«; so kommt es, wie es kommen muß: »Sie alle fraß der Wolf.« Die ganze vierte Strophe scheint die These zu bestätigen, daß die tradierten heilen Welten keine Sicherheit gegen die Bedrohungen des Unheils sind, daß der Wolf gerade jene Schlupfwinkel mit besonderer Leichtigkeit aufstöbert, in die sich der bedrohte Mensch nach seiner anerzogenen Gewohnheit zurückzuziehen pflegt.
      Aber nun ist da noch das unartige Geißlein, das zwar seinerzeit die Uhr verdorben hatte - -, das aber zur gleichen Zeit auch erkannt hatte, daß der Uhrenkasten zu seinem weitaus größten Teil hohl war, hohl und groß genug, daß ein Geißlein sich in ihm verstecken konnte . .. »dort hat's der Wolf nicht gefunden«, denn wie hätte er es dort vermuten sollen. »So ist es am Leben geblieben«. Damit könnte »die Märe« aus sein. Ein Geißlein wurde gerettet, und die Pointe ist schon deutlich genug: Wie gut, daß das Geißlein damals ungehorsam war; zwar ging dabei das Uhrwerk entzwei, aber dafür gewann es später sein Leben. Das Geißlein durfte sich bestätigt sehen. Doch der Autor begnügt sich nicht mit dieser Pointe. Sie soll exemplarischen Wert bekommen. So setzt er noch ausdrücklich ein zweites Ergebnis hinter die Klammer: »Da war Mutter Geiß aber froh«. In ihrer Freude bestätigt die Mutter den Ungehorsam des Kindes, sie erkennt: das Leben eines Kindes wiegt den Verlust einer noch so kostbaren Uhr leicht auf. Aber eine solche lineare Deutung wird doch dem dialektischen Anspruch des Textes bei weitem nicht gerecht. Dieser Anspruch soll hier nur in der Form von Fragen artikuliert werden:
Gibt es Grenzen für das menschliche Erkenntnisstreben? Gibt es Instanzen, die die Autorität von Geheimnissen verteidigen können? Gibt es Geheimnisse? Oder nur - irgendwann prinzipiell lösbare - Probleme? Ist das Risiko der Erkenntnis vernünftig, wenn es die Uhren der Weltordnung »verdirbt«?
Ist das Erkenntnisstreben elementares Gebot des Willens zum Leben, der sich angesichts der geschichtlichen Entwicklungen mehr und mehr als Wille zum Überleben darstellt?
Ist das menschliche Leben den Preis wert, der gezahlt wird, damit der Mensch menschlich lebt?
Es kann kein Zweifel sein, wie Franz Fühmann auf diese Fragen antwortet. Unter den Voraussetzungen des marxistischen Weltbildes stimmt er dem Wort Bert Brechts zu »Es helfen nur Menschen, wo Menschen sind«. Alle Hilfskonstruktionen werden überflüssig, wenn der Mensch in konstruktivem Ungehorsam das verändernde Risiko der Freiheit auf sich nimmt, den Angriffen des bösen Wolfes mit aufgeklärtem Bewußtsein begegnet und die Verantwortung für sein Tun allein dem Anspruch des Lebens gegenüber artikuliert.

     
Jedenfalls werden die sechs artigen üeißlein, die der Mutter »aufs Wort gehorchen« - - vom Wolf gefressen. Das scheint ihren Gehorsam zu widerlegen. Und sicher gibt es einen Ungehorsam, der die System- und Ordnungszwänge durchbricht, nicht um in Chaos and Anarchie zu stürzen, sondern um Raum zu schaffen für neue, menschlichere Ordnung.
      C. Weiterführende Perspektiven
Mit gehöriger Diskretion ließe sich Fühmanns Gedicht über den Bezugsrahmen des Märchens vom Wolf und den sieben Geißlein hinaus auch mit anderen Bildern konfrontieren und assoziieren. War nicht das Wissen-Wollen der ersten Menschen die Ursache des »Sündenfalles«? Gibt es eine Gesetzlichkeit, die der Mensch niemals überbieten, sondern nur entweder bestätigen oder »verderben« kann? Das »unartige Geißlein« entspricht der Forderung, die Günter Eich in einem seiner mahnenden Gedichte so formuliert hat:
»Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind! .. . Seid unbequem, seid Sand, nicht das öl im Getriebe der Welt.« Es läßt sich nicht mit platter, geistloser Opposition identifizieren, sondern ist Ausdruck des Willens zu freier und verbindlicher Entscheidung aufgrund eigener Prüfung und Erkenntnis. Solcher Ungehorsam hinterfragt alle Autorität auf den Grund ihrer Legitimation, nicht um sie grundsätzlich zu bestreiten, sondern um sie zu veranlassen, menschengerecht zu bleiben. Die Qualität des Ungehorsams wird durch die Qualität der Entscheidung bestimmt. Nichts von dem, was immer so war, muß immer so bleiben; Institutionen können »verderben«, wenn sie den Menschen nicht mehr »retten«. In jeder neuen Lage neu nachzudenken und durch neue Erkenntnis den Wissensstand so zu erweitern, daß die Lebensmöglichkeit gesichert bleibt, das ist ein elementares menschliches Gebot, und konstruktiver Ungehorsam gegen jeden tradierten Anspruch ist ein Ausdruck der Verantwortung für den Menschen. Vor allem aber ist er Ausdruck kritischen Zweifels, der nicht bereit ist, das Geltende für endgültigkeit, das Bestehende für das ohne weiteres Beständige zu halten. Der freilich auch die Versuchung zur Verzweiflung widersteht und gerade darin seine lebenfördernde Kraft erweist.
     

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Lob  Ungehorsams  -  Franz  Fühmann    





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